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(Nachdruck verboten.)
Wssa Jatconieri.
Von RichardVoß.
Erster Band.
(Fortsetzung.)
Meine Mutter lag krank, ich durste nicht zu ihr. Mein Vater ging mit verstörtem Gesicht einher und gönnte mir kein Wort. Tie wackeren Männer, welche die große Tat vorbereitet hatten, schlossen sich mit meinem Vater ein, blieben in langen leidenschaftlichen Debatten beisammen, verließen das Haus, mit finsteren Mienen — ohne meinem Vastr die Hand gereicht zu haben.
Alle Freunde und guten Bekannten, sämtliche Nachbarinnen wurden abgewiesen.
Selbst der Hausfreund fand keinen Einlaß.
So ging es eine halbe Woche, während der ich von Mariano nichts hörte, noch sah. Wir hatten verabredet, daß ich ohne „den Segen meiner Eltern" ihm angehören wollte. Für ein römisches Bürgermädchen bedeutet das etwas Ungeheures; während es wenig, oder nichts bedeutet, daß sogar die römische Bürgersfrau ihren Liebhaber hat.
So ist es nun einmal bei uns.
An dem Tage, da ich meinen Eltern das Mariano gegebene Versprechen mitteiken wollte, ließ nun Vater mich zu sich rufen. Ich fand bei ihm Vittorio, der mir als mein Verlobter vorgestellt wurde. Meine Mutter ließ sich nicht sehen. Ich erfuhr nicht, wie alles so wunderbar gekommen war; denn meine Eltern hatten alle ihre überschwenglichen Hoffnungen, die sie auf meinen Kaufpreis gesetzt, aufgegeben.
Von jener großen Tat, bei der mein Vater beteiligt gewesen, hieß es jetzt: sie hätte verschoben werden müssen. Ta ich die Braut eines Franzosen geworden war, so hielt ich das für eine günstige Fügung. Ich liebte meinen Verlobten sehr, ich war sehr glücklich, sehr dankbar: ich durste mich nach freier Wahl an einen geliebten Mann verschenken.'
Meine Mutter hatte mich nie geliebt; aber jetzt haßte sie mich. Sie haßte auch Mariano, worüber dieser nur lächelte. Er war überhaupt sehr heiter, so berauschend heiter und dabei so strahlend wie ein Frühlingstag. Gegen mich benahm er sich stets ritterlich und respektierte sogar die Sitte. Nach römiscyer Sitte durfte auch mein Verlobter keine Minute mit mir allein sein. Bei seinen täglichen, nur sehr kurzen Besuchen befand sich eine Magd oder mein Vater bei uns. Meine Mutter erschien niemals. Er saß mir dann gegenüber und baute Luftschlösser, in deren Glanz ich! schweigend hineinsah.
Weil er mich! sehr schon fand, und weil er Wer
meine Schönheit sich freute, kleidete ich mich zum erstenmal in meinem Leben hübsch. Gr machte aus mir ein ganz anderes Wesen.
Tas Herrlichste war aber doch, daß er nicht viel ($etb hatte, daß er mich nicht hatte kaufen können. Er wollte mich nach Paris bringen, wo sein Vater ein berühmter Maler war.
Bereits nach wenigen Wochen fand unsere Hochzeit statt; denn meine Eltern wollten uns beide möglichst, schnell aus dem Hause haben. Als wir zur Kirche fuhren, lag meine Mutter in Krämpfen; und von den vielen Freunden und guten Bekannten ließ keiner sich sehen.
Gleiche nach der Trauung verließen wir Rom — Mariano war mittlerweile aus der Armee getreten und gleich nach der Trauung erfuhr ich alles.
Er sagte es mir im Rausch unserer Hochzeitsnacht.
Meine Mutter hatte sich- unsinnig in ihn verliebt und — — Und dann hatte meine Mutter in ihrer tollen Leidenschaft ihm den politischen Plan verraten. Dadurch hatte er meinen Vater in seine Gewalt bekommen. Gr hatte gedroht meinen Vater und alle Verbündeten dem Gericht zu übergeben, hatte als Preis für sein Schweigen die schöne Tochter gefordert.
Er hatte mich! durch sein Schweigen erkauft.
Alles war aus und vorbei.
Ich wollte aus dem Zimmer. Aber er lachte nur. Ich schleuderte ihm meine Verachtung ins Gesicht. Abe« er lachte nur.
Mit einer Schurkentat bezahlte er mich, mit einer Gewalttat nahm er mich.
Und ich ließ es geschehen!
*
Wiederum war ich ein armes Geschöpf geworden. Aber ich war kein Mensch mehr, keine Frau; sondern nur ein lebendiges Ting.
Er brachte mich nach Paris. Wir wohnten bei dem berühmten Künstler, der sein Vater war. Dieser machte großes Wesen aus meiner Schönheit, die mir jetzt geradezu abscheulich erschien. Ich bekam eine Kammerstau, mußte mich! wundervoll kleiden, und im Atelier Herzöge und Minister, große Dichter und Künstler empfangen.
Alle sagten mir ins Gesicht, daß ich sehr schön sei und daß sie mich sehr bewunderten.
Vornehme Damen kamen. Sie betrachteten mich durch ihr Lorgnon und waren sehr herablassend gegen mich.
Mariano war ungemein eitel auf mich-. Wenn irgend ein großer Herr oder berühmter Mann mir seine Leidenschaft gestand, schmeichelte ihm das. Ter junge Herzoge von Cligny, ein Freund von Guy de Maupassant, erschoß sich, weil ich seine schändlichen Anträge zurückwies; und Mariano war glücklich- über die Sensation, die dieser Selbstmord in ganz Paris machte.
Sein Vater drapierte mich bald als antike Statue,


