1908
M.85
Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Isabella fühlte, wie ihr die Beklemmung schon wieder bis zum Halse emporstieg. ,Deine zukünftige Schwiegermutter!' Es war ihr, als wisperten es höhnische Stimmen in allen Ecken des kunterbunten Kramladens. Doch sie gab sich einen Ruck, streckte Frau Vollrath über den Tisch weg die feinbehandschuhte Rechte hin und sagte:
„Ich wollte einmal selbst nach Ihrem Herrn Sohn sehen und ihm ein paar Rosen bringen. Ich weiss, er hat Rosen so gern."
Frau Vollrath brummelte etwas Unverständliches und ging durch ihr Wohnstübchen voran in das grosse Zimmer, das sie einst so reich und hübsch für den Heimgekehrtcn ausgcstattet hatte, in dem aber nun nicht viel mehr Möbel als ein Bett, ein Tisch und ein paar Stühle standen.
Heinz- lag in seiner Leidensstatt noch immer auf derselben gesunden linken Körperseite, auf der er nun schon fast drei Wochen liegen mußte; denn bi.1 Wunde in der rechten Schulter vertrug noch keinen Druck und keine Berührung. Selbst ein Bewegen des Armes hatte Dr. Schröder untersagt — eine unnötige Vorsicht übrigens; denn es verbot sich schon von selbst durch den Schmerz, den der leiseste Versuch dazu im Gefolge batte. So lag Heinz gleichsam gelähmt; und die. Spuren der Zeit, die er durchgemacht hatte, erschienen deutlich ausgeprägt auf seinem wachsbleichen Gesicht mit den schmalen Wangen, den eingesunkenen Schläfen und dem spitzen Kinn.
Durch Isabellas Kopf zuckte der Gedanke: ,wie elend er aussieht, nicht im geringsten mehr so hübsch wie früher'; imb daß Martha Bartikow vor seinem Bett saß, ihm aus einem Teller'Kraftbrühe oder etwas dergleichen einflößte, verursachte ibr eilt Gefühl heißen Zornes. Blitzschnell glitt ihr Blick über Gestalt nnd Züge der „schönen Pflegerin" hin. Gewiß, ein ganz hübsches Mädchen, nur ein wenig zu starkknochig nach ihrem Geschmack und dann — mit dem Bilde, das ihr selbst der Spiegel täglich und stündlich zurückwars, nicht zu vergleichen. Mas Werner sich da wieder mal eingeredet hatte. — — —
Mit gemessener, etwas herablassender Höflichkeit verbeugte sie sich vor Martha, die von ihrem Stuhle aufgestanden war, und trat zu Heinz, ein Lächeln freundschaftlich-teilnahmsvollen Interesses auf den Lippen.
„Werner ist heut verhindert, Sie zu besuchen. Darum komme ich, Ihnen zugleich mit seinen Grüßen einen Gruß aus unserm Garten zu bringen." Behutsam legte sie den Rosenstrauß auf sein Bett, dabei- flüchtig, unabsichtlich gleichsam, seine blasse Hand berührend.
Heinz' Antlitz wurde von der jähen Röte freudiger Ueber- raschung überflutet, seine Augen glänzten.
„Tank, tausend Tank", t flüsterte er. Er versuchte, die Hand
zu heben ,mußte sie aber, von Schmerzen gequält, rasch wieder sinken lassen.
Draußen schlug die Türglocke an; Frau Vollrath wurde schon wieder in ihren Laden gerufen. Martha stellte den Teller, den sie so lange in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch. Trotz bäumte sich auf in ihr. Sie hatte den flüchtigen Ans- druck der Geringschätzung, mit dem Isabellas Augen sie gestreift, wohl bemerkt; denn genau, forschend, durchdringend, hatte sie ihren Blick aus das Antlitz der schönen Zauberin gerichtet, um zu ergründen, womit sie eine so betörende Wirkung auf die Männer ausübte. Eine Weile verharrte sie auf ihrem Fleck, entschlossen, im Zimmer zu bleiben und der bevorzugten Nebenbuhlerin dadurch jedes zärtlich-vertrauliche Gespräch mit Heinz unmöglich zu machen. Daß Isabella Heinz ebensosehr liebte wie er sie, unterlag' für Martha keinem Zweifel mehr. Seit Monaten pfiffen es ja von Fichtenhöhe bis Schönaue alle Spatzen von den Dächern, daß „die Schloßprinzessin bis über beide Ohren in den Hülfsprediger vernarrt wäre", und die „tausend herzlichen Grüße", die Werner täglich brachte, verrieten, ihr das heimliche Einverständnis zwischen den Liebenden immer aufs Neue. Und wenn sich die Hochmütige auch noch so gut verstellen konnte — die Verlegenheit, in der sie schweigend, die Lider gesenkt, vor Heinz stand, bewies deutlich genug, wie sehr sie sich nach einem, wenn auch noch so kurzen, Alleinsein mit dem geliebten Manne sehnte. Martha kniff die Lippen zusammen. Nein, sie würde das Zimmer nicht verlassen! . . . Aber schließlich errang doch die Rücksicht auf Heinz in ihr die Oberhand.
„Tu ißt wohl nachher weiter?" fragte sie ihn, nahm, ohne seine Antwort abzuwarten, den Teller vom Tisch und ging hinaus.
„Tas . . . das Fräulein duzt dich?" stieß Isabella hervor, nachdem die Tür sich hinter Martha geschlossen hatte.
„Wir kennen uns von Jugend auf," antwortete Heinz. Isabellas Brauen zuckten auf und nieder.
„Und ich . . . ich soll nicht das Recht haben, dich du zu nennen!" „Du weißt, weshalb," gab Heinz zurück. In seiner physischen Schwäche und in der Glücksstimmung seiner erfüllten Sehnsucht fühlte er sich außerstande, auf dem starren „Sie" zu beharren.
„Aber ich nehme mir das Recht!" fuhr Isabella fort. „Meinem Vater habe ich mich erklärt gleich am Tage nach unserer Aussprache: er hat nichts gegen unsere Verbindung."
In des Kranken Antlitz, das längst wieder blaß geworden war, schoß von neuem Röte, seine Augen blickten ernst.
„Ich soll Vertrauen zu dir haben," flüsterte er „soll mich auf deine Kraft verlassen für ein ganzes langes. Leben, und du bist nicht einmal imstande, einen Vertrag vieruudzwanzig Stunden, lang inne zu halten!"
Isabella zog die Stirn in Falten.
„Ich bin nicht hierher gekommen, nm mir Vorwürfe von dir machen zu lassen," schmollte sie. „Und wenn ich mich Papa offenbarte, so geschah es unter dem zwingenden Einfluß der Nachricht von deinem Unglück." In dem plötzlich wieder über sie kommenden Gedanken, daran, daß Heinz das, was er litt, doch


