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„Ja, eben — warmn erschrickst bit beim so?" Der Kom- meizieurat erhob sich ebenfalls und machte ein strenges Gesicht.
„Doktor Billatte?" hauchte Sylvia tonloZ, und cs gehörte nicht viel Scharssinn dazu, um zn gefahren, das; sie dem Bewerber nicht cntgegenjnbeltc.
„Was soll daS heißen, Sylvia? Du hast ja längst gewußt, daß er hauptsächlich um deinetwillen ins Haus kam. Ich habe es ost genug beobachtet, tvie du ihm entgegensprangst und dich mitunter geberdetest, als seiest du schon mit ihm einig."
Der Kommerzienrat sprach ärgerlich und unwirsch. Ihm stieg der Zorn heraus. Den Fall, das; das törichte Ding sicy noch sperren und abiehnen könne, hatte er gar nicht ins Ange gesaßt. ,,
„Komm zur Vernunft, und be'.mnc dich, sagte er dann freundlicher, „Doktor Billatte ist ein ganz vortrefflicher Mensch, siir dich eine brillante Partie —"
„Für mich?" Sylvia wiederholte es unwillkürlich ohne weiteres Nachdenken. Ihr flog loieder Erna durch den Kvpf, und ob der Vater sür Erna die Partie vielleicht nicht brillant genannt haben würde — die Reden der Tante Cölestine trugen Hre Früchte, früher hätte sie solche Folgerungen nicht gemacht.
„Ja, flir dich," entgegnete der Papa gereizt. „Ich weiß nicht, !vas dir in den Kvpf gesetzt worden ist von der Mama und neuerdings gar von dieser Taute Stine, aber das weißt du doch, das; du nicht unser Kind bist, wenn mir dich auch treu als eigenes Kind gehalten, erzogen und geliebt haben, und daß du nicht teil haben kannst am Erbe meiner eigenen Kinder, lieber deine Eltern werde ich dir noch einige Ausklärungen geben müssen, später — lassen wir das heute noch — aber soviel kann ich dir sagen, du bist dereinst ganz allein auf deine eigene Kraft angewiesen, denn von Roderich und Erna abhängig zu fein, kann dir nicht passen; das ist für keinen Menschen ein Angenehmes Gefühl. Roderich wird ohnehin reichlich das Seine gebrauchen, sich auch verheiraten, Erna desgleichen, für dich als armes Mädchen findet sich so leicht heutzutage keine bessere Partie. Das ist der nüchterne Sachverhalt, Kleine."
„Papa! Ich bitte dich, halt ein!" In Sylvias Stimme klang etwas Fremdes, eine grenzenlose Bitterkeit und tief verätzter Stolz. Den Kommerzienrat beschlich ein dunkles Gefühl, | als sei er reichlich rücksichtslos Vorlegungen. Diese Frauenzimmer waren eine so empfindliche, schwer zu behandelnde Menschensorte, und er saß zwischen ihnen eingezwängt, wie es ihn dänchte.
Hol's der Henker, es verlangte ihn nach einem freien Atemzug. Er hatte sich dummerweise ein paarmal schon das Seil über die Hörner ziehen lassen. Damals als die hübsche Friederike Stern es ihm antat, obgleich er wußte, daß ihr früherer Verlobter sie verlassen hatte und mit ihrer Schwester durchgegangen war. Vernünftigerweise war da nicht zn erwarten, daß sie dem Treulosen noch nachseufzen werde. Aber wer kennt die Weiber aus. Später war es ihm ost so vor- gekommen, als fei er nur der Lückenbüßer gewesen, an dem ihr Herz nie hing. Das bewies auch noch die Tatsache, daß sie dieses fremde Kind viel heißer liebte als ihre eigenen. Die wären nun, gottlob, die Erna ganz besonders — sein richtig Fleisch und Blut, auch Roderich kam schon zur Vernunft, er stand nur in den Brausejahren.
„Las; uns vernünftig reden," begann er, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, „du kennst mich und weißt einmal, daß ich nicht zn den Zarten und Sentimentalen gehöre. Mit Süßigkeiten bist du auch genug gefüttert worden. Das liebe Brot aber, das «daneben nicht zu entbehren ist, habe ich dir ftnmer geliefert, und versorge dich auch ferner damit, so lange ich lebe. Aber ich gönne dir von Herzen ein bißchen mehr als das. Was hast du denn gegen Doktor Billatte einznwenden? Er ist bis über die Ohren in dich verliebt."
„Ich — ich — ich kann ihn nicht heiraten, Papa."
„Und warum nicht?"
„Weil — weil ich nie daran gedacht habe, daß er mich liebte, weil — ich eher glaubte, daß —"
„Was?" Des Vaters barsche Art war nicht dazu angetan, zarte Geheimnisse herauszufordern, und doch witterte er solche, und hätte sie um jeden Preis gern gewußt. — Sylvia schwieg jetzt ganz verstockt.
„Bon solchem Unsinn, daß du- die Partie ausschlagen könntest, will ich noch nichts wissen," sagte der Kommerzienrat, „ich habe dich vielleicht erschreckt, die Sache ungeschickt an- gesange», geh auf dein Zimmer, besprich dich mit Erna —"
„Mit Erna?" Sylvias große Augen drückten ein seltsames Erstaunen aus.
„Jo, mit Erna. Die ist verständig und hat der» Kbps
nicht voll von Hirngespinsten. Die wird dir auch sagen, das; d» dein Glück mit Füßen von dir flößest, wenn du zu diesen! Antrag nein sagst."
Sylvia beugte den Kops, drückte ihr Taschentuch an bie Augen und ging zur Tür.
Hätte Doktor Billatte mehr Menschenkenntnis gehabt und seinen Vermittler in dieser delikaten Sache richtiger beurteilt, er hätte wohl nimmer jenen bedenklichen Weg eingeschlagen, um zu seinem Glücke zu gelangen. Der Kommerzienrat blieb selbst in unbehaglichster Stimmung zurück. Und was er seinem Liebling Erna damit antat, wenn er Sylvia mit ihrer Angelegenheit an sie verwies, davon hatte er noch keine Ahnung.
Sylvia stürmte die Treppe hinaus. Unterwegs schon brachen ihre Tränen, welche der Stolz znrückgedrängt hatte, nngesesselt los, sie hörte und sah nichts, was nm sie her vorging, und prallte gegen jemand an, der ihr gerade entgcgeukam.
Sie fnhr zusammen, blickte ans und in Roderichs fragendes Gesicht. ,
„Ra — was ist denn nun los? Was hat man dir getan?"
Es war znviel für die arme Sylvia, ihr leidenschaftliches Gemüt brach fich Bahn.
„Roderich!" flüsterte sie, „Roderich! Kann ich allem mit dir sprechen?"
Roderich sah sich spähend um. Es war niemand von der Dienerfchast auf dem Flur.
„Ist Erna oben?" fragte er halblant.
Sylvia nickte. Sie wußte, daß Erna sich UM diese Zeit zn Mittag ankleidete.
„Und bei Mama ist Besuch," raunte Roderich, „da mußt du schon in mein Zimmer kommen, ich verriegle die Tür, so .sind wir vor Ueberraschung sicher."
Sylvias Fuß stockte einen Moment, ehe sie die Schwelle überschritt. Vor wenig Wochen i,ock; hätte sie fich gar nichts dabei gedacht, mit Roderich in sein Zimmer zu gehen, heute — mit deiu, was in ihrer Seele wogte, fühlte sie, das; es nicht passend sei.
Aber es erschien ihr als ihre einzige Rettung, wenn sie sich in Roderichs schützende Arme werfen konnte. Es packte sie eine grenzenlose Sehnsucht, an seiner Brust Trost zu suchen, Trost und Glück. .
Er sah zärtlich auf sie herab. Sie war reizend in ihrer leidenschaftlichen Hingabe, in ihrem hilflosen Anklammern. Der Moment überwältigte auch ihn. Er wußte vielleicht nicht ganz genau, was er tat, als er ihr Antlitz mit heißen Küssen bedeckte und sie mit inbrünstiger Glut in seine Arme preßte.
Sie besann sich zuerst und waud sich errötend ans seiner Umschlingung los. , „
„Roderich I" stammelte sie, „ich bin fassungslos, ratlos, schutzlos — der Vater — o, er war entsetzlich — er sagte mir, daß ich Doktor Billatte heiraten solle."
„Doktor Billatte!" in Roderichs Ansruf lag aufbrausende Heftigkeit; „der Duckmäuser, er hat es also gewagt, um dich zu werben. Und beim Vater — dir selbst ist cr mit seinem Antrag nicht gekommen?"
„Ich sah ihn noch gar nicht — Papa ließ mich rnfen —
„Hah! Also auch feige ist der hochtrabende Herr, na — du hast natürlich fofort Papa deine Meinung gesagt."
Roderich hatte Sylvia ans die Ottomane gezogen, und saß rieben ihr, ihre Hände noch in den f einigen haltend.
„Ja — aber Papa war seyr böse, und — et sagte mir, ach, mit so harten Worten, das; ich hier die Fremde und in der Welt allein auf mich angewiesen sei. Ach! Roderich, es war fürchterlich. Aber du bist da — zu dir gehöre ich — du wirst es dem Vater sagen, daß wir
Sie schmiegte ihren heißen Kopf noch eimnal an feine Brust, und er strich sanft, aber kühler und bedächtiger als vorhin über ihre Locken.
„Beruhige dich erst, Herzchen, mein Gort, davon kann ja gar keine Rede sein, wer wollte dich wohl wider deine Neigung zu einer Heirat zwingen. Natürlich wird Papa das ein- sehen und — darauf kannst du dich verlassen — ich lege dem Herrn Doktor das Handwerk — er soll dick) hier im Hause nicht wieder belästigen, auch wenn ich fort bin."
„Roderich! O, du gehst nicht fort, versprich es mir in dieser Stunde, daß du nicht fort gehst, ohne mich mitzunehmen.
„Aber, Schatz! Sylvia, Kind, dich mitnehmeu, wie wäre das möglich." In Roderichs Gehirn wirbelten auch bunte Ge
Dieses süße Geschöpf, welches er in seinen Armen hielt, ein heißer Strom ging von ihr aus uud entzündete auch fein Herz. Vielleicht hatte er sie schon lange geliebt, ohne cs zn


