Ausgabe 
18.6.1904
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den 18.

1904.

W

-

W

ÄS®

WKS

ikpi

MWW

\£&Z\

MniMtz-

(Nachdruck verboten.)

Irühlingsstürme.

Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.)

9. Kapitel.

Der ganze Westen stand in einem einzigen roten Flam­menmeer, als das Schiff sie übers Haff zurückbrachte. Sie lehnten Arm in Arm an der Brüstung des Decks und sahen dem wunderbaren Farbenspiel zu.

Als scharfe Silhouette hob sich der immer schmaler werdende Streifen der schwarzen Nehrung von der Glut des Himmels und des Wassers ab. Aus dem Haff wechsel- ten die bunten Reflexe wie in einem Kaleidoskop. Wo das Schiff seine Kiellinie zog, da war es, als ob das Wasser sich teilte, um aus tiefem Schacht nach beiden Seiten hin glü­hende Quellen flüssigen Goldes über die bewegte Flache auszugießen. In breiten Bahnen zogen die immer sich erneuernden zitternden Goldstreifen weiter, dunkler werdend­fast bronzen, und da hinein schillerten dann die purpurroten, opalisierenden, erdbeerfarbenen und violetten Lichter der vom Wind ausgepeitschten Wogen, die das Kielwasser in spitzem Winkel überspülten. Die Schauinkämme, die sich beim Bruch der Wellen bildeten, erschienen wie silberne Garben in einem bunten, wogenden Aehrenfelde. Auch der Himmel selbst war über und über besät mit langstreifigen, dünnen Federwolken in allen Tönungen, vom blutroten Feuerschlund im Westen an, wo soeben die Sonne hinab- gesunken war, bis zu dem smaragdgrünen und orangenen Hauch, womit der letzte Reflex im Osten die in der blauen Nacht schwimmenden luftigen Wolkengebilde verbrämte. Die Chorsänger an Bord waren müde und heiser, die Turner saßen trinkend und rauchend beim Skat in der Kajüte, auch die Musikanten und ihre verstimmten Instrumente ruhten von den Strapazen des Nachmittags aus und sammelten neue Kräfte für den Abendtanz. Bloß ein paar Frauen und Kinder feierten das Naturschauspiel in ihrer Weise mit, indem sie mit mehr Gefühl als Wohllaut den melancho­lischen Terzenkanon sangen:O, wie wohl ist mir am Wend . . . mir am Abend. . ." Besonders ein scharfer, schneiden­der Mädchenalt, der im Kommunalschirlton einzelne hohe Noten quetschte, die ständig wiederkehrten, verdarb das gutgemeinte Ensemble. Mer eine wundervoll weiche Knabenstimme schwang sich mehrmals so klar und be­freiend über den stumpfen, leirigen Gesang der andern auf, daß die beiden stumm Lauscherwen einander unwillkürlich! in ihrem Händedruck die harmonische Wirkung verrieten, die diese glockenreine, fast heilige Stimme auf sie aus­übte.

Es war kalt, sehr kalt geworden, Fränze hatte den Kragen ihres Inletts aufgefchlagen und schmiegte sich enger an ihren Begleiter an. Allmählich ward es hier oben ganz

leer, auch die Kanonsänger zogen sich fröstelnd in die Punsche duftende Kajüte zurück.

Sie nahmen nun wieder wie am Mittag ihre Wander­ung übers Deck auf. Hatten sie den Wind im Rücken, dann plauderten sie leise und munter miteinander, so oft sie aber tuenden und gegen den Wind ankämpfen mußten, schloß Fränze die Augen und preßte die Lippen aufeinander. Zu- pitza hatte den Arm um ihre Schulter geschlungen und führte sie.. Sie gingen im Gleichschritt und senkten die Köpfe. Oben angekommen lachten sie, preßten sich für eine Sekunde noch zärtlicher aneinander und der Marsch begann fröhlich von neuem.

Um volle zwei Stunden später als fahrplanmäßig zu erwarten gewesen, kam das Delta in Sicht. Mair sah rechts die wenigen Lichter, die die Strahmeeinfahrt bezeichneten, links den Schjlwer Leuchtturm, der der Mündung des Kar- paßstromes vorgelagert war. Auf dem Wlasser war es schon Nacht. Den letzten bunten, goldverbrämten Wölkchen, die wie die verirrten Nachzügler eines Fackelzuges noch hoch oben im Norden standen am sonst längst erloschenen Firmaments hatten sie beide noch stumme, liebevolle Grüße zugesandt. Nun blitzten auf der Nehrung und an der Küste immer mehp Feuerfunken auf, ganz versprengt und verloren, oft war es wie das unbestimmte Flimmern von Leuchtkäferchen. Das' Wasser erschien rabenschwarz. Nur den beim Radkasten aufgewühlten weißen Gischt sah man durch die Schiffslichter! in flackernden Streifen erleuchtet. Wer Fränze blrckte ge­flissentlich weg, so 'oft sie daran vorüberkamen. Das Rau-, schen und Stampfen in Verbindung mit dem an der Ka­jütenecke so scharf vorbeipseifenden Wind ließ ihr das grelle Bild der tief da unten kochenden und stürzenden Brandung unheimlich erscheinen.

Als die Schiffspfeife das Signal gab, das den die La» terne hissenden Kemeneit benachrichtigte, daß sein Boot in Sicht gekommen war, bemerkte Zupitza ein Zittern in Frän- zes Arm. Sie fürchtete sich, offenbar, bei dem hohen See­gang, bei Wind und Finsternis den Dampfer zu verlassen und 'sich dem schwankenden Fahrzeug anzuvertrauen.

Man verlangsamte jetzt die Fahrt und warf dem Boots­führer, haarscharf gezielt, ein Dau zu. Während das Schiff wetterging und den Kahn mitzog, mußte der Uebergana ziemlich flink ausgeführt werden. Ws der Schiffsluke fiel ein Lichtschein über das Boot und bemalte das bärtige, rotbraune, gutmütige Gesicht des Fischers.

Fränze Mußte die Augen schließen, es schwindelte sie. Sie klammerte sich an Zupitza an, sie fühlte den Boden unter sich schwinden, es sauste ihr in den Ohren, gleich darauf saß sie aber schon auf der Bank im Segelboot, sie wußte selbst nicht, ob sie gelaufen, gesprungen, gefallen war, ob man sie getragen hatte. Zupitza hüllte sre in Kemeneits Flausrock ein, preßte dann aber sofort ihr Gesicht an seins Brust, denn in dem 'Augenblick, da der Fischer das Tau losließ und das Schiff allein seinen Kurs fortfetzte, geriet das Boot mächtig ins Schwanken,