138

mich so unsagbar.... das wars ja auch, was mich in die Irre trieb .... mag mich sonst gefoltert haben, was da wollte .... sich schämen und vergehen müssen vor selbsterniedrigender Qual, wo man liebt, . das ist das schlimmste. Nun ist mir wohl. Ter Gedanke, Hatz Sie mich nicht ganz verachten, Her­mine, macht mir das Sterben leicht!"

Doch mit gutem Lächeln wehrte ihm das Mädchen.Wer spricht vom Sterben?" fragte sie zurück.Sie werden leben, Freund, denn nur die Unrast in Ihnen warf Sie nieder, nicht die Wunde allein. Sie werden als Mann sich verantworten und als Mann merben Sie ein neues Dasein zimmern, hier oder über dem Weltmeer drüben und Sie werden nicht daraus vergessen, Freund, dast mein Gebet Sie begleitet und Ihnen folgt bis ans Ende der Welt ... und daß meine Liebe, die sich nicht wandeln läßt und will, mit Ihnen geht und daß mein Herz sich feilt gedulden wird, bis der Rus eines entsühnten und durch Schicksalsnot zum ganzen Manne Gewordenen es zu seinem Herzen ruft--"

Da schaute August Walden aus sie mit ungläubigem Kindes- blick, wie ein Knabe, der Strafe gefürchtet hat und sich belohnt sieht. Und als er wieder ihrem guten, verheißenden Lächeln begegnete, da schlug er die Hände vor das Antlitz und weinte wie ein Kind.

*

Tas Schwurgericht ging mit dem nach wochenlangem Kran­kenbett zu neuem Leben Erstandenen glimpflich genug um. Trotz der verschiedenen Delikte, die ihm notwendig zur Last gelegt wurden, erfolgte unter gleichzeitigem Freispruch auf alle übrigen Anllagepuukte nur die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Gleichzeitig empfahlen die Geschworenen den Verurteilten der Gnade des Königs. Diese blieb nicht aus; sie entließ schon nach kurzer Haft den von maßlosem Ehrgeiz geblendeten und in die Irre ge­triebenen Mann zu einem neuen Leben. August Walden wanderte aus, um mit wirksamen Empfehlungen an der Hand in der neuen Welt sich ein neues Leben, ein neues Glück aufzubauen. Er ging mit dem beseligenden Bewußtsein, daß mit ihm die Liebe ging und deren Zauber ihn läutern und zum Manne schaffen wurde, der die Berechtigung besaß, um die in der alten Heimat voll gläubigen Vertrauens auf ihn Harrende zu werben. . . er wußte es nunmehr, daß er das Glück finden würde . . .

Einstweilen ist Hermine noch immer der gute Geist im Haushalt ihres in den Ruhestand gegangenen Vaters; doch auch sonst hat sie der Pflichten viele, denn nicht nur ist sie die Patin eines strammen Stammhalters im Eilenburgscheu Hause seines einz'gen Sohnes, wie der in diesem Punkt bleibende Fuhrherr besonders zu betonen pflegt geworden und muß täglich die wieder rosig aufblühende und schattenlos glücklich gewordene, Ju­gendfreundin aufsuchen, sondern sie hat die ungleich schwierigere Ausgabe übernommen, die junge Frau Maler Witte in die Ge­heimnisse der Koch- und Haussrauenkunst einzuweihen. Die Liebe zu dem reichbegabten und einer schönen Zukunst ent- gegengehenden Künstler hat das verwöhnte Willionärstöchterchen den Sturz aus den so glanzvollen Verhältnissen leicht ver­schmerzen lassen. Uebrigens blieb für die gefallene Finanzgröße, deren Prozeß sämtlichen Mitgliedern des Konsortiums zn mehr­jähriger beschaulicher Ruhe hiuter schwedischen Gardinen ver­half, genug, um auch nach der Haftentlassung das Leben eines reichen Mannes führen zu können. Er zog es vor, in Gemein­schaft mit seiner Gattin den gesundheitsförderndeit Süden anf- zusuchen. Versöhnend wirkte es, daß er schon vom Gefängnis aus freiwillig für Frau Schuhmacher und deren Kinder ausgiebig ge­sorgt hatte, so daß deren Zukunft gesichert war.

, (Ende.)

Aus den Sommertagen dieses Jahres.

(Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.)

Nachdruck verboten.

(Schluß.)

Ter Postwagen viersitzig hält an der Bahn. Ich sichere mir trotz des drohenden Regens den Bockplatz, denn ich will möglichst viel von der Landschaft sehen.

Ter Postillon ist ein junger frischer Bursch, der schon sechs Jahre die Strecke befährt. Der muß also Bescheid wissen und mir über Menschen, Dörfer, Wälder und Felder Auskunft geben können. Ich freunde mich deshalb schon ehe ich den Bock besteige, mit ihm an. Eine Fahrkarte brauche ich nicht. Wir fahren endlich vom Bahnhof ab in die Stabt Alsfeld. Im Wagen haben wir schon zwei Passa­

giere. Kaum sind wir in eine Straße hineingefahren, da hält die Post schon wieder. Aus einer Bäckerei werden uns drei große Beutel mit warmen Brötchen auf den Bock gereicht, die der Postillon auf dem Verdeck des Wagens verstaut.An- derKrone" halten wir wieder und nehmen den dritten Reisenden auf. An der nächsten Straßenecke halten wir zum- drittenmale und wieder werden uns allerlei Waren, auch allerlei Arzneimittel aus der Apotheke! zugereicht. Der Postillon erhält dabei Liebesgabenzigarren.-

Eine Ladeninhaberiu reicht dem Postillon unter anderem eine Tüte mit Rübensamen für 50 Pfennig, sagt sie dabei.Woas, für 50 Pfennig?" ruft jener,vor 20 Pfennig braucht ich bloß." Zu mir gewandt, erklärt er: Die müsse in Schwarz weiße Rübe säe, der Hagel hat die Dickwurz kaput geschmisse." Die Frau hat für 20 Pfg. Rübensamen abgewogen, wir fahren endlich weiter. Da steht wartend ein junges hübsches Mädchen vom Lande an der Straßenecke in Schleier und Federhut, sie will mit. Wieder hält die Kutsche.Na, Marriche," sagt mein Postil­lon,willste aach mit? Mach dich rinn, heint haste Ge­sellschaft." Das Marriche steigt ein. Da kommen noch mehr Reiselustige gelaufen, der Postillon wehrt ab:Mei Kaste is voll, obbe ns die Weck kann ich eich doch nit setze."- Betrübt ziehen die Reiselustigen ab. Zum fünftenmal hält der Postillon in Alsfeld, diesmal wieder vor einem Backer- Haufe. Die junge Frau kommt herausgespruugen:Die Brötcher sinn gleich fertig," ruft sie dem Postillon zu. Kathrinche, des geht nit, warte kann ich nit, eich hon so schon Verspätung." Aber schon schleppt die Frau einen! Sack Brot herbei.Wer tritt denn des?" fragt der Postillon. De lang Hannes," klingt die Antwort zurück. Der lang Hannes wohnt in Eiffa, wie ich später erfahre, die genauere Adresse war für die Beteiligten nicht nötig.

Endlich sind wir außerhalb der Stadt, ivir durch fahren eine prächtige, junge Lindenallee.Dies Jahr wars nix mit der Linneblüt," beginnt der Postillon die Unterhaltung, ,-,'s war zu kalt und hat immer gerähnt. Aber sonst wenn ich hier durchfahr und die Sinne blühe, das is großartig."

Zu beiden Seiten der Straße ziehen schöne Fruchtfelder hin, die Kartoffeln haben üppige hohe Stauden. Hier und da ist eine tiefe Schleife durch das Kartoffelfeld gezogen, da hat ein mutiger Hengst oder ein widerwilliger Stier feine Spuren hinterlassen. Er hat seinen Führer mitge-- risseu von der Straße und eine Extratour mit ihm durch die Kartoffelfelder gemacht, deren Spur sich erst später wieder schließt. Dort liegt ein Hinterwagen, oben im Felde ein Borderwageu, ein paar Pferde sind durchgegangerh die Passagiere, die zum Prämienmarkt fahren wollten, sind herausgeflogen und haben fluchend und hinkend den Weg nach Alsfeld zit Fuß fortgesetzt. Der Prämienmarkt hat neben Rosen auch Dornen.

Unsere Postpferde traben unverdrossen weiter. Mein Postillon redet ihnen gut zu. Die Peitsche braucht er nur, um eine Fliege zu vertreiben, welche sich auf dem Rücken eines Pferdes etwa festgesetzt hat. 2tn einen Lindeubaum gelehnt erwartet uns der Landbriefbote, er scheint gewohnt zu sein, die Post bis Eiffa zu benutzen.Heint kcnmsts net mitfahre," schreit ihm der Postillon schon von weitem zu,mach daß de weiter kommst!" Der Briefbote läßt uns vorbeifahren, aber schon in den nächsten Augenblicken höre ich seine Stimme von hinten her, er hat sich auf deck hinteren Teil des Wagens geschwungen und beginnt di« Unterhaltung mit dem Postillon:Gestern haben die Wirts in Alsfeld gute Geschäfte gemacht, was ist da vor Bier getrunke worde."Ja," sagt mein Postillon,un an solche! Dage werde die Gläser blos halb voll gemacht. Die Leit sein zufriede, wenn sie nur Bier Frigge." So geht dis Unterhaltung über den Prämienmarkt weiter.

Die Lindenallee hört auf, wir kommen in den Wald, Da meldet sich wieder einer, der mitfahren will, ein alter Handelsmann.Alles besetzt," schreit der Postillon,aber da haste ja ein Fuhrwerk", und er deutet lachend auf deck