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Samstag den 9 Mu z
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Der Jall Garneit.
Novelle von R-inhold Optmann.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Allgemach aber glaubte sie zu bemerken, das; überhaupt eine große Veränderung in Morton Rahwards Benehmen vorgegangen :var. Damals Ivar er ein junger Mann Volt unverwüstlicher «-rische und übersprudelnder Fröhlichkeit gewesen, jetzt aber lag es aus ihm wie tute Last eines verschwiegenen Kummers, der seiner Heiterkeit etwas Erkünsteltes und Gezwungenes gab. Denn in Gegenwart seiner Tante war er auch jetzt noch munter und gesprächig, wie wenn er den dringenden Wunsch hätte, die alte Dame nichts von seiner gedrückten Stimmung merken zu lassen. Sie wurde auch unverkennbar durch sein Benehmen getäuscht und es waren vielleicht einzig die scharfen Augen der Liebe, die jene Verstellung durchschauten. Sobald sie die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß irgend ein geheimer Grain an ihm nagte, war aus Margarets Seele jeder Groll gegen Morton geschwunden. Sie hätte gewiß eilten guten Teil ihres jungen Lebens darum gegeben, wenn sie ihn hätte trösten oder ihm hätte helfen können, sein unausgesprochenes Leid zu tragen. Aber wie hätte sie es wagen dürfen, eine Frage an ihn zu richten oder ihm am Ende gar ihren Beistand anzubieten --sie, die arme Gesellschafterin, dem reichen jungen Manne, dem alle Pforten des Glücks so sveit offen standen!
Ihre Absicht, weiteren Begegnungen mit Doktor Chilton cms- znweichen, hatte Margaret nur insoweit durchführen können, daß es ihr bisher glücklich gelungen war, jedes Alleinsein mit dein jungen Arzt zu vermeiden. In Miß Garnetts Gesellschaft aber sah sie ihn täglich zu wiederholten Malen, und sie konnte auch nicht verhindern, !d!aß das alte Fräulein ihm gegenüber immer wieder in Ausdrucken höchster Anerkennung von ihren liebenswürdigen Eigenschaften sprach.
Dann fühlte sie selbst bei abgewandtem Gesicht ganz deutlich, daß Doktor Chiltons allzu beredte dunkle Augen mit demselben begehrlichen Feuer auf sie gerichtet waren, das ihr bei der ersten Begegnung so peinlich gewesen war, und sie wünschte sich in solchen Momenten weit fort aus seiner Nähe. Ließ er es doch auch an noch deutlicheren Zeichen seines lebhaften Interesses für sie nicht fehlen! So oft nur immer sich ihm ein Vorwand dazu bot, suchte er an ihre Seite zu gelangen. Er war niemals liebenswürdiger, geistreicher und ritterlicher, als wenn er das Wort an die junge Gesellschafterin richtete, und wiederholt schon hatte er den Versuch gemacht, heimlich ihre Hand zu ergreifen oder sich so nahe zu ihr zu neigen, daß sie erbebend den warmen Hauch seines Atems an ihrer Stirn gefühlt hatte.
Miß Garnetts Arglosigkeit . und ihre kurzsichtigen Augen nahmen von alledem nichts wahr und Margaret würde niemals den Mut gehabt haben, sich bei ihr über die Zudringlichkeiten Chiltons zu beklagen. Sie wußte, daß die alte Dame von ejner geradezu rührenden Dankbarkeit für ihren Lebensretter erfüllt war, daß sie ihn nicht nur für einen sehr tüchtigen Arzt,
sondern auch für einen vortrefflichen Menschen hielt und daß sie eine Verdächtigung des Doktors fast wie eine persönliche Kränkung empfunden haben würde.
Sie wagte es aus diesen Gründen auch nicht, ihm geradezu unfreundlich zn begegnen, aber sie sehnte mit Ungeduld den Tag herbei, wo mit Miß Garnetts vollständiger Genesung seine ärztlichen Besuche aufhören ober doch.wenigstens seltener werden würden.
Noch vor dem Eintritt dieses Zeitpunktes aber sollte eine unglückliche Stunde das Ereignis bringen, vor dem sie sich hall» instinktiv gefürchtet hatte.
Sie hatte in Miß Garnetts Auftrage einige kleine Besorgungen gemacht und kehrte zur Mittagsstunde nach Hause zurück, willens, sich sogleich zu dem alten Fräulein zu begeben. Im Vorzimmer aber kam ihr Dr. Chilton entgegen- und sie war seiner zn spät ansichtig geworden, um ihm noch answeichen zu können.
Schon das Glitzern seiner Augen und der unverkennbare Ausdruck der Freude aus seinem Gesicht weissagten ihr nichts Gutes. Mit einer raschen und ziemlich kurzen Erwiderung seines artigen Grußes wollte sie an ihm vorüber, aber er vertrat ihr geradezu den Weg.
„Nein, heute sollen Sie mir nicht auf solche Art entschlüpfen, Miß Barrymore", sagte er. „Was habe ich denn getan, daß Sie sich vor mir fürchten?"
„Ich fürchte mich durchaus nicht, Herr Doktor, aber ich werde von Miß Garnett erwartet.".
„Wenn es nur das ist, was Sie hindert, mir ein paar Minuten zn opfern, so kann ich Ihnen mitteilen, daß ich Miß Garnett soeben in sanftem Schlummer gefunden habe. Es wird nicht Ihre Absicht sein, sie zu .wecken."
Margaret wußte nicht, was sie ihm erwidern sollte. Sie tvar zaudernd stehen geblieben, er aber machte einen raschen Schritt auf sie zu und hatte sich, ehe sie es hindern konnte, ihrer Hand bemächtigt.
„Ich kann diesen Zustand nicht länger ertragen, Miß Margaret", flüsterte er mit einer heißen Leidenschaftlichkeit, die sie tödlich erschreckte. „Sehen Sie denn nicht, wie ich leide? Ich liebe Sie — liebe Sie bis zum Wahnsinn, und ich werde irgend etwas Verzweifeltes anstellen, wenn Sie mich nicht erhören."
„Herr Doktor — um Gotteswillen — —"
„Warum sehen Sie mich so verängstigt an? — Bin ich Ihnen denn so schrecklich? —• Würde es Ihnen wirklich so ganz unmöglich sein, mich ein klein wenig zu liebend
Sie konnte sich's selbst nicht erklären, wie es zuging, aber in diesem Augenblick war in ihrem Herzen in der Tat keine andere Regung als die einer grenzenlosen Furcht vor dem schönen großen Manne mit den funkelnden schwarzen Augen, deren Blicke wie Feuerbrände in ihre Seele zu dringen schienen.
„Sie martern mich", brachte sie mit Anstrengung heran-. „Was soll ich Ihnen erwidern, ohne Sie zu kränken?"
„Sie sollen mir erwidern, daß Sie mein Weib werden wollen, Margaret — das Weib eines Mannes, der Sie auf seinen Hände«


