Ausgabe 
12.8.1907
 
Einzelbild herunterladen

472

des zwanzigsten Jahrhunderts sich schwerlich in einem gotischen Kapitelhaus wird wohnlich einrichten können, ist für mich noch nicht die Hauptsache; ich denke in erster Linie an die Wirkung des neuen Gebäudes im VerhültniF zum Tom. Der Beschauer Hat den Eindruck der beiden Gebäude gleichzeitig in sich anfzn- nehmen. Tas. eine ist ein Annex des andern. Der Dom scheint alt und ist alt, das Pfarrhaus will ebenfalls alt erscheinen, ist aber nicht alt. Dadurch entsteht eine psychisch unerträgliche Dissonanz. Aus diesen Gründen ist für das hypothetische neue Pfarrhaus modernes Gepräge zu verlangen. Man soll keinen Augenblick im Zweifel sein: dies ist alt und dies ist 'modern, hier hat eine neue Zeit das Wort, hier beginnt eine neue Rech­nung." Geh. Hofrat Tr. Gurlitt in Dresden schreibt in dem­selben Sinne:Sollte ein Anbau an den Dom beschlossen werden, so würde ich hier, wie allerorten, meinen, daß die künstlerische Wahrheitsliebe den Architekten veranlassen müßte, diesen Bau. als das zu kennzeichnen, was' er eben ist, als reinen Anbau des 20. Jahrhunderts. Am betrübendsten würde das Ergebnis sein, wenn auf Grund alter Zeichnungen und Pläne ein Bau so aufgeführt würde, wie er angeblich schon an dieser Stelle! sich vorgefunden hat; wenn also dem Beschauer die Tatsache, daß der Anbau beseitigt war, durch künstlerische List verheirn- licht würde, er also verführt werden soll, das Neue für ein Altes hinzunehmen." Ebenso Hofrat Tr. v. Oechelhaeuser in Karlsruhe:Sollte ein Anbau in der geplanten Weife also als unmittelbarer künstlerischer Zubehör zum alten Bauwerk be­schlossen werden, so müßte meines Erachtens auf die Verwendung historischer Stilformen, insbesondere des Romanischen oder Go­tischen im vorliegenden Falle unbedingt verzichtet werden. Eine Gegenüberstellung des historisch Echten mit dem modern Nach­empfundenen würde gerade hier höchst bedenkliche Folgen haben. Tie künstlerische Aufgabe kann hier nur in der Richtung gelöst werden, das; sich der Aufbau auf den ersten Blick als eine freie Neuschöpfung unserer Zeit darstellt." Dieselbe Auffassung vertritt auch Geh. Hofrat'Prof. Tr. Henry Thode in Heidelberg. Prof. Adolf Hildebrand in München urteilt:Ich bin ganz der Ansicht, daß es sehr verfehlt wäre, die Umgebung des Wormser Tomes sogenannt stilgerecht zu bebauen, im Glauben, dadurch einen einheitlichen, altertümlichen Charakter zu erreichen. An­derseits ist die Umgebung, an der Südseite des Domes so charakter­los und provisorisch, daß sie notwendig eine Gestaltung fordert. Aus welche Weife diese am besten zustande kommt, ist mir seht nicht klar, es ist aber sehr möglich, daß niedrige Anbauten not­wendig fein iverden und daß die ursprüngliche Bebauung wert­volle Fingerzeige dabei geben kann. Man hat ja lange Zeit die Einheit der künstlerischen Wirkung in der Stileinheit gesucht. Man sieht aber jetzt ein, daß der frühere Zustand solcher Bau­komplexe, wo die verschiedenen Zeiten in ihrer Sprache cill- tnählich immer dazugebaut hatten, unbekümmert um die Stil­einheit viel künstlerischer gewirkt hätten. Tie echte künstlerische Phantasie lebt eben gar nicht von vornherein in einer Zwangs>- jacke von Stilformen, seien sie, welche sie wollen, alte oder neue. Faßt man den künstlerischen Zweck in diesem Falle ins Auge, d. h. also die künstlerische Formierung des Platzes südlich vom Tom mit allen Rücksichten auf beffcn Erscheinung, so fallen ganz andere Tinge ins Gewicht, als die Stilfrage. Es hairdelt sich um eine Gestaltung der Umgebung, um den Tom zri heben und ihm auf dem Platz einen klaren Standpunkt zu geben.. Hier handelt es sich nm die Tispvnierung, um Höhen- und Größenverhältnisse, kurzum um die elementare, wirksame Anordnung von Verhältnissen, welche dem Tom zugute kommen und den richtigen Uebergang und Gegensatz zu ihm bildert. Eine Gestaltung der Umgebung aus solchem Gesichtspunkt ist vom Stil ganz unabhängig, und von ihr allein hängt die gute ober schlechte Wirkung nachher ab, die künstlerische Einheit."

Eriuuermrgeu arr Mcharv Wagner.

Die letzten Hefte der Süddeutschen Monatshefte iMünchen) bringen interessante Memoiren des Musikers Robert v. Hornstein. Dieser erzählt von seinen Erlebnissen mit Wagner und Schopen­hauer. Hornstein traf Wagner im Jahre 1855 in der Schweiz, wo der Meister in der Verbannung lebte. In Sion im Wallis sollte er eine Beethoven-Symphonie bei Gelegenheit eines eid­genössischen Musikfestes dirigieren. Hornstein berichtet:

Den anderen Morgen frühstückten wir zusammen. Ritter und ich gingen dann in die Hauptprobe für das erste Konzert. Wagner blieb zurück. Bei der Rückkehr fanden wir ihn nicht mehr im Hotel. Nichts Gutes ahnend, schlug Ritter vor, ihn im. Posthofe zu suchen. Wir kletterten beide zu zwei Seiten an der angespannten Kutsche hinauf. Da saß er verdrießlich in eine Ecke gekauert.Seid ihr Polizeispitzeln, daß ihr nach mir fahndet?" fuhr er uns barsch an. Wir wollten ihn von seinem Entschluß, abzureisen, abhalten. Wir machten ihm begreiflich, wie sehr ihm von den Schweizern verübelt werden würde, wenn er die Flinte ins Korn würfe. Er wurde sehr heftig und reiste ab. Ritter rief ihm noch zu:Wo sehen wir uns wieder?"In Collonges."

An das Festkomitee hatte er einen lakonischen Brief ge­

schrieben, er sei getauscht worden über die Mittel, die ihm zur Verfügung gestellt würden. Unter diesen Umständen habe er keine Lust, mitzuwirken. Begreiflicherweise große Aufregung über Wagners Durchbrennern Alles erdenkliche Schlechte wurde ihm nachgesagt. Undankbarkeit gegen die schweizerische Gastfreund­schaft wurde ihm vorgeworfen, Rücksichtslosigkeit gegen die Mit­wirkenden, Mißachtung der ganzen Nation. Wer damals prophezeit hätte, kein Hund würde mehr von Wagner einen Bissen Brot annehmen, würde Glauben gefunden haben. Aber es sollte anders kommen. Bei diesem merkwürdigen Manne glitt alles ab. Was einen anderen ruiniert hätte, baute ihm eine Stufe mehr zum Tempel des Weltruhms.

Wer zunächst von dem Gebaren des Wagner in Sitten profitierte, war Methsessel. Er übernahm die Direktion beider Festkonzerte und war das Obiekt der stürmischsten Ovationen. Man fand heraus, Wagner würde nimmermehr imstande gewesen sein, die Beethoven-Symphonie so zu dirigieren.

Ritter ist seinem Gaste mit der nächsten Post nachgereist. Ich war allein und sehr traurig. Zunächst lvar ich ebenfalls etwas scheel angesehen. Allmählich wurde ich aber mit den Solisten bekannt. Methsessel und einige Matadoren des Schweizer Musik­lebens lernte ich kennen. Bei einem allgemeinen Ausflug wurde ich zum Spielen aufgefordert und erntete großen Beifall. Ich machte die Festessen und zum Schluß den Festball mit. Ich suchte Wagner zu verteidigen, wie und wo ich konnte, hatte aber wenig Glück damit. Am Morgen nach dem Balle schien die aufgehende Sonne in beit Bailsaal. Durch große Glasscheiben sah man bas Rhonetal im Morgenrot erglänzen.

Einige Stunben später saß ich auf bem Imperial des Post­wagens und fuhr Chillon zu, um Freund Ritter in Collonges anfzusiichen. Wagner war schon da. Er fuhr von Sitten direkt nach Genf, suchte dort den General Klapka auf und kneipte einen dlbend mit ihm. Er war in der besten Laune und machte sich anscheinend gar nichts aus den Ausfällen der Schweizer Presse. Sie war barbarisch mit ihm umgegangen. Manchmal übermannte ihn die Sehnsucht nach der schönen und geistreichen Fran Wesen- donck, für die er eine leidenschaftliche Neigung gefaßt hatte. Die feinfühlige Frau nahm die Huldigungen des Künstlers an, ohne sich im geringsten zu kompromittieren. Einmal überraschten irir ihn im Garten sitzend, mit Trauen in den Augen. Solche Anfälle von Schwäche abgerechnet, war er heiter, liebenswürdig, geistreich. Ich habe ihn später kaum je wieder in so vorteilhafter Weise gesehen.

Vsvmischies.

* Auf die Gefah r b e r^F liegen muß toieber aufmerk­sam gemacht werben. Allerbings haben wetterknnbige, ober besser gesagt, insektenkunbige Leute prophezeit, baß wir in biefent Jahre infolge der anormalen Witterung wenig unter bett Fliegen und anbereit Insekten werden zn leiben haben. Jnbessen Vorsicht ist beizeiten geboten, unb die Parole:Tod den Fliegen V kann namentlich Familien mit kleinen Kindern, und Säuglingen nicht genug gepredigt werden. Die besten Mittel int Kamvfe gegen dieses Ungeziefer sind Aufstellen von Fliegengläsern, Ein­setzen von Gazefenstern und häufiges, feuchtes Aufwischen der Stuben. Vor allem! icrber ist auf die allergrößte Sauberkeit zu achten. Abfall in der Küche, muß fchleunigst entfernt werden, und schmutziges Geschirr darf nicht lange umherstehen.

Kreuzrätsel.

In die Felber neben« stehender Figur sind die Buchstaben a a a a a b b ceee hhhhhhiii iikknnnnnnoo p prrrrssssttn u derart einzutragen, bah die wagerechten und senk- rechtenR eihengleichlautend Folgendes ergeben 1

1. Männlichen Vornamen.

2. Ein Edelwild.

3. AltgriechischesHeiligtum.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nunnnerr

ESSEN

SAAR

SAN

E R

N

RedaktionrP. Wittko. Rotationsdruck und Berlag^der BrÄhl'schen Universitäts-Buc^ rmd Steindruckerei, R. Lange, Gießen.