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Da ist diese Frau Zoll für Zoll eine große Künstlerin — nicht reproduzierend, sondern erschaffend! — und zugleich ist sie ein volles, echtes Weib. Und dennoch scheint sie unglücklich zu sein? . . . Vielleicht ist sie es gerade darum, weil sie eine große Künstlerin und ein echtes Weib ist! Denn kann das wahre Weib in dieser Welt vollkommen glücklich sein?
Mein!
Soll eine große Künstlerin ein lächelndes Gesicht haben?
Nein, nein!
Stumm kommt sie in die Billa Falconrerr, stumm geht sie wieder. Sie hatte Maria gern, scheint sie aber berells vergessen zu haben. Mit ihren stillen, schmerzlichen Augen sieht sie alles; und alles scheint sie düster zu sehen — auch unser neues leuchtendes Leben, von dem sie sicher weiß. Sie glaubt nicht daran. Sie glaubt überhaupt an kein Glück. Alles an ihr ist Schwermut und Erschöpfung.
Was sagte sie damals von Viviane? Sie sei schwerlich zu retten.
Sie ist gerettet!
*
Ich erzählte ihr von meinem Drama. Teilnahmlos hörte sie mich an. Am nächsten Tage jedoch kam sie und jagte sie wolle das Stück lesen.
In einigen Tagen hofse ich fertig zu fein.
*
53c€Ttbct!
Holde, gute Frühlingsgöttin, sei gnädig meinem Werk! Unter deinem himmlischen Vlütenzeichen entstand es: mein bestes Stück Leben, welches ich zu geben vermag. Trage meine Worte auf deinen sanften Winden hinaus in die Welt. Lasse sie hier und dort auf ein einsames, schmerzerstarrtes Menschenherz niederfallen; und lasse es dann in dem armen, toten Herzen knospen und blühen, daß es noch einmal aufbebe in Werdedrang und Daseinslust:
„Mai ist gekommen!" *
Assunta Neri las mein Stück und — wird es spielen! „Vielleicht kann es Sie retten", sagte sie.
Mich retten? Was meinte sie damit? Bin ich denn verloren, daß ich gerettet werden müßte? Jetzt, wo ich nach langem lebendigen Tod mein jubelndes Frühlingslied lang; wo ich Viviane, meinen ganzen Menschen, fand!
Und jetzt sollte mich etwas vielleicht retten können?
Meint sie etwa, daß auch ich „schwerlich" zu retten sei?
Welche Phantasien! Ich schrieb mein Werk, ich fand Viviane, und — auch ich bin gerettet!
Assunta Neri studiert bereits unter den Cypressen meine Heldin.
Assunta Neri „studiert" — ich hätte sagen müssen: Assunta Neri beginnt meine Frauengestalt zu erleben.
Und jetzt endlich, endlich Wahrheit!
Meine große Weltdame ist ein großes Kind, das sich fürchtet. Aber ich lache mein törichtes Kind aus. Sie ist so rührend wenn si,e so angstvoll und hilflos ist.
„Kind, Kind, was fürchtest Du nur? Etwa die Welt?
Jetzt lachte sie auch.
Wir machten es nun so aus: sie wird mit mir abreisen: irgend wohin! Zugleich schreibe ich dem Prinzen und stelle mich ihm zur Disposition.
Diese Weise ist allerdings vollkommen rücksichtslos; aber vollkommen aufklärend — da es einen Eklat gibt, was ja doch nicht zu ändern gewesen wäre.
Mein furchtsames Kind zittert davor, der Prinz könnte mich im Duell verwunden, wohl gar töten. Als ob das möglich wäre?!
Jetzt sterben, wo ich eben erst anfange zu leben —
Aber darin hat sie recht: erst müssen wir Assunta Neri abreisen lassen. Sie reist zum Glück bald.
*
Assunta Neri wird mein Stück in Rom im Nationaltheater spielen: und zwar bereits int Dezember, vor ihrer amerikanischen Turnee.
Sie ist mit ihrer Gestalt fertig.
Daß sie in der Seele dieser Künstlerin unter den Cypressen der Villa Falconieri entstand, freut mich jeden Tag von neuem, wenn es auch etwas totengräberhaft klingt: „unter den Cyprefsen".
Mir soll es jedenfalls kein Omen sein!
Morgen verläßt Assunta Neri die Villa Taverna, und
übermorgen bereits — Wir wollen zuerst nach Neapel gehen. *
Eie ist in letzter Stunde nach Cannes abger^st — mit dem Prinzen.
Ich lag so krank, so krank.
Nein! Du sollst nicht kommen.
Es soll niemand kommen.
Denn sie muß ja jeden Tag kommen.
Ich erwarte sie stündlich.
Seit Wochen stündlich Sie muß ja kommen!
Ich begreife nicht — nichts begreife ich!
Wahrscheinlich weil ich immer noch krank bin.
Sie liebte mich ja doch
Da sie sich mir gegeben hatte, mußte sie mcch ja doch lieben.
Das ist so einfach so klar und verständlich
Ich begreife nicht, was ich dabei nicht Begreifen kann?
Weshalb sollte sie mich verlassen, wenn sie mrch doch liebt?
Ich habe sie ja doch nicht gewaltsam an mcch gerrssen.
Sie hat sich mir frei wie eine Göttin geschenkt.
Nehmen denn die Götter ihre Spenden wieder zurück?
Noch den Tag vorher, ehe sie mit dem Prinzen nach Cannes ging, schrieb sie mir: wie die schlanken, wetchen Arme tyrer Zärtlichkeit mich umschlingen sollten, wenn sie und ich — ,
Und einen Tag daraus reifte fte nut jenem Menschen nach Cannes!
Man muß ja doch begreifen, daß so etwas nrcht möglich ist, daß ich verrückt bin.
Es gibt ja doch eine Verantwortung!
Der Mensch hat ja doch ein Gewissen!
Wir müssen ja doch Rechenschaft ablegeni
Kann fie mit einem reichen Leben voll Feuer und Liebe gespielt haben, nur um zu spielen?
Ich liege noch immer so krank, so krank.
Ich schreibe ihr täglich
Ich erwarte sie täglich
Sie kann stündlich kommen.
Sie kommt gewiß! Sie muß kommen!
*
Sie schreibt nicht, sie kommt nicht.
Ich liege und ringe mit dem Wahnsinn.
Verrückt werden ist nichts. Aber seinen^ Glauoen an die Menschheit verlieren und dabei seinen Verstand behalten °U *Herr, Herr, Herr, nimm mir meinen Verstand! Denn deine Güte währet ewiglich.
Amen.
* (Fortsetzung folgt.) pariser Arreste.
Aus Paris schreibt man dem „Berl. Börf.-Conr.":
Man schlägt sich wieder ein bischen. . .
Die politischen Duelle fehlten uns fest einiger Zett. Tas lag daran, daß die Politik so vernünftig gemacht wurde, wie sie ihrer eigenartigen Natur nach gemacht werden kann. Das heißt, möglichst ohne Namen.
Jetzt haben sich die Damen, oder wenigstens eine, hineingemischt, und gleich gibt es Degenstöße. Man kann überhaupt annehmen, daß, wo auch immer es Degenstöße geben man, eine Frau im Spiele ist. Mag die Sache noch so politisch aussehen, mag sie bte allerdemiisionier- teftcn Minister zum allergeheimnisvollsten Sllrnrunzeln bringen: alles Unsinn! Eine Sache, in der es Degenstöße gibt, ist nicht politisch Sie scheint nur so.
Vor einiger Zeit erschien hier etn feministisches Organ La Fronde", das von Damen redigiert, geschrieben,, gedruckt, gefaltet, versandt und verkauft wurde. Als Direktorin fungierte Madame Marguerite Durand, eine Dame von vielen Gaben und Gnaden, eine frühere Schauspielerin, die endlich ihre Literatur entdeckte und sie teils selbst machte, teils von anderen machen ließ. „La Fronde war eine Zeitlang gar kein schlechtes Blatt. Es Über-


