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Abe« wenn man lange genug wartet, kommt schließlich doch jeher Mann und jede Masse an die richtige Stelle. Man dars nur nicht ungeduldig sein. An unsere gute alte Landwehrzett er­innerte mich eine gestern abgehalteneParade". Ter Gouver­neur des Staates Illinois, Mr. Dates, kam nach St. Louis und wollte diese Gelegenheit benutzen, um das zurzeit in der Welt­ausstellung kampierende zweite Infanterieregiment seines Staates offiziell zu besichtigen. Er ließ sich sosort nach der Ausstell­ung fahren, in der Erwartung, daß die Soldaten am Eingänge Spalier gebildet haben würden, um ihn als obersten Kriegs­herrn des Staates Illinois mit allen militärischen Ehren zu empfangen. Aber von feinen Mannschaften war nichts zu sehen! Ter Gestrenge war empört. Er witterte Unpünktlichkeit oder gar Gehorsamsverweigerung und gab seinem Kutscher den Befehl, ihn und seinen Aerger etwas spazieren zu fahren. Unterdessen stand Colonel Stewart mit seinen 750 Mann an einem an­dern Eingang. Geduldig wartete man über eine Stunde in der sengenden Sonne. Tann wurde den Soldaten die Sache hu langweilig, und sie gingen auseinander. Aber der Colonel ist ein erfahrener Kriegsmann, und so stellte er in allen Richtungen Vorposten aus, um eine etwaige Ueberrumpelung durch den Gou­verneur zu vermeiden. Ta seine Soldaten zu diesem Dienste keine Lust .hatten, so mußte er Polizisten nehmen. Endlich, nach langer Zeit, erscholl der Ruf:Er kommt!" Und schon rollte der Wagen aus den unglücklichen Colonel zu. Eine Kata­strophe schien unvermeidlich. Aber der gefährdete Offizier ver­lor seine Geistesgegenwart nicht, lief eiligst auf den Gou­verneur zu und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Dieser ließ sofort seinen Wagen umdrehen, .und suhr hinter ein Gebüsch. Tann wurde eiligst zum Sammeln geblasen, und nach­dem man ein paar hundert Manu zusammen bekommen hatte, .rückte sich der Gouverneur seinen Zylinder zurecht und kam mit heiligem Ernst hinter dem Gebüsch .vorgefahren. Tie ganze Situation erinnerte lebhaft an die bekannten Bilder derFlie­genden Blätter" unter der Ueberschrift:Aus der guten alten gelt".

In grellem Gegensatz zu diesem heiteren Schauspiel stand die furchtbare Sturm-Katastrophe, von der St. Louis am Tage vorher heimgesucht worden war. Nachdem am Vormittag eine fast unerträgliche Hitze geherrscht hatte, verdüsterte sich in der dritten Nachmittagsstunde plötzlich der Himmel und ein zyklon- artiges Unwetter begann. Viele der großen und schweren Te- legraphenmasten wurden abgebrochen, und mitsamt den Drähten auf die benachbarten Häuser geworfen, an denen sie teilweise die Mauern durchschlugen. Im nördlichen Stadtteile wurde, ein Kirchturm vollständig abgehoben und in das Schaufenster eines gegenüberliegenden Ladens geschleudert. Wagen wurden mit den davor gespannten Pferden vom Win.de einfach umgeworfen und Firmenschilder flogen durch die Luft davon und wurden nicht wstedergefunden. Da vor acht Jahren ein Tornado unbeschreib­liches Unglück über die Stadt St. Louis gebracht hat hunderte von Menfchen wurden in den Mississippi geweht und die halbe Stadt in einen Schutthaufen verwandelt so kann man sich die Bestürzung der ansässigen Einwohner denken, die eine Wieder­holung jenes Schicksalschlages befürchteten. Aber zum Glück hatte es diesmal bei den ersten Anzeichen sein Bewenden .und vor allem hat die Weltausstellung selbst nur ganz unbeträchtlich Schaden genommen. .AmManufaktur-Gebäude" ist etwas Stuck der Außenfront herabgefallen, aber die in seinem Innern unter­gebrachten kostbaren Ausstellungsgüter s nd unversehrt geblieben. Tie hier besindliche Ausstellung Pariser Kostüme hat allein einen Wert von hunderttausend Mark. In großen Glasschränken finden sich die Wunder der französiseheu Schneiderl'unst. Syrn- phonieen in Farben, Gedichte in Stoffen und Stickerei n. Tie Damenwelt drängt sich hinzu und betrachtet mit Staunen und Bewunderung die Männerwelt mit Grauen die kleinen Preis­schilder. Besonders eine Gesellschaftstoilette, die die Kleinig­keit von 1500 Mark kostet, steht im Vordergründe des Inter­esses. Sie ist aus orangefarbenem Seidenmusseline hergestellt, der auf weißem Taffet leicht herniederfällt. Ter tiefgehende Spitzensattel ist vom unterbrochen von gefälteltem weißem Chif­fon und türkisblauer Stickereiauflage, die ihren Abschluß in mehreren großen Stahlinöpfen findet. Ter RochÜberwnrf besteht aus der gleichen .Spitze und Stickerei wie der Sattel und fällt Über ein goldenes Netz bis unter die Kniee herab, wo auch er durch eine große Stahlschnalle vorn zusammen gehalten wird.

Wie schade, daß solche Herrlichkeit auf, einer leblosen Wachs­figur drapiert ist. Ueberall hat die Leitung der Ausstellung für Leben und Bewegung gesorgt, nur gerade hier nicht. Wenn eine von den vielen wirklich schönen Ladies unter diesem Goldnetz wäre, würde es auch das starke Geschlecht entschieden mehr hierherziehen, als in die große Halle mit den rasselnden und sauchenden Maschinen, die nicht weit davon gelegen ist. Hier sind wieder die Damen sehr in der Minderheit, denn es gehören wirklich starke Nerven dazu, um zwischen diesen gewaltigen Ma- schinen-Kolossen zu promenieren, deren Kolben mit ungeheurer Vehemenz dicht an den Besuchern vorbeisausen. Hoch oben fährt ein gewaltiger Krahn der die ganze Breite des Gebäudes einnimmt mit wahrem Tonnergeroll hin und her und läßt seinen Riesenhaken wie ein Damoklesschwert über den.Häuptern der Besucher bänaen. Unter den vielen Maschinen, .die im Betriebe

vorgeführt werden, befinden sich auch einige ganz schmale Band­sägen, mit deren Hilfe geschickte Arbeiter eine sehr amüsante Spielerei unfertigen. Sie machen nämlich in kleine Klötze aus Pappelholz eine Reihe geheimnisvoll gewundener Schnitte. Zer­legt man dann den Klotz in die nun geschaffenen einzelnen Teile so erhält man zu seiner Ueberraschung eine vollständige Miniatur-Zimmereinrichtung, die aus nicht weniger als 16 Teilen besteht. Außer dem Tisch, den man auf einen Teppich aus Holz stellen kann, finden sich zwei Schaukelstühle mit Fußbänken, mehrere kleine Stühle, ein Sofa mit zwei Hockern kurz, eine richtige Puppeneinrichtung. Hat man alles hübsch aufgebaut, bann kann man das Geduldsspiel beginnen, .diese 16 einzelnen Teile wieder so zusammen zu schieben, .daß sie einen einfachen viereckigen Klotz bilden. ...

Sehr charakteristisch 'ist es, daß selbst bei diesen Liliput- Möbeln die unvermeidlichen Schaukelstühle nicht fehlen. Sie sind das beliebteste Einrichtungsstück in jedem amerikanischen Hause. Tie Amerikaner schaukeln immer. Die Damen liegen im schau el- stuhl und lesen, die Herren haben sogar in ihren Bureaus vor den Pulten Stühle, die zum Wippen eingerichtet sind. Wenn ein Amerikaner sich aber einmal in der schrecklichen Situation be­findet, auf einem vernünftigen, festen Stuhl Platz nehmen zu müssen/daml rückt er sich diesen mit einem Slbstande von etwa einem halben Meter an eine Wand und legt sich so weit hinten über daß er mit dem Kopse eine Stütze an der Mauer findet, während der Körper noch etwas wackeln kann. Dieser Hang zur Bewegung um jeden Preis bleibt dem Europäer immer ziemlich rätselhaft. Viel mehr befreundet er sich bald mit den ewig schnurrenden Ventilatoren, die in jedem Geschäft und Restaurant fast unmittelbar über den Köpfen des Publikums herumsausen. Sie finden ihre Rechtfertigung in der drückenden Hitze, und wenn man auch zuerst .unter diesen Riesenflügeln sich etwas unbehaglich fühlt, so lernt man ihren Wert doch bald schätzen und nimmt mit Vorliebe beim Essen einen Platz ein, wo man beständig von oben etwas abgekühlt wird. Zu welchem Rafime- ment in der Ausgestaltung dieser Facher man es hier georacht hat kann man in dem großen Elektrizitätspalaste der Ausstell­ung bewundern. Ta finden sich Ventilatoren, die nicht nur ihre Flügel mit rasender Schnelligkeit umherwirbeln, sondern die sich .auch noch außerdem derart um sich selbst drehen,. hast der erfrischende Luftstrom beständig die Richtung wechselt. Wieder and-re (mb in größerer Anzahl an einem karnsselariigen Gestell befestigt, das sie im Kreise dreht, während jedes einzelne an sich auch in drehender Bewegung ist. Dabei find die Betriebs­kosten dank der hier vorhandenen großartigen elektrischen 'An­lagen verhältnismäßig äußerst geringe. . ,

Tie praktische Verwendung der Elektrizität ist tn Tfmertta überhaupt viel verbreiteter als in Europa. So fehlt z. B. das Telephon eigentlich in keinem Hause, und man gebraucht es viel mehr als bei uns. Man kann sehr häufig in den Zeitungen Annoncen lesen, in denen Straße und Hausnummer gar nicht angegeben find, sondern nur die Nummer des Telephvn- anschlnsses. Brieft sendet man nur in ganz besonderen Fällen; in der Regel wird alles telephoniert. Bei diesem anßerordent- starken Gebrauche der Fernsprechanlagen werden natürlich an das Bedienungspersonal häufig fast unerfüllbare Sorhermtgen nestelst, und man ist deshalb in einer ganzen Reihe amerikani­scher Großstädte bereits zu dem automatischen Verbindungschstem übergegangen dessen Modell ebenfalls im Elektrizitätspalast ge­zeigt wird. Tie Handhabung .ist für deii Teilnehmer äußerst einfach. Mit Hilfe eines Zahlenrades stellt er die Nummer em, mit der er zu sprechen wünscht, und sogleich stellt sich die Ver­bindung mechanisch her. Ist hie betreffende Leitung aber be­reits anderweitig in Anspruch genommen, so ertönt selbsttätig ein Signal. Die Apparate, die nötig find, um mit nie fehlen­der Sicherheit unter vielen Tausenden von Teilnehmern stets die richtige Verbindung zu schaffen, find überaus geistvoll aus­gedacht und arbeiten ebenso einfach wie schnell.

Ferner sieht man eine Vereinigung von Telephon und Phonographen, bei der man der Sprechmaschine feine Mitteil­ungen anvertrauen kann, falls der angerufene Teilnehmer nicht zu Hause ist. Auch.Fernschreiber gibt es, und Telephone, bet denen man nicht einmal Elektrizität braucht, sondern nur Sonnenstrahlen. .Tausend Möglichkeiten, .seine Mitmenschen zu

/Oleine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer; ich finde sie nimmer und nimmermehr!"

Weisepkandereien eines Spree-Aißeners.

(Nachdruck verboten.)

Umschau in Straßburg. Munsterstudien. Das Grabdenk­mal Moritz von Sachsen. Elsässer Wein. In der Orangerie.

Tas alte Lied von derwunderschönen Stadt" hatte rnir's lange angetan. Ich suhr deshalb nicht über Stuttgart oder Heidelberg direkt in den Schwarzwald, wohin mich mein Berliner Leibdsktor für etliche Wochen verbannt hat jedenfalls damit er selber ungestört seine Ferien genießen kann! sondern holte mir in Straßburg .das Gelenke" wie sie hier und da in Schlesien zu sagen pflegen, wenn sie einen Umweg bezeichnen