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Jugendstreich den Geschworenen darzustellen, und sie gaben ihn frei. Von dem in den Fluten der Nidder verschwundenen Karabiner war glücklicherweise nicht die Rede.

So ging der Winter 48/49 dahin. Heinrich Dernburg hatte sich bereits mit leidenschaftlichem Eifer an der Hand unseres Vaters, der sein juristischer Lehrer und Freund war, in die Geheimnisse der Jurisprudenz vergraben und setzte jedermann in Erstaunen durch die instinktive spielende Sicherheit, womit er ihre Probleme entwirrte, und die künstlerische Hand, mit der er aus der Mosaiksammlung der römischen Pandekten organische Gebilde neu zu schaffen verstand, seine Phantasie arbeitete dem nachspürenden Ver­stand in seinen historischen Forschungen stets voraus. Der Politik schenkte er nur noch ein nebensächliches Interesse. Da trat das deutsche Problem in eine neue Phase, die Heinrich Dernburgs Recht'sgefühl wie sein vaterländisches Empfinden in gleicher Weise aufregte. Die Reichsverfassung war beschlossen, ein Kaiser war gewählt. Aber schon war es klar, daß, alles auf dem Papier bleiben würde, wenn nicht eine die ganze Nation umfassende Bewegung jeden Widerstand unmöglich machte. Vereinzelt schlugen die Flam­men schon in Deutschland auf. Nun galt es, die noch Zögernden fortzureißen. Die Stimmung in Deutschland war keineswegs hoffnungsfreudig. Aber war es nicht Ehren­pflicht derer, die so oft von Deutschlands Einheit und Frei­heit geredet hatten, in der Stunde der Entscheidung auch mit der Tat dafür einzustehen? Es waren nicht die schlech­testen, die so dachten, aber wie in kritischen Zeiten die Regel, die wenigsten.

Auf der Bude von Heinrich Dernburg versammelten sich die nächsten Genossen zu einem Kriegsrat. Moritz Bardeleben war nicht mehr darunter, er hatte den gefähr­lichen Boden Gießens verlassen und sich nach seinem ge­liebten Breslau gezogen. Karl Hillebrand war da und einige andere. Auch der Redakteur desJüngsten Tages", der rote Becker. Man beschloß, sich deut Aufstand in Baden anzuschließen und alsbald aufznbrechen. Nur der rote Becker entschuldigte sich, er hatte eine feine Witterung, daß da unten nichts zu holen sei; er müsse in den Vogelsberg, dort die Bewegung zu organisieren. Er bewaffnete sich mit ein paar Weinflaschen aus unserem väterlichen Keller, die auf dem Tische standen und verschwand. Ich weiß nicht, ob er in Gießen überhaupt wieder aufgetaucht ist. Trotz seines großen Bartes und seines lapidaren Stils im Bierbaß mag er kein großer Held gewesen sein. Er war in der Demagogen­verfolgung glimpflich durchgekommen und hatte dann in der Schweiz gelebt. Seine Kameraden munkelten, daß er, in der Untersuchunggepfiffen" habe. In dem nordamerikan. Sezessionskrieg ist er als Feldprediger eines deutschen Re­gimentes noch einnial genannt worden. Gott habe ihn selig. Als er zur Tür hinausging, sagte er zu mir, der vhrenspitzend dabeistand:Höre einmal, Kleiner, du machst mir in den nächsten Tagen mein Blatt!"

Dem ehrenvollen Auftrag kam ich natürlich nach und verdiente mir in den Jahren der Unterprima meine ersten journalistischen Sporen als Leiter des großen Revolutions­blattes. Der Setzer weihte mich in die Geheimnisse von Schere und Kleisterpinsel ein; viel Kopfzerbrechen gehöre nicht dazu, alles komme auf den Druck und die großen Bilchstaben an. So schnitt ich denn aus dem Haufen von Zeitungen lauter Siegesnachrichten heraus, wozu nament­lich der ungarische Aufstand das Material lieferte, verband das Ganze mit den zurzeit odenschwimmenden Kraftworten und hatte eine Zeitung redigiert. Zu meiner vollen Befrie­digung. Der Verleger stellte nach einigen Tagen ihr Er­scheinen ein.

Unterdessen war der Jammer im elterlichen Hause über den entschwundenen Sohn von Tag zu Tag größer ge­worden. Man hatte ihn schon, glücklich der Politik ent­ronnen, in den Hafen des Studiums eingelaufeu geglaubt, und nun dieser Rückfall. Ich konnte es nicht länger mehr ausehen und beschloß den Versuch, meinen Bruder aus einem Unternehmen zurückzuholen,. dessen Hoffnungslosigkeit täg­lich offenbarer ward. Ich entriß dem Vater, der befürchtete, auch den zweiten Sohn im revolutionären Abgrund ver­schwunden zu sehen, die Erlaubnis und ging aus, meinen Bruder zu suchen.

Zunächst wandte ich mich nach Frankfurt und ließ mir von einem mir bekannten demokratischen Führer eine Ein­führung bei dem Haupt der badischen Revolutionsregierung, demBürger" Brentano, und ich weiß nicht, was für

anderen Bürger geben. Mein Bekannter überwies mich einer Art von Revolutionsagentur in Frankfurt, die mich wohl für einen jugendlichen Rekruten der guten Sache nehmen mochte. Der direkte Weg nach Baden war durch die vor­rückenden Preußen und Hessen gesperrt. So ward ich zu­nächst nach Hanau dirigiert. Das revolutionäre Haupt­quartier daselbst war die Turnerkneipe. Dort herrschte ein geschäftiges Treiben, ein geheimnisvolles Kommen und Gehen. Ich merkte, daß etwas Besonderes vorging. Am anderen Morgen hörte ich, daß in der Nacht die Hanauer Turner ein paar hundert Mann stark nach Baden abgerückt seien. Sie haben sich dort bei Hirschhorn mit den Hessen herumgeschlagen.

Am Ufer erwartete ich dann das Schiff, das mich main- aufwärts nach Wertheim bringen sollte. Da nahte es heran, über und über beflaggt wie ein Hochzeitsschiff, Böller­schüsse kündeten es an und begleiteten seine Fahrt. Es war das Schiff, das die Reste der Nationalversammlung und die neubestellten Reichsregenten nach Stuttgart zu führte. Der Präsident des Rumpfparlaments war darunter, der prächtige Wilhelm Löwe-Calbe, mit dem ich später im Reichs­tage sitzen sollte, Karl Vogt und andere Zelebritäten, auf deren Namen ich mich nicht besinnen kann. Doch war das Rumpfparlament, wie es hernach in Stuttgart tagte, ziem­lich vollständig beisammem Auf dem Verdeck becherte man, scherzte und sang. Lustig lag die Sonne auf dem glitzernden Strom zwischen seinen Rebenhügeln, den beflaggten Dörfern und Städtchen. An den Haltestellen des Bootes drängte sich die Bewohnerschaft, Reden wurden gewechselt, Hochs aus­gebracht und Weinflaschen in das Schiff gereicht. Alles wie eine lustige Studentensuite. Nichts von Ernst und doch fuhren viele der Männer einem schweren Schicksal entgegen. Vielleicht eine Art von Galgenhumor vor einem verzweifel­ten Unternehmen.

In Wertheim, wo ich ans Land stieg, wurde ein Mann int Drillichanzug aus dem Maschinenraum des Schiffes herausgeholt und mir übergeben. Es war ein Deserteur der österreichischen Garnison in Mainz, ich sollte ihn mit nach Heidelberg nehmen und teilte den Wagen mit ihm bis Heidelberg. Er war still vor sich hin und verschüchtert, ich konnte nur wenige Worte aus ihm herausbringen. Von Zeit zu Zeit begegnete man Haufen in Debandade geratener badischer Soldaten, dick^lärmend und singend umherzogen. Heidelberg glich einem Feldlager. Auf den Straßen und Plätzen brannten die Wachtfeuer, darum gelagert Soldaten, Freischaren und Turner, im Hintergrund das alte Schloß und darüber der glitzernde Sternhimmel. Wie sollte ich in diesen bunten Hänfen den Bruder finden! Den anderen Tag in Karlsruhe. Auf den Straßen die gewohnte Stille. Nur an den Ministerien und Regierungshäusern ein gewisses Leben. Dort hatten sich die revolutionären Gewalthaber etabliert, der Kriegsminister, der Minister des Inneren, der Generalstab. Man passierte in allen Bureaus, ohne daß es einer Empfehlung bedurfte. Ich hatte eine Ahnung, daß die Gesuchten sich bei dem Oberst Bleuker befinden könnten, einem Wormser Weinhändler, der ein Freikorps bilden wollte. Ich fragte nach ihm in allen Bureaus; aber nie­mand wußte mir zu sagen, wo der Oberst zu suchen sei.

Ich !var am Ende meines Lateins. In diesen wirren Haufen einen Einzelnen zu finden, das war, wie wenn man eine Nadel in einem Heuhaufen suchen will. Mit Schmerzen dachte ich, daß ich ohne den Bruder nach Hause kehren müsse. Da fiel mir bei, daß Karl Hillebrand in Straßburg Bekannte hatte. Der Verkehr dorthin war frei in jenen Tagen. Dort hoffte ich vielleicht eine Spur zu finden. So fuhr ich nach Kehl und ehe ich die Rheinbrücke passierte, trat ich in eines der Wirtshäuser, das schwarze Lamm, um mich, etwas zu erfrischen, ich frug mehr aus Gewohnheit, als weil ich etwas zu erfahren glaubte, nach den Gesuchten. Natürlich erkannte man die beiden alsbald nach meiner Beschreibung, ja hier wohnen sie seit einigen Tagen, eben sind sie an den Rhein spazieren gegangen. Da standen sie schon vor mir. Mein Bruder !var starr. Junge, wo kommst du denn her, Unglückswurm, was fuchst du hier?" rief Karl Hillebrand. Ich explizierte mich. Ich fand den Boden besser vorbereitet, als ich dachte. Die beiden hatten sich Bleuker zur Verfügung gestellt und sollten in Kehl Order über ihre Verwendung erwarten. Aber diese Order blieb aus. Schon verzweifelten sie angesichts der Sachlage am Ausgang, am anderen Tage wollten sie sich dem ersten besten Freikorps anschließen. Ich wurde beredt.