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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten!.

(Fortsetzung.)

13. Kapitel.

Tret Jahre sind verflossen. Der Novemberhimmel wölbt sich in wolkenloser Bläue über der ewigen Stadt. Ueber die Mauern der Billa Medici ranken sich noch die blühenden Rosen, die Lorbeeren und Myrten glänzen im goldenen Sonnenlicht, die kräftigen Steineichen stehen ehrwürdig in ihren: immer­grünen Laub.

Der Fremdeustrom flutet auf und ab auf den Straßen, dem Pincio und in den Galerien und Kirchen, in diesem Jahr ist der Verkehr reger denn je.

Eine lange Wagcnreihe fährt auS der Porta S. Sebastiana die Via Appia entlang nach den Calixtkatakombcu. Es' ist heut der 22. November, der St. Cäcilientag, und an der ehemaligen Grabstätte der Heiligen wird eine Messe zelebriert, das zieht viel neugierige Zuschauer in die unterirdischen Räume.

Langsam bewegt sich die Menge durch den schmalen Gräber­gang nach den Papstgrüften und von dort in einen oben offenen Raum, wo eine Kapelle, die nebst den umliegenden Gangen heut erleuchtet ist, sich dem Auge bietet. M ist ein phanta­stisches, unheimliches Bild; dieser 'bunte Menschcuschwarm ver­schiedenster Gattung, aus dem ein leises Summen und Surren emporsteigt, dicht gedrängt, in das schwarze Dunkel der engen Gänge sich verlierend, von dem ungewissen, flackernden Kerzen­licht übergossen. Ueber die alten byzantischen Malereien huschen die Schatten und Lichter hin, das Gemurmel des Priesters und der plärrende Gesang der Chorknaben hallt dumpf hier in der unterirdischen Welt. _ , 1

Die Feier ist beendet, der Knäuel löst sich auf. Ein Teil geht mit den Führen: weiter hinein in die Katakomben, der andere Teil strebt dem Ausgang zu ins Freie, hinauf ans Tageslicht.

Ein Herr und eine Dame habe:: in der vordersten Reihe am Kapellenrande gestanden und bleiben jetzt als die letzten zurück. Die hochgewachsene Dame ist manchem Auge aufgefallen. In den: wunderlichen, gespenstischen Licht hat sie ausgesehen wie ein verkörpertes, lebendig gewordenes Bild der heidnischen olympischen Göttin, der Juno Ludovisi. Man ist ja daran ge­wöhnt hier in Rom, daß die alten und die neuen Gottheiten sich friedlich miteinander mischen.

Ter Herr neben ihr hat gelangweilt der Zeremonie zu­geschaut und seine Augen ziellos umherschweifen lassen. Jetzt, als die Gruppen paarweise an ihm, dem Zurückweichenden, vorübergleiten, späht er forschend nach einer Gestalt, die ers dahinten im schattenhaften Gedämmer entdeckt. Seine Züge sind scharf und hager und zwischen seinen Brauen hat sich eine tiefe Falte gebildet, die nicht zu seine,: Jahren. gehört., Kenn er ist noch ein junger Mann. Plötzlich schlägt ihm die Glut in das Angesicht, er tritt noch weiter zurück, aber er braucht sich nicht zu fürchten, hier beachtet das niemand.

Zwei Damen gehen hart an ihm und seiner Begleiterin vorüber, eine alte u::i> eine junge. Die Alte trägt einen bunt gewirkten türkischen Schal und einen Hut mit wallenden roten Federn. Ihr Gesicht ist gelb uns runzelig, aber wie sie sich wendet, erkennt man selbst hier in dem düstere:: Halblicht dig Schminke :tm die Augen und aus den Mangen, und ein starker! Mvschusgeruch verbreitet sich in . der dumpfigen Lust. Die junge Dame neben ihr schreitet wie in tiefen Gedanken dahin, sie hat ein feingeschnitteues, liebliches Gesicht, aber die Wangen sind schmal und bleich und um den Mund liegt ein herber Zug. Sie und die Alte sind von mehreren Herren begleitete welche, lebhaft gestikulierend, reden; es sind Italiener, und wenn sich einer von ihnen tiefer zu der jungen Dame neigt und an sie direkt das Wort richtet, schaut sie auf, als sei sie sich ihrer Umgebung gar nicht bewußt und habe an ganz fernab liegende Dinge gedacht. Sie zwingt sich dann zu einein artigen Lächeln und zu einer Antwort, und bei dem Klang ihrer Stimme zuckt der beobachteiche Fremde zusammen.

Jetzt ist sie gerade neben ihm und der Juno, und sie blickt zu ihm auf, plötzlich, wie durch ein inneres, instinktives Gefühl getrieben. Ihre Gesichtszüge verändern sich, purpurn flammt dunfle Glut darüber hin, sie öffnet die Lippen, als wolle sch einen Schrei ausstoßen. Aber sie preßt rasch ihr Batisttuch an den Mund und drängt den Schrei zurück. Nur ihre Augen haben einen Moment wie entsetzt den Herrn angestarrt, und sie ist die e inzige, welche die Glut auf seinen Zügen entdeckt hat.

Sie grüßen einander nicht und jetzt ist sie vdrüber> der Strom der anderen fremden Menschen flntet über die Stelle^ wo sie stand.

Sind Sie da festgewurzelt, Roderigo?" sagt lachend die Stimme seiner Begleiterin, und Roderich Walldorf fährt empor wie aus schweren: Traum und bietet seiner Dame den Arm,

Man fühlt sich wie verhext hier in diesen alten Grüften," sagt er,ich weiß eigentlich nicht, Vera, was für ein Vergnügen Sie an diesen lächerlichen Zeremonien finden. Dir Katakomben kennen Sie ja wohl wie Ihre Tasche./'

Ihnen fehlen hier, wie so vielen Romfahrern, die rechten Sinne, Roderigo, es gibt hier nur wenig Sehe:ü>s u:id Hörende,"

Roderich brummt eine ärgerliche Erwiderung in den Bart- während sie langsam den letzten Nachzüglern folgen. Bern hat eine unleidliche Art, solche Seitenhiebe austzuteilen.

Wie lange war er eigentlich schon ihr geduldiger Begleiter auf' der Fahrt u:ld Suche nach Kunstschätzen und Kunstgenüssen aller Art? Wenn das allein den echten Künstler kennzeichnen sollte, dieses ruhelose Stöbern unter und über der Erde, so. war er anderer Meinung darüber. Aber alle Welt nannte Bera eine geniale Natur, und niemand unterfing sich, ihr Urteil anzufechten.

Sie waren endlich ins Freie und an ihren Wagen gelangt. Hier oben in den: blendenden Sonnenlicht, das über die Campagna flutete, sah man deutlicher, wie diese Jahve Roderichs verändert und älter gemacht hatten. Sie schienen ihm wenig Rosen gebrächt zu haben. Bera Petruschka dagegen hatten sie nichts getan. Ihre Schönheit war von einer dauer-!