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Mess Aussage wandte die Stimmung sehr zugunsten des Sekretärs. Viele freundliche Blicke wurden ihm zu- geworfen. Er beachtete sie aber nicht.
Alle Versammelten hielten nunmehr die Verhandlung für beendet. Doch der Coroner machte Herrn Whitney ein Zeichen, und zur größten Ueberraschung aller erschien der Portier mit einem großen hageren Manu, aus dessen leichenhaft fahlem Gesicht ein paar kleine, dunkle Augen unruhig umherspähten, während er mit kriechendem Wesen zum Tisch vorschritt.
(Fortsetzung folgt.)
(Ludwig II. und Richard Wagner.
, „Einen ^bisher eingedruckten Brief Wagners aus dem Jahre 1867 verostentlichen nlus ihrem Besitz die „Münch. N. Nachr." Der Brief, dessen Adressat eine Persönlichkeit war, die damals mrt politischen Faktoren Fühlung hatte, kennzeichnet in lapidarer Weste die ganze damalige Situation unb läßt die Persönlichkeiten und die Verhältnisse mit plastischer Deutlichkeit vor iinser Auge treten. Freilich sfwicht aus den Worten des Meisters auch die große Verstimmung und Bitterkeit des so schwer Gekränkten und Mißverstandenen und bei der Verwirklichung seiner höchsten künstlerischen Ideale so verhängnisvoll Gehemmten.
,, Mr geben aus dem bedeutsamen und sehr langen Dokumente hrer dre Stelle.wieder, in der Wagner zur Kennzeichnung der Lage, tn dre sein königlicher Gönner durch! seine Umgebung und Beratung gebracht worden war, auf selbst erlebte Vorgänge Bezug nimmt. Wagner schreibt:
...Bei meinem Besuche in Hohenschwangau ini November 1865 eröffnete mir der Kabinettssekretär Lutz die Tendenzen der da- maligen königlichen Regierung (in der unverhohlenen Absicht, meine Mitwirkung dazu zu erlangen) dahin, daß, da man sich auf Oesterreich nicht verlassen könne und noch« weniger mit einem deuticyen Parlament zu tun haben wolle, eine Uebereinkunft mit Bismarck und der neuen preußischen Tendenz iin Gange sei, vermöge deren man zugleich beabsichtige, die bayerische Verfassung aus ihre Gestalt von vor 1848 zurückzuführen; da es sich hierbei um die Wiederherstellung der vollen königlichen Macht handelte, werde ich — so meinte Herr Lutz — als besonderer Freund des Königs gewiß hierin gern mit deraktuellen Regierung gehen. ■öü) bemerkte hiergegen einzig, daß diese Eröffnungen gänzlich zwecklos feien, da ich nichts mit der Politik zu tun hätte und nament- W.mti "^.Interessen des bayerischen Staates mich nicht ver- stunde; gewiß würde es mir aber wünschenswert erscheinen, wenn dein König mit der Zeit wenigstens so viel Macht zugesprochen wurde, um die Gehalte seiner. armen Hoforchester-Musiker nur auf ein schickliches Maß verbessern zu können. Da ich hiergegen Schwierigkeiten der allererustlichsten Art vorfand, konnte ich deni König nicht anders raten, als sich nach einem besonderen Sekretär für dre Ausführung seiner Verordnungen in Kunstangelegenheiten umzusehen. Es kam hierbei ein mir persönlich durchaus unbekannter Miilisterialsekretär Riedel in Vorschlag. Ueber diese meine vermeintliche Einmischung in den Bestand des königlichen Kabinetts gerwt man nun in die wütende Bestürzung, welche sich sofort in den bekannten Agitationen des Bolksboten offenbarte, in denen der König, wie Sie wissen, ungescheut dem Gespött und der Lächerlichkeit zugleich mit preisgegeben ward. Ich ersah gegen diese, in lemcm Staate und in keiner Geschichte mir noch vorgckommene geradewegs unglaubliche Unverichämtheit keine andere Rettung, als dem König sofort eine gänzliche Erneuerung seines Kabinettssekretariats anzuraten, da ich leinen Menschen kannte, den ich ihm Vorschlägen konnte, auch ersah, daß der junge Monarch gänzlich ohne die notige Personenkenntnis war, geriet ich darauf, ihm den Versuch gerade mit demselben Neumayer anzuempfehlen, den lene Herren ebenso angelegentlich aus deni königlicheil Vertrauen zu e ntfernen gewutzt hatten; ivorauf mir jedoch der König erwiderte, daß dieser Neumayer ihn beleidigt habe, und seine Berufung unmöglich ser. Hiermit schwieg ich: es erfolgte, was Sie wissen
Sie kennen also die Agitationen, welche dem Besuche des Königs in Luzern im vorigen Mai folgten: nur um Pas Wohl meines erhabenen Freundes besorgt, empfahl ich ihm bei der vorwaltenden Krisis, sich die Voteil der tagenden bayrischen Kammern für sem Verhalten zur Richtschnur zu nehmen. Ich erfuhr, daß die Kammern durch Vorspiegelung einer mit 150 000 Mann ccholloinertcn Armee" von Herrn v .d Pfordten sich zu akkla- mierenden Voten für denselben hatteii bestimmen lassen, und mußte zuschen, ivte der junge Monarch diesem Menschen, dessen bis- marckstche Tendenz mir durch Lutz ein halbes Jahr zuvor enthüllt worden war, und der nun, aus reiner..........Bayern
meinen Krieg verwickelte, der dem Lande 60 Millionen und Land- bringen sollte, ein überströmendes Lobschreiben aujitellft; _toeir- er eben von allen ©eiten verraten und betrogen aber ich litt mehr als irgend ein bayerischer ^Ete. Da teilt mir — nach dem Frieden — f.y , b?n Telegraphen — durch den Telegraphen! —
teineit Entschluß mit, die Krone iiiederzulegeu und — zu mir zu (XVJ'w' l9eit also diese Elenden den einzigen deutschen Monarchen gebracht aus den jeder, der ihn näher kennt.
noch Pie letzte Hoffnung für Deutfchland begründen muß!! — Ich erklärte ihm, daß ich gänzlich vor ihm verschwinden würde, wenn er seinen Entschluß ausführte; in meiner Verzweifliing gab ich ihm dagegen den einzigeii Rat .sofort dem Fürsteii von Hohen- Ghe sich anzuvertrauen, ihm seine Lage zu entdecken, und "seinen Rat über dieselbe, sowie über die Angelegenheiten des Landes einzu- bolen. — Dem Könige war dieser Rat nicht recht: die Hauptkunst derjenigen, die ihn bisher zu beherrschen suchten, war gewesen, ihn nicht gegen Ideen und Prinzipien einzunehmen, denn dazu waren sie zu geistlos und ungebildet, sondern gegen diejenigen Personen, die ihrer Macht irgendwie gefährlich blinkten. Ich bestand ans nichts, erklärte selbst auch den Fürsten in keiner Weise zn kennen, sondern seinen Namen nur genannt zu haben, weil er eben mir auch, und zwar in guter Bedeutung genannt worden war. Doch verwies ich von neuem darauf, daß dein jungen Monarchen vor allen em unabhängiger Mann, der wirklich eine Meinung und einen Willen habe, not tue. und daß ein solcher Mann, ivenn nicht irgendwo ein intelligentes und moralisches Genie auftauche, mit einiger Sicherheit nur in den Reihen der echten unb wirklichen Slriftohatie, in hoher persönlich mächtiger Stellung anzutreffen fern könnte; was aber dem durch 'das bureaukratische Regime so tief gesunkenen Bayern jetzt unerläßlich sei, wäre eben ein solcher Staatsmann, der, wenn er Rücksichten nach außen zu nehmen habe, zu gleicher Zeit auch von außen Rücksichten auf sich in Anspruch nähme. Hierauf schwieg der König. Ich sah dem immer größeren Verfall der politischen Lage Bayerns unb der königlichen Wurde zu; der Schmerz überwältigte mich: ich konnte es nicht mehr ertragen, geflissentlich oder ungeflissentlich in der Neigung des Königs zu mir und meiner Kunst von der öffentlichen Meinung Europas den Grund der Schwäche seiner Regierung bezeichnet zn ersehen, unb erklärte meinem Freunde nun, daß ich für immer von ihm scheiden, jeder seiner Wohltaten entsagen und gänzlich von ihm verschwinden müßte, wenn er sich nicht zu Entschlüssen au fr affe, b-ie seinem Lande zum Heil gereichten. Sie kennen den Erfolg hiervon. Der Fürst Hohenlohe steht jetzt da: in seine Hande ist das Wohl Bayerns gelegt. Wenn nun der verdrängte Feind mich als die Ursache dieser Veränderung bezeichnet, "so frage ich den Fürsten Hohenlohe, ob er Grund hat, sich meines Einflusses aus das Gemüt des Königs zu schämen, und ob es nicht vielmehr an ihm, dem Fürsten, sej, frei zu bekennen, daß ich mir em Verdienst um das Land Bayern erworben habe? —
Doch so ist es nicht gemeint, daß ich Tank, Anerkennung, la nur öffentliche Beachtung für meine Dienste verlange. Ich pflege mit Absicht meine größeste Abgeschlossenheit, um auch nie nur in die leiseste Versuchung zu geraten, über meinen 9tntei( an der Wendung der Dinge in Bayern mich in irgend welcher Weise zu erfennen zu geben. Daher habe ich selbst auch Ihnen diese Bekeuninisie nur gemacht, nachdem ich erkannt, daß Sie Ihrer Geffnnung nach ein gleiches Interesse mit mir haben, nichts davon in die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen: nur das mögen Sie be- greifen, daß es mir daran liegt, den Fürsten von Hohenlohe genau davon unterrichtet zu wissen. Meine Absicht bei diesem Wunsche ist, ihm dadurch die nötige Kraft zu geben, deren er bedarf, um den nichtswürdigen Machinationen der F.pnpe des seUefeteften Königs die Stirn zu bieten; und ich glaube, daß ihm diese Kraft wicht ans einer ängstlichen Verhehlung meines Verhältnisses zum König erwächst, sondern ganz entschieden nur dadurch, daß er am rechten Ort und bei rechter Gelegenheit den zeigt, mit die Sachen stehen. Vor allem aber wünsche ich eines: daß der Fürst dem Könige Ruhe verschafft, und das entwürdigte Ansehen des Monarchen stark aufrichtet. Als eine fortbestehende Scbmach für den König betrachte ich aber, daß die entlasse,»en Verräter noa) zetzt,mit allen Zeichen und Merkmalen der königlichen Gnade oben aus stehen, statt mit den Zeichen Pie ihnen gebühren, gebrcmd- markt, dahin geschickt au iverben, wohin sie gehören. Ich frage, woher^soll das Volk feine Meinung, fein Urteil nehmen, wenn statt Strafe für Verbrechen die höchsten Belohnungen erfolgen? Wenn dagegen den verräterisch gepflegten Vorurteilen fortgesetzte Nahrung dadurch gegeben wird, daß man die Wahrheit der Verhältnisse verschweigt oder unerörtert läßt? Ich Erwähne einen Fall: noch hat der König nicht wagen dürfen, einem großen, hoch- verdienten Künstler, einem nntadelhaften Ehrenmann und echten Edelmann, Herrn Hans v. Bülow, den geringsten Orden als Auszeichnung zuzustellen, während mit den höchsten Orden in einer alles verletzenden Prodigalität verfahren wird, und einem Menschen, dem .
her erbliche Adel zuerkannt wird? Was soll das Volk hierzu sagen? muß es nicht glauben, H. v. Bülow fei ein anrüchiger Mensch? Oder — ivenn es zu viel Grund hat, das Gegenteil zu glauben, was soll es dann vom König, was von seinen Räten denken? —
Doch nun genug! — Was ich auf dem Herzen hatte, davon habe ich mich zur Genüge Befreit: an dem Fürsten Hohenlohe sei es nun nach eigenstem Ermessen als vornehmer, edler Herr, ans meinen Mitteilungen gutdünkenden Vorteil zu ziehen. Was ich für meine Person — und zwar unter allen Umständen — mir einzig vorzubehalten wünsche, habe ich Ihnen früher und heute im Eingang dieses Schreibens aufrichtig mitgeteilt. Was darüber hinansgeht, betrifft nur meine Wünsche für das Heil des Königs, den ich liebe, und dessen Land ich zu allernächst nur um dieser letzten und schönsten Öofsimna meines Lebens willen bealückt sehen »iinkche. —


