Ausgabe 
10.6.1907
 
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Montag den W. Ium

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81

Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

>,Es tut mir leid, gnädige Frau, auch das noch ausrichten zu inüssen," sagte er.Ihre Verwandten wünschen Sie für den Augenblick nicht zu sehen, auch Fräulein Sylvia bittet, ihr Ruhe zu gönnen. Sie dürfen ihnen das nicht verargen, dieser Todesfall ist sehr hart und traurig ein so blühendes, hoff­nungsvolles Leben da ist man nicht imstande, laute Szenen zu ertragen. Es ist doch mit Bestimmtheit anzunehmen, daß Ihre Zusanlmeukunft mit den Verwandten unter den.obwaltenden Verhältnissen stürmischer Natur würde."

Unerhört unglaublich und der Graf, was soll ich dem Grafen sagen?" Frau Cölestine war außer sich.

Befehlen Sie, daß ich Ihnen über des Herrn Grafen Verhältnisse genauere Details bringe? Ich stelle mich der gnä­digen Frau ganz zur Verfügung. Aber schon bei Ihrer näheren Bekannten hier, der Signora Luigia Ambrogi ich sah Sie häufiger in der Gesellschaft dieser Dame dürften Sie bei gründlicher Nachfrage allerlei erfahren. Die Donna stand eine Zeit lang i n einem zärtlichen Verhältnis zu dem Herrn Grafen, Md brach mit ihm, als seine Kpsse nicht mehr reichte, ihre weitgehenden Ansprüche zu befriedigen."

Mein Herr!"

Paul zuckte die Achseln und lächelte.

Signora wir sind im schönen Land Italien, wo die Herzen leicht glühen rind leicht erkalten. Ich sollte denken, daß Ihnen dergleichen nicht fremd wäre. In einem wechsel­vollen Leben, wie dem Ihrigen, macht man viele Erfahrungen."

Frau Zernial erhob die Arme gen Hinrmel.

O, diese entsetzliche Welt! Sie ist unrein und verderbt durch und durch. Auch meine lieben Verwandten durchschaue ich, sie wollen mich ausstoßen, wieder von meinem Kinde trennen, von meiner armen, süßen Sylvia. Was was soll denn aus mir werden?"

Paul schwieg ein paar Minuten.

Sie sprachen es vorhin aus," begann er dann,wie der Kultus in der katholischen Kirche Sie anzicht, wie klöster­liche Weltabgeschiedenheit Sie lockt. Nach einem Leben, wie dem Ihren, begreife ich das vollkommen, vielleicht würde ; wenn Sie an eines Klosters Pforte klopften, dort auch für Sie die Ruhe zu finden sein, welche Ihrer Tochter in der alten Hemmt tvartet."

Frau Zernial verhüllte ihr Antlitz und schluchzte jetzt herz­brechend. Tie ergiebigen Tvanenfluten brachen hervor.

Unter all dem Kvmödienspiel und der künstlichen Alteration gähnte die grause, kalte, nackte- Wirklichkeit sie an. Die letzten, hohl aufgeführten Zukunftsschlösser brachen zusammen. Sylvia, ihr eigen Fleisch und Blut, riß sich von ihr los, sie stand wieder, glleiu, ohne irgend einen Halt im Leben.

Sie. hatte nach Genuß, nach immer neuen Erregungen und

Freuden gejagt von ihrer Jugend an, nach immer neuen Stützen gegriffen, wo sie den Halt verloren und keine hatte ihr ge-, halten. Jetzt blieb ihr nur noch die Religion sie sollte ja unfehlbare, ewige Trösterin sein und ihr offenbarte sie sich am besten in der FvrM, Ivie sie die alte Mutterkirche bot, mit ihrem Mystizismus und bequemer Priestervermittlung. Sie war auch eine mpter dolorosa mit den sieben Schwertern in ihren,! Herzen, zu den Füßen der heiligen Jungfran fanden sich iwch Wunder, noch Rettungen.

In Frau Zernials Gehirn tuminelten sich alle diese Ge­danken, aber als sie aus ihren, Tränenparoxismus nufblickte, sah sie wieder diesen schrecklichen Menschen, der so kalt und un­beweglich blieb bei all ihrem! Elend. Es war zum Rasend-i werden. Sie wäre gerne rasend geworden in diesem Äugens blick, wenn es sich nur hätte bewerkstelligen lassen. Aber es war nicht genügend Raum und Möglichkeit dazu. Wenn sie nur hätte sterben, plötzlich tot Umfallen, oder ihr Gegenüber erwürgen können. Was sollte sie beginnen, die arme, überlistete Frau.

Paul erhob sich jetzt, seine scharfen Ohren vernahmen! draußen ein Stimmengemurmel, das schon seit einer kleinen Weile vor der Tür erklang, und jetzt wurde leise gepocht.

Tie Türe öffnete sich behutsam und das Gesicht des Abbate Lucci erschien in dein Spalt.

Paul eurpfahl sich rlasch, der geistliche Freund war jetzt der beste Gesellschafter der verstörten Dame.

Ter seine Priester grüßte höflich und Fran Zernial flog ihm mit erhobenen Händen und einein Schrei entgegen.

Oh! Santa padre! Jl mio Salvatore!"

Paul entschlüpfte während der stürmischen Begrüßung. .Er war herzlich sroh, daß seine heikle Mission l>eendet ivar.

21. Kapitel.

Unter den hohen Zypressen neben der Pyramide des Cestius senkten sie einen blumenbedeckten Sarg in die Erde. Eine kleine Gruppe von Männern umstand das offene Grab. Die Sonne schien hell. In dem kleinen, stillen Winkel blühte und duftete es. Ter alte, weißhaarige Herr starrte trostlos hinab in die Gruft, die seinen blühenden Sohn aufnahm, und ivarf die ersten Schollen Erde auf den Sarg. Ein Wurm hatte den kräftigen; Baum an der Wurzel zernagt, Lebensüberdruß in voller Lebens­fülle! Ein unverständlich Rätsel für viele. Nur sein Vater­herz erkannte den WuriN, den er selbst in Verblendung und eitlem Stolz mit groß gezogen, und der nun alles Edle und Gute zer^ nagt und zerfressen.

Professor Villatte stützte den alten, wankenden Mann, feig weiches Herz schmolz in Mitgefühl.

Im Hotel saßen Erna unö Sylvia in tiefen Trauerkleidern.

Sylvia hatte sich eben erst vom Lager erhoben. Sie fieberig beständig und der herbeigeholte Arzt war der Ansicht, daß für sie eilte Entfernung aus der römischen Luft sobald als möglich dringend geboten fei.

Heute nachmittag sollte sie Abschied nehmen von derMuttev,- morgen wollte sie reisen, heim in das traute Haus, heim zn Mama Wialldprf. .Es war .ergreifend für Erna, zu sehen, ivie