Donnerstag den 5. März
1908
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Kelmuih vsn Lonlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Lohsen hatte das ganz fassungslose Mädchen aufgehoben und zum Sofa geführt. Hiev lehnte sie in den Kissen und weinte in die vorgehaltenen Hände. Er schenkte ein Glas Wasser ein und hielt es ihr an die Lippen.
„Bitte, trink' doch! Ich habe dich erschreckt. Tas wollte ich nicht. Ich hätte bedenken sollen, wie zart und erregbar du bist."
„Ach, laß! Wenn ich jetzt sterbe, so sterbe ich vor Glück! — Besseres könnt' ich mir nicht wünschen. Bist du's nun wirklich — wirklich? Ja, du bist's!"
' Eine Weile sah sie ihn aus brennenden Augen unverwandt an, als könnte sie es noch nicht fassen, daß er hier leibhaftig! neben ihr saß — aber plötzlich wich diese Ekstase ebenso leidenschaftlicher Abivehr. Sie zog ihr Kleid zusammen, stieß seine Hand zurück und drückte sich in die äußerste Ecke des Sofas.
„Geh!" flüsterte sie hastig, „ich darf dich ja nicht Wiedersehen. Ich hab's geschworen!"
Er legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm'.
„Werde doch ruhig," bat er.
Me aber drückte beide Hände vors Gesicht, wandte sich heftig ttb und lag so, über die Seitenlehne des Sofas gebeugt, in krampfhaftem Schluchzen.
„Fort! Fort! Sieh nM nicht an. Wenn ich deine Augen sehe, breche ich mein' Gelöbnis — und ich will nicht :— ich will nicht! Vergiß die Schwäche, die mich dir zu Füßen warf — vergiß mich — wie ich dich —" schrie sie auf — „vergessen will, vergessen will ich!"
Er schwieg und gab sich alle Mühe, ihr nicht zu zeigen, wie entsetzlich ihm ihre hysterische Aufregung war, dies Zucken und Zittern und das Maßlose in ihrem Gebaren. In dieser Umgebung, da alles an ihren Beruf mahnte, die halboffenen Koffer, aus denen Kleider, Federn, Bänder zu quellen schienen, die beiden hohen Ständer dort am Spiegeltisch, von denen blondgelockte Perücken wallten, dies über eine Stuhllehne geworfene, altfran- tzösische Kostüm und nicht zum mindesten ein aufdringlich süßes Parfüm — hier erschien sie ihm eben einfach theatralisch, und das um so mehr, als ihm ihre Aufregung unverständlich war.
Jetzt sprach sie leise, in atemloser Hast, vornübergeneigt und beide Hände an die Stirn pressend:
„Siehst du, Loys, — es ist so. Tu warst mein Leben und ich —• war dir nichts. Tu hast mich geliebt — eine kurze Zeit — und dann bist du gegangen und hast mich vergessen. In deinem Leben war kein Mum für mich. Aber immerhin, „ ich war so stolz auf meine Liebe zu dir. Da hörte ich vor einem halben Jahr, du ständest in« Begriff zu heiraten. Ich schrieb dir. Tu hast mir nie geantwortet —■ — du hattest ja schon meinen vorletzten Brief unbeantwortet gelassen. Nun begriff ich, weshalb. Tu warst an eine Frau gebunden, du liebtest eine, die deinen Namen tragen sollte und das Recht hatte, mich zu verachten. Tiefe Erkenntnis
traf Mich mit furchtbarer Gewalt •— oh, wen» du nachfühlest könntest, was ich da durchgemacht habe. Nicht nur, daß alles aus war, für immer — nein, mit einem' Schlage zerriß die Illusion meiner stolzen Freiheit und ich mußte es erfahren, iuiti das schmeckt, im Schönsten, was das Leben mir geboten, in meinet! Liebe zu dir, Schmach und Fehl zu sehen! — Loys, auf der Erde habe ich gelegen und mich gekrümmt wir der getretene $8urnt, im rasenden Schmerz dieser Erkenntnis.... aber ich sage nichts mehr von dieser Stunde. Allmählich wurde ich ruhiger, . der Wahnsinn wich — aber die bittere Hefe blieb. Durch einejst Zufall kam mir einige Monate später die Gewißheit, daß du »och frei warst. In der Straßenbahn hörte ich deinen Namen« nennen. Man sprach davon, du werdest Brautführer sein bei einer im Herbst stattzuhabenden Hochzeit, man sprach den Wunsch aus, dich auch bald verlobt zu sehen. Also warst du es noch nicht und Momentan versetzte mich di« Gewißheit in einen Freudenrausch. Doch bald kau« die Vernunft, das schrecklich klare, erbarmungslos« Uebcrlegen ivieder. Ich hatte einmal der Wahrheit ins Auge geblickt und erkannt, daß ich zu den Verlorenen zählte, ich konnte meinen Blick vor der Zukunft nicht länger verschließen: Heuttz warst bit nicht nicht, was Mich auf ewig erniedrigen wird —i aber morgen kannst du es schon sein, Gatte einer anderen! —' Und da schwor ich mir — und den Schwur halte ich, daß ich aufa hören wolle, dich zu lieben, und nie wieder, nie! — mich mit einem Wort in dein Leben drängen wolle, und sollte dich selbst ein Zufall in meinen Lebensweg führen und das Wiedersehen! deine tote Liebe wieder anfachen . . . Also geh', verlaß mich!"-
Ta war cs wieder, das große Mitleid mit diesem armen) exaltierten Geschöpf, jene Rührung, welche einst die Brücke zur Liebe geworden lvar. Wird es zum« zweitenmal so ausklingcn? Sollte er wirklich imstande sein, noch einmal für sie zu fühlen) was er einst für sie gefühlt? „Arme, gemarterte Seele!" — sagtzk er weich.
„Tas bin ich, und du bist's, der mich martert mit dciistr' Stimme — bis zum Wahnsinn! — Geh!"
„Höre mich doch an, Luise — ich habe ja noch gar nicht ge-, spwchrn. Sieh mir doch in die Augen, gib mir die Hand."
Sie wich noch wilder zurück, grade wie damals am Fluß, mit diesem todunglücklichen, starren Augen und denr kreideweißest Gesicht.
„Ich will nicht hören, nicht sehen. . . geh!"
„Luise, ich kam, um dir meine Hand und meinen Namen attt zutragen. Was hast du mir darauf zu sagen?"
„Du — mir?" . . . ein bitteres Auflachen „so kamst du also, nm mich zu verhöhnen!"
„Ich kam, nut dich zu fragen, ob du der Bühne entsagen unbi mich heiraten willst," er fand den Ton weicher Herzlichkeit —- „liebe Luise, lvas ich eben sage, hätte ich längst sagen sollen."
Ganz fahl war ihr blasses Gesicht, er hätte davor erschreckest können, hatte ihn diese hoffnungslose Unmöglichkeit, . an seine Worte zu glauben, nicht so gejammert.
„Tn — willst —" sagte sie tonlos — „du willst" — sie reckte sich in die Höhe, steif und ganz automatenhaft, als richie sie sich an seinen« Blick empor, aber kaum stand sie, so lvarf sie sich auch schon auf die Knie und erhob die gefalteten Hände;


