so
,Ja. Ich habe die Pläne gesehen. Es wird in der Tat ein Wunderbau — und Hammer spart nicht. Ec will der Kunst einen Luxustempel errichten. Das ist alles recht gut und schön. Es i|t auch genug Geld da: zum Teil hat man es zinslos gegeben. Aber wie ich Hammer kenne, wird es immer noch nicht reichen: es wird zu Nachforderungen kommen, und trotz aller Geschenke werden die Zinsen in die Höhe schnellen wie das Thermometer im Hochsommer. Und bann, furchte ich, wird man inwendig knappsen. Das wäre das Schlimmste . ."
Gräfin Freda fragte nach allerlei. Je einsamer sie sich daheim fühlte, um so mehr interessierte sic sich für die Außenwelt, vor allem für die Bühne, für Oper und Schauspiel und das Leben der Künstler. Sie behauptete, das liege ihr im Bliite. Ihr Großvater mütterlicherseits war einer der ersten General-Intendanten in Beilin gewesen, und ihre Mutter bewahrte noch Briefe von Mozart, Jffland, der Unzelmann, von Gluck, der Bigano und anderen Berühmtheiten ans der Hinterlassenschaft des alten Herrn. Als Mädchen hatte Freda and) zuweilen bei Liebhaberaufführungen mitgewirkt und starkes schauspielerisches Talent gezeigt. Das hatte ihr viel Freude gemacht. Aber ihr Gatte war dagegen, daß sie sich an den gelegentlichen Wohltaiigkeitsoorstellungcn der Berliner Hofgesellschaft beteiligte; Prinzeß Luise liebte es nicht, daß man in heiterem Bühnenspiel um das Mitleid warb. Da war sie denn schon froh, wenn der Hofmarschall ihr den Thealergenuß nicht allzu sehr beschränkte. Sie hatte einen Logenplatz in der Oper, ging auch zuivcilen, nur von ihrer Zofe begleitet, in die Privattheater. Dann und wann holte ihre Freundin, die junge Gräfin Wesdehlen, sie ab; oft auch Heros. Darüber hatte Frehlinghaus anfänglich freilich den Kops geschüttelt. Aber Arenstein besaß eine eigentümliche Macht über ihn. Wenn ec mit spöttischem Livpenzucken sagte: „Mach' Dich nicht lächerlich, Eugen," so schwieg der Graf, grunzte nur iroch und zupfte achselzuckend an seinen Bärten. So gestattete er selbst das Nesidenztheater, aber nur gegen ehrenwörtliche Verpflichtung, sich im Hintergründe der Loge halten zu wollen.
Freda war erstaunt gewesen, als sie hörte, daß ihr Gatte dem neuen Theaierunternchmen nahegetreten war. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich sonst nur mit genealogischen Arbeiten; er schrieb eine Geschichte seiner Familie, besaß eine recht hübsche Wappensammluug und trug allerhand Kollektaneen zusammen. Dafür hatte er reges Verständnis, sich auch eine Zeitlang mit dem Gedanken getragen, sich um eine Stelle im Heroldsamt zu bewerben. Wer das Theaterinteresse war ihm doch erst in letzter Zeit aufgegangen. Heros behauptete, auf höheren Befehl. Prinzeß Luise wollte als Reformatorin auftreten. Tas war grotesk. Wer schaden konnte es nicht. Sie bildete vorläufig das vermittelnde Medium zwischen den Unternehmern und dem Hofe, von dem mau anfänglich Schwierigkeiten wegen der Konkurrenz zur Königlichen Oper gefürchtet hatte. So aber hieß es plötzlich-, auch der Kaiser nehme lebhaften Anteil an dem neuen Prachtbau, der in der alten Bia triumphalis Berlins erstehen sollte, und habe sogar die Absicht, der Eröffnung des Hauses beizuwohnen. Tas war viel wert. Dafür konnte man den Grafen Frehlinghaus als Vertreter der Prinzeß Luise immerhin „mit Versprechungen füttern" — jo drückte Heros sich aus.
Ä-rcnstein blieb nicht mehr lange. Er berichtete, daß der Gras entschieden gegen den Kabaretbesuch sei. „Was kem Unglück ist, Freda", fügte er hinzu; „Tn stellst Dir das ^amüsanter vor, als es tatsächlich ist. Dafür ver'preche ich Dir, Billets zur sh Veite Gnilbert zu besorgen, die in nächster Woche erwartet wird. Ich habe sie in Paris gehört; das wird Dir mehr Spaß machen. Und nun geh' ich auf und davon. Habe Dank für die Zehrung und die'Plauder- stunde, Freda. Addio."
, Bustle ihre Hand. „Addio, Vetter", wiederholte die Grasur. „Komm' bald einmal wieder. Wann kehrst Tu nach Walsungen zurück?"
„Erst in einigen Wochen. Der Berliner Frühling hat auch ferne Reize. Ich denke so ungefähr zur selben Zeit abzurersen wre Du."
„Tu bist ein lieber Kerl!" rief sie ihm nach. Er stand schon an der Tür, wandte sich aber i!vchmals um und nickte
ihr z«. <$$ sah sie int Glanze des Sonnenscheins, der durch das Fenster flutete und ihren Rotkopf mit Gold umsponn. Ten Eindruck dieses Bildes nahm er mit.
7.
Urban Hammer war heute früher aufgestanden als sonst. Tas Frühanfstehen liebte er nicht. Vor elf Uhr vormittags war er noch Mumie; so behauptete er. Tann erwachte allgemach eine Gehirnzelle nach der anderen. Um bi« Mittagsstunde war er ein fähiger Mensch.
Wer heute sollte die Grundsteinlegung erfolgen. Da mußte er schon zwischen neun und zehn aus dem Bette. Ties Bett stammte aus der Zeit Louis' Quinze. Die Vorhänge darüber waren Arazzi aus Florenz. Ein Trio von drei Hellebarden (Maximilianische Zeit) trug- die Handtücher. Ter Spiegel mit den Glasroseu über der Toilette stammte aus einem Palazzo Venedigs. Tie Kupfer an den Wänden waren Bouchers und Fraaonards. Ter ungeheure, eichengeschnitzte Kleiderschrank hatte einstmals in einem Nürnberger P-atrizierhause gestanden. Tie Morgenschuhe vor dein Bette waren zerrissen und die Wasserkanne auf dem Waschtisch hatte einen Sprung im Henkel, sodaß sie nicht ohne Gefahr zu benutzen war.
Tie niederen Einzelheiten in der Wirtschaft übersah Hammer. Wer zuweilen wütete er doch. Er saß am Frühstückstisch, drückte auf die elektrische Birne, die vom Kronleuchter herabhing, und brüllte dabei mit gewaltiger Stimme: „Genoveva! . . . Genoveva! . . . Haiduckenweib!"
Genoveva trat ein:, keine fein-gräfliche Erscheinung, sondern eine starke Dame in fraglich sauberer Morgentracht, mit rotem gutmütigen- Gesicht, blanken Augen und einem ausgeprägten Schnurrbartsanflug auf der Oberlippe.
„Signore", sagte sie, „wat wieder vor eine Gesrei!"
„Mat, wat, wat, wat", schrie Hammer dennoch- weiter. „Ich schreie aus Notwendigkeit. Schau' her, Genoveva! Wer hat die Ecke aus diesem geflochtenen Porzellankorb herausgebrochcn? Wer ist ein Tolpatsch? Wer zertöppert meine erlesensten Kostbarkeiten? He?!"
Tie Alte neigte sich über den Tisch, und ihre dunklert Aügen flogen umher; dabei zuckte sie fortwährend mit den Schultern, sodaß ihre starke Büste hüpfte.
„Wat zerribrocken?" sagte sie. „Diese kleine Bisken? Tio mio — und so eine Gebrulle! Kauf' ick neu. Quanto costa quefta — ?"
„Mehr als Dir lieb sein dürfte, Du Auflauf. Das ist königliches Porzellan mit dem alten Brande. Und das Geheimnis des Geflechts ist verloren gegangen. Das ist unbezahlbar."
„Äck wat", sagte die Alte.
„Genoveva, gewöhn' Dir Dein „toat" ab; Du machst mich nervös. Ich habe hundertmal befohlen, daß meine Kostbarkeiten nicht in Gebrauch genommen, nicht einmal angerührt werden sollen. Tu zwingst mich noch dazu, mich zu verheiraten."
Ta stemmte die heilige Genoveva die Hände auf die gewaltigen Hüften und entgegnete: „Eirateu! Eirate Tu. Aber icke bleibe! Icke abe Dir auf meine Arme gezunkelt, als Du nock eine Piccolo bambino gewest und abe Dir das Leben geerrettigt bei Deine swere Kranksein: erst Zarlack, dann Tiphterium, dann in die Lunge, intereinander als kleine Kind —- und icke abe Dir gepflogen. Darum bleibe icke aut Drohst Du mir mit die Eirat? Wat? P-rego, meine söne signore, eirate nur; aber bringe mir eine, die mir gefallt! Haft Tu versteht?"
,,'raus!" schrie Hammer.
„Wat? Smeist Du mir 'raus?!"
„Ja, Landgräfin, geh'; ich vergeb Dir alles. Du bist ein Lindwurm, doch ich zürne Dir nicht mehr. Ich erneuere nur meine gehorsamste Eingabe: laß' Deine Pfoten von meinem Porzellan und Glas. Kaufe Steingut für den Hausgebrauch oder Panzerplatten. Geh', Weib, Du bist mein Kismet. Ist das Fräulein schon da?"
Genoveva schmunzelte und legte ihre fleischige Hand auf die Schulter des Baumeisters.
(Fortseimng folgt.)
Mozariiana.
Züge und Episoden aus dem Leben des Meisters von O. L e e d e. lNachdrnck verboten.)
Der 27. Januar des Jahres 1906 bringt uns die 150. Wiederkehr ieues Tatzes. an totidtan einst Wolfgang Amadeus Mozart,


