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Auf der ngensn Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker-
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der Gehilfe durfte sich einstweilen ins Borzimmer zurück- ziehen; unter der Tür traf er mit Kommissar Thommen zusammen, der in augenscheinlich großer Aufregung von seinem Gange zurückkehrte.
„Die Bildkarten sind nicht aufzusinden", berichtete er, kaum daß er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Was soll das heißen?" erkundigte sich der Rat. Sein Blick schweifte zu Walden hinüber.
„Ich will selbst einmal hinaufgehen und nrich überzeugen, die Bilder müssen da sein, ich legte sie mitten auf die Schreibmappe des Kommissars, damit er sie sofort heute früh gewahren möchte."
„Ten Gang können Sie sich sparen!" hielt ihn Thommen zurück. „Wir haben alles abgesucht. Der Nuntius hat Ihnen zugeschaut, als Sie die hurtig in Zeitungspapier gewickelten Bilder auf den Schreibtisch legten; er meint, Sie müßten sie entweder aus Versehen wieder zu sich gesteckt oder eine Ratte müßte sie vom Pulte gestoßen haben; dann sei es möglich, daß die Putzfrau das unscheinbare Päckchen mit anderen am Boden liegenden Papieren zusammengefegt und verbrannt habe."
„Das ist fatal!" wollte der Rat aufbrausen. Doch ein ganz merkwürdigen Blick des Kvmniissars, der sich so gestellt hatte, daß sein Mienenspiel Von niemandem als Hansemann selbst beobachtet werden konnte, ließ ihn abflauen.
„An dem Verlust der Bilder ist schließlich wenig gelegen, meinte Thommen rasch, „wir bekommen ja die neuen Ausnahmen vom Herrn Kreisphysikus. Daß die Karten aus dem Verbrecheralbum sich haarscharf mit den Gesichtszügen der Leiche decken, davon konnten wir uns sämtlich überzeugen."
Das schien dem Rat einzuleuchten; er sagte wenigstens nichts darauf. Als er eine Weile später in einem von anderen unbeobachteten Moment Thominen an sich herantreten sah, erstaunte er indessen nicht ivenig, von diesem im Flüsterton die Bemerkung zugeraunt zu erhalten: „Ich habe sofort dienstlich kot Ersatz der Bilder nach Paris telegraphiert; dort haben sie die Phowgraphie jedenfalls noch dutzendweise vorrätig. Bitte, tun Sie vorher keine Schritte gegen den da" — und dabei schweifte sein Blick nach dem ihnen gerade den Rücken kehrenden Detektiv.
Hansemann konnte nur schwer seine ängstliche Betroffenheit bei dem Gedanken niederhalten, daß der in seiner eigenen Seele bereits erwachte Argwohn auch bei anderen anfing und gegen einen Mann sich richtete, der bis dahin nicht nur sein uneingeschränktes Vertrauen besessen, sondern dem er eine väterlich zu nennende Neigung entgegengebracht hatte.
Jedoch gewaltsam sammelte sich der Rat; er war ohnehin nicht der Mann, der sich durch irgend welche Sentimentalitäten beeinflussen ließ. Schon jetzt war es bei ihm beschlossene Sach«, bei der sich nächWietenden Gelegenheit feinen bisherigen ver
trauten Mitarbeiter nach dem Grunde seines in dieser Unter!-, suchungssache mindestens zweideutigen Verhaltens zu befragen. Er erinnerte sich eben an das merkwürdige Verhalten des Detektivs angesichts der Leiche. Walden war übel geworden, er hatte gegen eine Ohnmacht ankämpfen müssen und sich glaubhaft damit herausgeredet, der Chloroformgeruch mache ihn: übel. Die Möglichkeit lag vor, daß er in dem Leichnam den tief gesunkenen Jugendfreund erkannt und schonend geschwiegen hatte . . . doch nein! Er hatte ja fast auf den ersten Blick in dem Toten den internationalen Einbrecher erkannt und die Bilder aus dem Verbrecheralbum hatten seine Angaben vollinhaltlich bestätigt. Also konnte nicht nur Mitleid die Lippen Waldens versiegelt haben; dieser mußte notwendig um das Doppelleben des Jugendfreundes gewußt haben. Daran zu zweifeln, hieß die scharf entwickelte Intelligenz des jungen Beamten verkennen. Wie sollte diesem eine derartig frappante Aehnlichkeit entgangen sein, die z. B. einem Rokohl ohne weiteres aufgefallen war! Je länger der Rat seinen Gedanken Spielraum gab, desto klarer erschien cs ihm, daß auf ©eiten Waldens zumindest ein Akt bewußter Täuschung und Unaufrichtigkeit Vortag, hinter welchem unheimlich grobe Pflichtverletzung hervorwitterte. Doch Thommen hatte Recht; eben war nicht die Zeit dazu, Aufklärungen zu heischen. Vorläufig galt es, die Erledigung der immer dringlicher und zahlreicher an ihn herantretenden Amtsgeschäfte.
Damit wendete sich Hansemann an den Maler. „Herr Witte, ich sehe mich in die unangenehme Lage versetzt, von Ihnen den Nachweis eines genauen und lückenlosen Alibi während der in Frage stehenden Nachtstunden, also von etwa 3 Uhr morgens an. erbitten zu müssen", begann er.
Witte sah ihn groß an; dann lachte er nervös auf. „Das kann doch Ihr Ernst nicht sein!" brach er dann los. „Was werde ich gemacht haben? Nach Hause ging ich, natürlich allein, denn sogar in Berlin trifft man um solche nachtschlafeudc Zeit kaum Bekannte."
„Bleiben wir bei Tatsachen", wehrte der Rat, ersichtlich unangenehm durch den herausfordernden Ton des andern berührt. „Wann kamen Sie nach Hause?"
„Das weiß ich nicht, denn ich erinnere mich nicht, die Uhr befragt zu haben. Ich war zudem erregt und schlug nicht den kürzesten Weg ein. Vielleicht kam ich um 5 Uhr nach Hause, vielleicht auch früher oder später — ich weiß es nicht. . . und andere noch weniger, da ich ziemlich isoliert wohne."
„Das bedaure ich in Ihrem Interesse, zumal Sie Ausländer sind."
„Was hat denn das mit dem peinlichen Falle da zu tun?" „Sehr viel, soweit Ihre Persönlichkeit in Betracht kommt. Vergegenwärtigen Sie sich die Lage. Sie selbst räumen ein, den Trunkenen nach der Droschke gebracht zu haben, in welcher er nachher seinen gewaltigen Tod fand. Nun wollen Sie sich zwar entfernt haben, doch an der Hand der Zeugenaussagen spricht die Wahrscheinlichkeit für das Gegenteil."
„Sie vergessen auch meine Aussage! Es ist die Aussage eines untadeligen Ehrenmannes!" unterbrach ihn Witte, hochmütig die Lippen schürzend.


