Ausgabe 
19.9.1904
 
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gegenwärtige sich doch einmal eine neu entstehende Straste! Schon ihre Anlage in schnurgerader Richtung verursacht ein Gefühl töd­licher Langeweile, über die wir uns nur darum nicht öfter ent­rüsten, weil wir uns, wie es scheint, ein Sehen mit Empfindung abgewöhnt haben. Und nun gar die Erzeugnisse moderner Bau­kunst an solchen verunglückten Straßenanlagen widersinnig mit Schmuckformen überladen, meist aus Eisen, Gips, Zement oder Zinkblech bestehend, deren Oelsarbenanstrich aber ein anderes Ma­terial Vortäuschen soll. Noch betrübender als solche Scheinkunst­formen sind jene, die unter verhältnismästig großen finanziellen Opfern mit Verwendung echter Materialien entstanden sind, und in Formen von Türmchen, Erkern, Loggien und Portalen unseren Bauwerken ein interessantes oder malerisches Gepräge geben Ellen. Must man bei jenen eher lächeln wie über einen karrika- renhaften Aufputz einer Bauerndirne, die wie eine Modedame aussehen möchte, aber nur Plunder zu ihrem Anzüge verwendet, so muß man bei diesen die Unfähigkeit beklagen, die auch in bester .Absicht keine befriedigenden Lösungen zu stände bringt.

Wenn ich auf Beispiele unbeschreiblicher Geschmacklosigkeit Hin­weise, bin ich mir wohl bewußt, daß auch unsere unkünstlerische §eit au echten Künstlern nicht arm ist. Indessen treten doch die eistungen reifer .gediegener Kunst so sehr zurück gegen die unge- zähle Menge geschmacklosert Werke, daß sie für Bilde des öffentlichen Lebens fast völlig verschwinden.

Diese betrübende Erkenntnis, der jüngst Schultze-Naumburg in seinenKulturarbeiten" einen so drastischen, überzeugenden Ausdruck gegeben hat, darf uns aber nicht genügen. Man muß versuchen, sich über die Ursachen dieser Unkultur in künstlerischen Fragen Rechenschaft zu geben, und nach einer Verbesserung der Verhältnisse streben. ,Wo haben wir den Hebel anzusetzen, um wieder allgemein zu einer Kunst zu gelangen, die zu unserer Seele, unserem Gemüte spricht?

Genräß meiner beruflichen Tätigkeit werde ich mich bei diesen Fragen ans das Sondergebict der Baukunst beschränken, und das ist umsomehr gestattet, als die Baukunst am meisten unter den Schwesterkünsten auf die äußere Gestaltung unserer Umgebung Einfluß hat. Mehr als die in Wohnungen und Museen aufge­stapelten Bildwerke legen unsere alten Städte und Dörfer Zeugnis ab von dem hohen idealen Kunstsinn unserer Altvorderen.

Die stetig fortschreitende Entwicklung der Kunst lehrt uns, daß diese zu allen Zeiten nach einer Weiterentwicklung nach ferneren Zielen gestrebt hat mtb sich nie mit dem in den Kunst­geschichten als Höhepunkte bezeichneten Jdealzustande begnügt hat. .Aber wohl niemals zuvor ist der Ruf nach einerHeimatkunst" erUungen. Dieses Wort ist eine Bildung unserer Zeit; denn ehe­dem gab es wohl Kunst, und diese war Hcimatkunst, nur ohne diesen Namen, und ihr danken wir die wunderbar malerischen Städteanlagen wie Rothenburg, Nürnberg, Wimpfen und viele andere. Das war eine schlichte, natürliche Kunst, so schlicht, daß heute vielerortcn, alte, aliaskunstlose" Bauten durch neue, an­geblich viel schönere mit reichen Ornamenten oder Backsteinverblend­ungen verzierte ersetzt werden! Und dennoch, obwohl wir uns vor lauter Kunst manchmal gar nicht retten können (ich erinnere an die Kaiserstraße in Frankfurt!), sehnen wir uns heute nach Heimatrunst. Hierin liegt ein Zugeständnis, daß unsere heutige ihm st tro tz ihres guten Willens nicht der charakteristische Ausdruck unseres Wesens und unserer Heimat ist! Denn das ist doch wohl der Sinn des WortesHeimatkunst". Sie verdient diesen Ehren­namen nur dann, wenn die von uns errichteten Bauten wie mit dem heimatlichen Boden verwachsen erscheinen, wenn sie förm­lich mit der Natur eins sind. Daun bilden fie eben einen Teil unserer Heimat im ganzen.

Und wie die uns umgebende Natur den Charakter des Menschen gemodelt hat, sodaß die Bergbewohner anders geartet sind als die in der Ebene wohnenden Volksstämme, so müssen nun die der Natur angepaßten, von Menschenhand errichteten Bauwerke einen Ausdruck des menschlichen Charakters bilden. So entsteht unter mannigfachen Wechselwirkungen eine große Einheit: Natur, Mensch und Kunst, von denen jeder Teil von den gleichen klimatischen und sonstigen Bedingungen abhängig ist. Gleichwie wir eine etwa in unsere Gegend verpflanzte hochstämmige Palme stets als einen Fremdkörper unserer Natur empfinden werden, so paßt auch eine fremdländische Architur nicht in den.Rahmen unserer Heimat.

In dieser Sehnsucht nach einer charakteristisch-nationalen Kunst hat man nun als Universalheilmittel die Ausnahme alter Formen und Anknüpfung an die alten nationalenStile" proklamiert. Wir stehen noch heute unter der Erinnerung und der Nachwirkung der schönen deutschen Renaissance, die, tvie es scheint, als ein besonders urdeutscher Stil angesehen wurde. .®er von München ausgehenden Bewegung .für die Aufnahme und Nachbildung dieser Stil- formen verdanken wir sowohl unzählige öffentliche und private Gebäude und vor allem die noch heute üblichen Speisezimmerein- richtungen mit ihren ebenso stosfreichen wie geschmacksärmen Fensterdekorationen.

In den letzten Jahren ist nun hirgcgeir eine Opposition er­wacht, welche, in klarer Erkenntnis unseres Unvermögens, mit dem alten Formenwust eine sür unsere Zeit charakteristische Kunst her­vorzubringen, die Loslösung von aller Tradition auf ihre Fahne geschrieben hat. .Beide Parteien, sowohl die Anhänger der histo­

rischen Kunst wie die Gegner einer solchen, die Freunde der Mo­derne, streben nach dem gleichen Ziel einer deutschen Kunst. Und dock) trotz des gleichen Zieles wie wenig Verständnis für einander! Mit einer gewissen Verbitterung stehen sich die alte und die neue Richtung in der Architektur gegenüber. Das legt uns die Frage nahe: Sollten wir etwa einen verkehrten Begriff von derKunst" haben? Es scheint wirklich so; denn die heftigen Fehden, die heute so seicht über die Kunsterzeugnisse entbrennen, deuten doch darauf J)in, daß sowohl Künstler wie Kritiker, sehr verschieden­artige Standpunkte der Kunst gegenüber einnehmern Wollen wir da in dem Widerstreit der Meinungen einen eigenen Standpunkt gewinnen, von dem aus wir zu dem allgemein erstrebten Ziel einer Heimatkunst gelangen zu können hoffen, so müssen wir zwischen der historischen Schule und der modernen Richtung objektiv zu entscheiden suchen und zusehen, ioelche am ehesten wieder das Heimatgefühl wachzurufen im stände ist.

Wir wollen aber bei diesem Abmägen nicht in den unfruchtbaren Fehler verfallen, in abstrakter Weise hohe ethische Forderungen an die Kunst zu stellen und sie danach zu bemessen. Von derKunst" haben toir nichts zu fordern, denn der wahre Künstlersoll" nicht diese oder jene Wünsche erfüllen, sondern ermuß", d. h. er muß mit innerer Notwendigkeit seinem Herzen folgen, wenn anders er wirklich ans seinem Herzen heraus ein Kunstwerk schaffen will. Fordern können wir wohl eine praktische Lösung, Lkonstruktiv, billig oder teuer nfw. Aber damit allein ist das Kunst­werk noch nicht geschaffen. Um eine Lösung sowohl praktisch wie Lauch künstlerisch zu gestalten, muß der Künstler noch ettoaS hineiu- legen. ^Was das ist, das ist des Künstlers Geheimnis; das entspringt seiner Seele, dafür trägt er seine Gesetze in sich, das macht seinen Stil ans .

Wir dürfen uns nur an dem Werdegang der Kunst fragen, tvelcher Art die Mittel find, die zu einer echten Kunst geführt haben und führen werden, um so das Wesen derselben zu erkennen. Mit dem . durch solches Studium gewonnenen Resultate müssen wir die eigenen und die zeitgenössischen Werke messen und sie auf ihren Kunstwert und ihre voraussichtliche Bedeutung in der Zukunft hin prüfen.

Indessen in dieser rückblickenden Betrachtung der Kunst liegt eine große Gefahr für das Kunstschaffen, wenn man nämlich von der wissenschaftlich betriebenen Kunstbetrachtung Rezepte und da­durch Fortschritte für die künstlerische Kultur erwartet. Die philo­logisch zergliedernde Betrachtung der Kunst nach den Methoden der wissenschaftlichen Kunstgeschichte soll hier nicht herabgesetzt wer­den; ift sie doch zur Erkenntnis der inneren Zusammenhänge ebenso nötig, wie die Anatomie für die Medizin. Aber wie die Anatomie noch nie einen Märschen wieder lebendig gemacht hat, fo hat auch die philologisch-anatomische Behandlung alter Kunst­werke noch nie ein neues, lebensvolles Gebilde erstehen lassen. Kunst ist nicht Denken, sondern Können vereint mit Empfinden. Der Künstler schafft von innen heraus aus feiner Seele, nicht ans dem Kopf. Und weil die Kunstgeschichte nur Wissen und keine Em­pfindung vermittelte, hat sie auch keine neue Kunst entstehen lassen. Im Gegenteil hat das Ueberwuchern der Verstandestätigkeit die Empfindung erstickt.

Tie unseligen Folgen dieser geschichtlichen Auffassung der Kunst sieht man, l»enn einmal ein Künstler in alten Formen arbeitet. Dann ist es sicher, daß gleich darauf ein Knnstwisser auftritt, der mit gründlicher Gewissenhaftigkeit beweist, daß dieses oder jenes Profil nicht echt ist. Ist cS aber nicht echt, daun istes falsch und darum zu verwerfen! Will also einer vor feinen Zeit­genossen und den zünftigen Knustwisseru bestehen, so muß er wohl oder übel erst in die Schule der Kunstwisser gehen, um ja nicht gegen die Regeln eines Stiles zu verstoßen. Dieser so großge- zogencn kunstwissenschaftlichen Tätigkeit auch der Künstler haben wir die in der Geschichte der Knust beispiellose Rekapitulation alter Stile im vergangenen Jahrhundert zu danken, die bei den Griechen beginnend eben beim Biedermeierstil angelangt ist und bald wieder bei den Griechen von neuem anzufangen droht, falls sie nicht bis auf Assyrer, Chinesen und Azteken zurückgreist. Ueber all diesen bermcintlidjen Stilechtheiten ist uns der wahre Stil überhaupt verloren gegangen!

Wenn wir heute die Schöpfungen dieser Stilmeierei betrachten, so merken wir, da ß ihre einstige Echtheit in der Hauptsache in den Profilen, Fensterumrahinungen, Portalformen und sonstigen De­tails bestanden hat. Die Anordnung der Baumassen, die ganze Liniensührung zeigt aber derartige Stilwidirgkeiten, daß wir sofort das Epigonentum erkennen. Manihot also den Fehler begangen: die äußere Form als SBe£en des Stils zu nehmen! Man hat mit den Elementen des «Stiles gearbeitet, diese aber nicht stil- gerecht zusammengcbraut, sodaß uns heute die Mixtur ungenießbar erscheint. . Man mag wohl selbst gefühlt haben, daß die neuen Schöpfungen nicht befriedigten. Mit einer Art von Nervosität hat mau dann immer ein neues Stilgebiet aufgegriffen, um von neuem sein Heil zu versuchen.

Die Nachfrage nach alten Stilformen veranlaßte nebenher die Hochflut kunstgeschichtlicher und kunstformalistischer Publik ti.n.n, aus denen selbst der geistig Aermste feiner sogenannten Phantasie auf die Beine helfen konnte. Durch solche Krücken, durch die sogar die früher noch nötigen Studienreisen überflüssig wurden, ist