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ich kämpfte meine schwermütige Stimmung tapfer nieder und begann auszupacken und mich umzukleiden.
„Burra — Kyana — großes Abendessen — heute", verkündigte die Ajah, als sie mit sichtlichem Respekt mein bestes, weißes Gesellschaftskleid auseinanderfaltete und aus eine Chaiselongue aus Bambusrohr niederlegte.
Sie hieß Dulia, wie sie sagte, und erwies sich als außerordentlich geschickt und gewandt. Sie bürstete mir das Haar, schüttelte den Staub aus meinem Reisekleid, und dank ihrer flinken Hilse war ich in einer Stunde nicht nur vollständig umgekleidet, sondern auch meine Sachen hatten — wenigstens diejenigen, die ich für den kurzen Aufenthalt bedurfte — ihren passenden Platz in den Schränken und Kommoden des Nebenzimmers gefunden.
Da nun nichts mehr zu tun war, entließ ich die Ajah mit einigen freundlichen Worten und setzte mich auf die Chaiselongue, aus meine eigene Gesellschaft angewiesen. Das Herz war mir schwer und mein Geist von bangen Zweifeln erfüllt. Empfing man so einen Gast, der allein über den Ozean gekommen war, um zu heiraten? Oder tvar ich hochmütig und empfürdlich und hatte meine Erwartungen zu hoch gespanut? Vielleicht herrschten in Indien andere Sitten. . . Oder hatte ich am Ende zu rasch eingewilligt, war ich zu leicht zu gewinnen gewesen. . . Vielleicht, vielleicht. . .?
Ich fühlte plötzlich, daß ich dem Weinen nahe war. Wre furchtbar! Nein jetzt, angesichts des größten Ereignisses meines Lebens, mußte ich meine ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen. Ohne Rücksicht auf mein bestes Kleid kniete ich neben einem Stuhle nieder und versuchte ein kurzes Gebet zu stammeln. Das Gesicht in die Hände vergraben, betete ich,, daß Walter so sein möchte, wie ich ihn mir wünschte, und daß er auch von mir nicht enttäuscht sein möge, daß wir glücklich zusammen würden und daß ich unter all diesen Fremden stets das Rechte tun, und ...
Das leise Geräusch von Vorhängen, die zurückgeschoben wurden, und von Schritten, die sich rasch näherten, unterbrach mich. Zusammensahrend hob ich den Kopf und schaute auf.
Eine vornehm gekleidete Dame mit dunklem Haar stand vor nur und lächelte!
. Mit einem peinlichen Gefühl sprang ich auf und befand mich meiner unbekannten Wirtin gegenüber.
„Ach, meine liebe Miß Ferrars", begann sie sofort redselig, „seien Sie mir herzlich willkommen! Ich war bei einem Wettspiel nud bedauere lebhaft, wenn ich Sie lange allein gelassen habe. Die sind aber doch hoffentlich nicht im Begriff, zu Bette zu gehen?" fügte sie hinzu, wobei es IN ihren dunklen Augen schalkhaft aufblitzte.
„O nein", stammelte ich, „id) betete."
„Tun Sie das immer untertags?"
„Nein, allein tdji komme jetzt von der Reise, und . . ."
„Ach, Sie liebes, gutes Mädchen!" unterbrach sie mich. „Hoffentlich haben Sie es sich hier inzwischen behaglich gemacht."
Sie setzte sich in einen bequemen Rohrsessel und sah mich> mit ihren durchdringenden Augen scharf prüfend an, während ich noch immer verlegen muten im Zimmer stand.
Nachdem ich endlich meine Fassung wiedergefunden, fragte ich!: „Wie geht es Walter? Und wann werde iäx ihn sehen?"
„Er war ziemlich elend, wenn auch nicht bedenklich krank: ein Fieberansall, von dem er sich noch nicht ganz erholt hat. Deshalb konnte er unmöglich die Reise nach Bombay unternehmen; morgen abend kommt er aber sicher, vielleicht schon früher. Ich bin überzeugt, daß Ihr Au- blrck ihn sofort ganz Herstellen wird."
Hatte Mrs. Hassall mich zum Besten, oder sprach sie im Ernst? Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie eben ihren eleganten, zu ihrem hübschen Rosa-Musselinkleid passenden Hut abnahm.
... . "H?ben Sie eine gute Uebersahrt gehabt? Und nette Gesellschaft?"
„O ja, ich danke."
„Sie sind ein tapferes Mädchen! Sechstausend Meilen wert allem herzureisen, um Walter zu heiraten! So weit hatte mein Mut niemals gereicht."
,^Jch glaube auch, daß ich etwas Ungewöhnliches unternommen habe."
Ich fetzte mich nun ebenfalls.
„Durchaus nicht. Das tun viele Mädchen, wenn iHv Bräutigam sie nicht holen kann. Wie geht es Tante Gussi?"
„Sie war recht wohl, als ich sie zuletzt sah."
„Sie sind nämlich ihr ganz besonderer Liebling, und, so viel ich weiß, hat sie die ganze Sache ins Leben ge- rufen. Sie ist wirklich! eine bewundernswerte Frau. Am nächsten Samstag um zwei Uhr wird also die Trauung stattfinden. Sobald die Smyrna gemeldet wurde, schickte ich! die Einladungen ab. Sie und Watty haben somit noch genügend Zeit, sich gegenseitig kennen zu lernen."
„Eine Woche ist nicht lang", tvarf ich schüchtern ein.
„Eine Woche genügt vollständig", entgegnete sie nachi- drücklich. „Manche Mädchen sind schon eine Stunde nach ihrer Landung in Bombay getraut worden. Stirbt jemand hier, so wird er noch am selben Tage gebraben; bei uns in Indien macht man in derartigen Sachen kurzen Prozeß. Ein wahres Kleinod von einer Ajah habe ich auch schon für Sie gedungen."
„Sehr liebenswürdig von Ihnen!" murmelte ich mit schwacher Stimme.
„Ich beabsichtige Ihre Hochzeit zu einem glänzenden Fest zu gestalten. Tie Geselligkeit ist gegenwärtig ein wenig flau, und eine Hochzeit bringt immer Leben und Heiterkeit mit sich."
„Ach, und ich hatte so sehr aus eine stille Hochzeit gehofft!"
„Tann war Ihre Hoffnung eben eitel, meine Liebe." Ein breites Lächeln ließ fast alle ihre Zähne zum Vorschein kommen.
„Ich habe nämlich ein wahrhaft entzückendes Kleid, das ich nur zweimal in Simla trug und das hier noch niemand kennt. Ich habe vor, ein Gartensest zu geben", plauderte sie weiter. „Ich gebe nämlich während der Saison alljährlich eines. Taschenspieler und Schlangenbeschwörer sollen ihre Künste zeigen und die Jägerkapelle wird spielen. Zweihundert Einladungen sind ergangen; die Leute müssen endlich! einmal wieder aus dem Schlafe geweckt toerben."
„Tas geht doch alles gewiß auch ohne Watty und mich", ries ich mit mich selbst überraschender Kühnheit. „Bitte, lassen Sie uns ruhig zur Kirche gehen und gleich darauf abreisen.^
„Warum?" fragte sie scharf.
„Warum sollen wir nur zur Unterhaltung der Gesellschaft ein großes Hochzeitsfest feiern?"
, „Einfach deshalb, weil alles schon vorbereitet ist. Ten meisten Mädchen macht doch auch eine glänzende Hochzeit Hwß. Aber ich merke schon. Sie sind ganz anders, als ich Sie mir, gedacht habe." Ciu eigentümlicher, verlegener Ausdruck zeigte sich dabei in ihren unbarmherzig blickenden Augen.
„Mrklich? Wie glaubten Sie denn, daß ich sei?"
„Nun, mehr ein schüchterner, zimperlicher Backfisch."
„Ein zimperlicher Backfisch würde doch wohl schlecht aus eine Teepslanzung passen. Im Grunde genommen bin idji aber doch ein recht schüchternes Mädchen."
Diesen Eindruck machen Sie gar nicht. Ich sehe, daß Sie Ihre eigenen Ansichten haben und Ihren Kops nicht nur hoch tragen, sondern gelegentlich auch durchsetzen können. Auch verstehen Sie es, sah, hübsch zu kleiden. Dies ist wirklich ein reizendes'weißes Kleid. Tie Spitzenärmel und die lange Schleppe gefallen mir sehr gut. Einige Herren kommen heute auch zum Abendessen, und nachher wollen wir alle auf den Klubball gehen."
„Wer ich, brauche Sie doch hoffentlich nicht zu begleiten?" warf ich ängstlich ein.
„Wenn Ihnen nichts daran liegt, nein. Mir scheint überhaupt, daß Sie sich vorläufig noch ein wenig unbehaglich unter uns fühlen, aber Sie gewöhnen sich gewiß bald an unsere lustige Art, zu leben", antwortete sie nachsichtig.
Ich aber wußte genau, daß ich mich niemals an sie und ihre grausamen Augen und ihre harten Züge gewöhnen würde.
„Sie sagten, daß Walter vielleicht käme?"
„Ach ja, richtig. Er gehört zu den unbequemen Leuten, die kommen, wenn man |te am wenigsten erwartet, und niemals da sind, wenn man sie braucht . . . Natürlich sagte ich das nur im Scherz. Er wohnt nämlich nicht hier, weil wir keinen Platz haben. Sein Vetter Maxwell hat ihn bei


