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erscheinen. Selbst sein hochmütiges Lippenzucken war es, i mit dem sie, den Kopf in den Nacken biegend, stolz sagte:
„Ich kenne den Tressenberaschen Wappenspruch: Tie Ehre oder das Leben, sehr gut und ehrlos fände ich's, hätte ich Euch verschwiegen, ivas Ihr denkt. Ich ahnte Nichts."
Sie sprach die Wahrheit, das sah man ihr an, aber ihr Ton reizte den ohnehin verstimmten Freiherrn.
„Aha, Joachims Einfluß!" höhnte er, „du hast dein Zusammensein mit ihm gut genützt. Das ist ganz seine hochfahrende, überhebende Art und Weise, mit mir za verkehren."
Ein seltsamer Blick ans den milden Augen der Tochter traf sein zorngerötetes Gesicht. Sie sagte nichts, aber flüchtig durchzuckte sie's, als habe sie in dem Moment den Schlüssel zu Joachims verbittertem Wesen gefunden.
Sie war so hingenommen von den Empfindungen ihres verletzten Ehrgefühls, daß erst das ruhige: „Wir werden den Antrag natürlich in deinem Namen ablelmen!" der Mutter sie zum Bewußtsein der eigentlichen Situation rief. Sie besann sich. Der Rittmeister Kronau, Hannas Onkel, der elegante, ritterliche Weltmann, der verwöhnte Frauen- kenner begehrte sie zur Frau.
Allmählich, aber immer lastender warf diese Gewißheit sich aus ihre geängstigte junge Seele. Sie war verwirrt, betäubt.
Vielleicht hatte die Freifrau nach ihrer Mitteilung einen Sturm erwartet, einen Widerspruch — sie blickte jedenfalls so energisch, als habe sie sich zu einer heftigen Auseinanderfetz ung gewappnet.
Aber von Margas blassen Lippen kam kein Lant. In die Stille des Zimmers drang nur das stoßweise Atmen des asthmatischen Freiherrn und zeitweilig von draußen ein klapperndes Geräusch — Tyras schleppte trage sein Holzkreuz über den gepflasterten Hof.
Es war Mittagsstunde. Die Sonne stand grell auf dem weißglänzenden Schieferdach der Stallgebände drüben, so daß der Schein schmerzend in Margas heiße, hinans- starrende Augen traf. Sie senkte die Lider. Ein körperliches Schwächegefühl wandelte sie an.
Tie Freifrau bemerkte es.
„Du kannst dich zurückziehen!" sagte sie etwas weicher gestimmt.
Der Freiherr brummte irgend etwas Unverständlrches in seinen struppigen Bart; er seinerseits hatte übrigens dem ablehnenden Bescheid seiner Frau nichts hinzugefügt. Stumm ging Marga hinaus. Ihre langsamen, müden Schritte verhallten im Korridor.
Ta hob der Freiherr den Kopf; seine hellblauen Augen unter den buschigen Brauen blitzten die Frau an, die stolz und unbeweglich noch immer neben seinem Stuhl stand.
„Wer sagt dir, daß ich den Antrag des Rittmeisters ohne weiteres ablehnen will?" fuhr er aus und die Adern an seiner Stirn schwollen an, „ich dächte doch, tvir hätten Marga eigentlich gerufen, um zu hören, wie sie sich zu der Sache stellt. Wenn sie ihn durchaus wollte, .was spräche dagegen?"
„Alles!" erwiderte Hedwig von Tressenbera hart, „er ist ein alter Mann und er ist bürgerlich — ich dächte, das
Der unbändige, in der Einsamkeit noch gewachsene Hoch- nmt der einstigen Gräfin Redentlo fröstelte durch ihre JEßoictc.
Ter Freiherr, welcher mit seinem Jähzorn neben der ruhigen, eisigen Ueberlegenheit seiner Frau stets den Kürzeren zog, schnitt ein halb verlegenes, halb wütendes Gesicht.
„Larifari, Dummheiten!" platzte er los, „der Rittmeister ist ein schwerreicher Mann, das ist die Hauptsache."
So erschreckend tief war er bereits in seinen Geiz versunken, daß fein einst ebenfalls stark ausgeprägter Adelsstolz darin erstickt war.
„Sollen wir vielleicht auf irgend einen leichtsinnigen Grafen warten, dem ich gleich als erstes einen Haufen Schulden bezahlen mutz — oder aus so 'nen Windbeutel von jungem Leutnant, der nichts ist und nichts hat, von der „großen Liebe" satt werden tont und nebenbei stark aus beit Geldbeutel des Schwiegervaters rechnet? Das könnte mir gerade passen. Der Kronau will nur eine junge, schöne Frau und wird sich keinen Pfifferling um die Mitgift scheren. Das ist bei einem Freier ein nicht zu unterschätzender Vorzug."
Die Freifrau hatte langsam ihren Platz verlassen und war aus die Tür zugeschritten. Bon dort her klang cs nun kalt und bestimmt:
„Ich gebe diese Heirat nie zu, nie, hörst du. Unsere Tochter hat durch ihren Namen und ihre Erscheinung die Berechtigung, eine glänzende Partie zu machen, nicht eine simple Iran Kronau und Gattin eines Greises zu werden."
Sie schritt, ohne weitere Einwände ihres Mannes ab- zuwarten, hinaus.
Ter Freiherr wär es schließlich auch zufrieden, er hatte ja auch ohne Mitgift tief in den Beutel greisen müssen bei dieser Sache, so blieb ihm das erspart.
Bei Tisch tat die Freifrau, als sei nichts vorgefallen. Sie sprach mit der Tochter ruhig über Wirtschaftsangelegenheiten und nur der Blässe des jungen Mädchens hätte man anmerken können, daß nicht alles wie sonst war.
Als der Kaffee gereicht war und die Eltern sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, nahm Marga Hut und Schirm und verließ das Schloß. Sie ging rasch durch beit stillen, sonnigen Park, an dem dunklen, von grünen Algen durchzogenen Teich vorüber bis hoher Nadelwald vor ihr emporragte.
Eine roh gezimmerte Bank stand zwischen den rötlichen Stäntmen.
Tort saß sie lange. Niemand störte sie da. Um sie summte und wisperte nur das geschästige Leben unsichtbarer Waldbewohner, Ameisen hasteten zu ihren Füßen ausgeregt hin und her, ein vorzeitig herausgeschlüpfter Schmetterling taumelte wie trunken au der Erde hin — nur vorsichtig schüttelte ein Windhauch zuweilen die Fichtenzweige droben, daß ihre abgestorbenen braunen Nadeln leise auf das sinnende Mädchen niederrieselten. Durch das erst spärlich belaubte Buschwerk blitzte grünlich das unbewegte Wasser des Teiches herüber wie ein tückisch lauerndes und doch faszinierendes Auge.
Aber Marga verstand sein lockendes Glitzern nicht. Sie dachte nicht ans Sterben, im Gegenteil, sie dachte an ihr blühendes, junges Leben, das heute zum ersten Male ein Mann für sich begehrt hatte. Die Betäubung war von ihr gewichen, sie sah jetzt ganz klar. Sie vergegenwärtigte sich Ernst Kronaus Erscheinung, im Geiste nichts beschönigend. Dem Ideal ihrer Mädchenträume entsprach er nicht, aber wem war es schließlich beschieden, sein Ideal zu heiraten? Der Rittmeister war ihr schon als Hannas Onkel stets seiner Güte und seines vornehmen Wesens lvegen shm- . pathisch gewesen, warum sollte sie ihn nicht lieben lernen?
Und dann tauchte neben feiner Erscheinung lockend das zierliche, weiße Schlößchen von Balldors aus mit seinen runden Türmen, dem blauschimmernden Schieferdach und den vielen blitzenden Spiegelscheiben, hinter deren kostbaren Spitzengardinen sich so viel Eleganz und Behaglichkeit barg. Tort könnte sie Herrin sein.
Sie würde einen Mann haben, der sie anbetete, der thr jeden Wunsch von den Augen ablas, sie würde heitere Menschen nm sich sehen dürfen, sich elegant anziehen, ausfahren, reiten können, ohne den steten Tadel zu Horen, der ihr hier das Leben verbitterte. Ach, es würde ihr gar nicht fchwer sein, für all das Ernst Kronau lieb zu haben.
Aber es war ja doch alles vorbei, der Absagebrief wohl schon unterwegs. Ihr Leben rollte weiter im eintönigen Gleichmaß, Schloß Loßwitz hielt sie in eisernen, erbarmungslosen Armen. Wie lange wohl noch?
Eine wahnsinnige Angst überfiel sie plötzlich, Ernst Kronau könne der einzige sein, der ihr die Hand böte, sie aus bi ei ec toten Wüste hier, in der sie an Körper und Geist verschmachtete, an die grünende, quellfrische Oase eines innigen Familienlebens zu führen.
Dann dachte sie an. Hanna. Und ihre Angst tmtrde noch größer, drohender. Wenn die Eltern in ihrem Rainen den Rittmeister rundweg abwiesen, dann würde auch Hanna als seine Nichte sich von ihr zurückziehen — die letzte Pforte zu der heiß ersehnten Freiheit ihr verschlossen sein. Ein furchtbares Grauen schüttelte ihre Glieder. Einem jähen Impuls folgend, stand sie, auf und stürzte wie gehetzt durch den Park zurück dem Schlosse zu. Hanna sollte ihr raten, helfen!
In ihrem Zimmerchen setzte sie sich an den kleinen Schreibtisch, nahm einen Briefbogen und begann der Freundin ihr übervolles Herz auszuschütten. Ihre Feder flog förmlich über das Papier.
lFortletziins folgt.)


