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daher ihre Angst. Ich hingegen halte es für die vornehmste Pflicht eines jeden anständigen Menschen, nach seinen Kräften der Dummheit entgegenzutreten, und wenn wir das nicht schon aus ethischen Gründen tun, so müßte es in unserem ureigensten Interesse geschehen."
„In unserem Interesse?" fragte sie verwundert.
„Jawohl, in unserem Interesse", wiederholte er mit voller Ueberzeugung, „denn nur ein wirklich aufgeklärter Bauernstaud kann Stütze für Thron und Altar und somit auch für seine unmittelbaren Vorgesetzten — für seine Herrschaft sein."
„Wenn Du das glaubst, so würde ich es an Deiner Stelle auch dem Grasen und den anderen sagen", riet ihm seine Frau.
Ein geringschätziges Lächeln umspielte seine Lippen.
„Als ob die mich begreifen würden!" meinte er.
„Und wenn es bei einem oder dem anderen dennoch der Fall fein sollte, so sind sie ja viel zu indolent, um von ihrem liebgewordenen Schlendrian abzulassen. Ich "weiß ja, daß ich anfangs zu kämpfen haben werde — nicht zum mindesten durch die Untermiuierarbeiten dieses Pfarrers, aber ich will ihnen schon zeigen, was eine Harke ist, und ob sie wollen oder nicht, werden sie meinem Beispiel folgen müssen."
Frau von Höchstfeld, die daran nicht recht glaubte, seufzte nur.
„Ach was, seufze do'ch nicht in einem fort", schalt er ärgerlich, „freue Dich lieber unserer zivilisatorischen Mission. Mich wenigstens erfüllt es mit Stolz, durch ehrliche Arbeit und energische Tatkraft dem deutschen Namen auch hier Achtung zu verschaffen. Durch ivas ist denn unsere Nation so groß geworden, als durch das Pflichtbewußtseiu des einzelnen, und gerade deshalb, weil wir hier aus einem exponierten Posten stehen, dürfen wir erst recht nicht von dem von nns als richtig erkannten Wege abweichen."
Er sprach mit solchem Feuer, mit solch tiefinnerer Ueberzeugung, daß sie nicht nur alle werteren Einwände aufgab, sondern auch gar nicht mehr an dem schließlichen Siege seiner Ideen zweifelte. Hatte sie sich schon bisher Mühe gegeben, ihm treu zur Seite zu stehen, so wollte sie nun erst redj|t zeigen, welch gewissenhafte deutsche Hausfrau Jie s ei.
Sie wurde nun nachgerade der Schrecken des Hofgesindes. Zu keiner Stunde und an keinem Plätzchen war dieses vor ihrem plötzlichen Auftauchen sicher, und waren die Leute — was allerdings nicht zu oft vorkam — auch noch so fleißig, ihres Erachtens nach geschah doch immer noch zu wenig. Im stillen bezichtigte sie sogar die Hühner der Faulheit und grübelte ernstlich nach- wie man diese zum fleißigeren Legen bewegen könnte.
Ein harter Schlag traf sie, als die Leute die das erste Mal die in die Stadt geschickten Eier unverkauft zurückbrachten. Sie und auch ihr Mann hielten das für Böswilligkeit, denn daß sich für frische, noch dazu mit dem Gutsstempel und Datum versehene Eier keine Abnehmer finden sollten, wollte ihnen nicht einleuchten.
„Warum hat man sie Euch denn nicht abgekauft?" inqurrierte der Major den ältesten Bauern.
Dieser griente dumm vor sich hin.
„Eh !gerr", sagte er, „was sollen sie damit, sie haben doch selbst welche und dann — ich weiß nicht, ob ich, es Dir sagen darf — aber sie haben uns nur ausgelacht."
„Ausgelacht? Sieso — warum?"
„Eh, sie meiuten, daß wir wohl deutsche Hühner hätten, da die anderen ihre Eier unnummeriert und ohne Stempel legten."
Herr von Höchstfeld ließ ihn wütend stehen, und zu seiner Frau gewandt sagte er:
„Ich wette, daß wir diesen Witz auch dem Herrn Pfarrer zu verdanken haben. Er macht sich ja über alles bei Uns lustig, und da er uns nicht anders beikommen kann, so sucht er uns wenigstens lächerlich zu machen."
Das war der Punkt, in welchem Frau von Höchstfeld ihrem! »Gatten nicht mehr folgen wollte und auch nicht konnte. Das Auftreten des Pfarrers hatte ihr allerdings im höchsten Grade mißfallen, und auch die Warnungen des Vetters Karl waren ihr recht woht im Gedächtnis, andererseits hatte es aber doch großen Eindruck auf sie gemacht, daß ihm alle, trotz seiner mehr als heiteren Lebensauffassung, die respektvollste Ehrerbietung entgegenbrachten. Und da nun einmal, was sich nicht ableuanen
läßt, Frauen in diesen Dingen viel ruhiger und besonnener urteilen, so wollte auch sie erst selbst, beobachten, ehe sitz über ihn den Stab brach.
„Ich fürchte, lieber Erwin, daß Du darin zu weit gehst", widersprach sie ihm aus diesem Grunde, „er mag gegen! uns wie immer gesinnt sein, aber daß er sich zu solch kleinlichen Rancünen verleiten lassen könnte, glaube ich doch nicht — das verbietet ihm schon seine Stellung."
„Wie willst Du es Dir denn erklären, daß sie gerade, von uns keine Eier kaufen wollend fragte er ironisch.
„Die Leute werden sie wohl aus Niedertracht gar nirgends angeboten haben", meinte sie nach kurzem Ueber- legen.
„Wenn Du das denkst, spottete er, „dann wird es wohl am besten sein. Du fährst den nächsten Sonntag selbst auf den Markt, mietest Dir einen Stand, und Erna kann allenfalls die Ausruferin machen."
Erna war eben eingetreten und hatte den Schluß noch gehört.
„O ja, Mama", rief sie, in die Hände klatschend, „das ist eine Idee! Oder noch besser, ich gehe damit in dis Kaserne — dort bringe ich sie sicher unter — Vladoj kann mir dabei helfen, und wenn es..."
„Wie oft soll ich Dir noch sagen- daß Du den Leutnant bei seinem Familiennamen zu nennen hast!" verwies ihr die Mama streng.
„Aber wenn ich ihn doch nicht aussprechen kann?" murmelte Erna.
„Nun, dann laß es überhaupt sein", schalt Frau von Höchstfeld, „es ist für ein Mädchen — und noch dazu in Deinen Jahren — ohnehin unpassend, in einem fort an junge Offiziere zu denken. Nimm lieber Deine Bücher zur Hand und lerne etwas oder setze Dich ans Klavier und übe die Schule der Geläufigkeit."
Erna haderte mit dem Geschick, das sie zu so ungelegener Zeit hereingeführt hatte, und ging schmollend ab, und a-uch der Major, dem ohnedies jede im Hause verbrachte Minute als verloren galt, verließ bald darauf das Zimmer.
Frau von Höchstfeld blieb allein, und schwere, schwere Sorgen umdüsterten ihre Gedanken.
Was sollte nun aus den vielen Eiern werden? Wenn sie auch wirklich die zurückgebrachten selbst aufaßen, — was allerdings kaum möglich war — so legten die Hühner doch auch immer wieder von neuem!
Sie sann und sann, aber so sehr sie auch ihren Scharfsinn anstrengte, so fand sie doch keinen anderen Ausweg —< es blieb eben nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, was in diesem Falle so viel bedeutete, als möglichst viele in der Wirtschaft zu verwenden.
(Fortsetzung folgt.)
Weüüusst Kungsöriefe.
Von Paul Gartmann. (Nachdruck verboten.)
9. Leben und Treiben in der Meltaus st ellung. Republikanische Prinzenanbeter. — Eine gemütliche Parade. — Furchtbares Unwetter. — Pariser Kostüme. — Ein niedliches Spielzeug. — Elektrische Fächer. — Automatisches Telephonamt.
— Andere Vervollkommnungen des Fernsprechers.
St. Louis, Ende Juli.
Tie Bürger der Vereinigten Staaten, die sich stets mit soviel Nachdruck als freie Republikaner bezeichnen, geraten in Wirklichkeit doch ganz aus dem Häuschen, sobald irgend etwas Fürstliches in Sicht kommt. Ter chinesische Prinz Pu Lun hat hier mehrere Wochen hindurch alle Gemüter in Aufregung gehalten. Im monarchischen Deutschland würde sein Erfolg wahrscheinlich nur darin bestehen, .daß ihm die Straßenjungen nachlaufen und ihn an seinem königlichen Zopfe zupfen würden. Aber hier drängte man sich zu seinen Empfängen und erzählte glückstrahlend allen Freunden, daß man den besonderen Vorzug genossen hatte von königlicher Hoheit mit einem Händedruck beehrt zu werden. In Deutschland bringt keine Zeitung so ausführlich« Berichte darüber was der Kaiser an jedem Tag getan hat, wie fie in den Blättern der freien amerikanischen Republik über jeden Schritt Pu Luns zu lesen waren, gls er die Weltausstellung besuchte.
Auch an militärischen Schauspielen findet man hier großes Vergnügen und fast an jedem Nachmittage wird aus dem großen Ehrenhöfe der Weltausstellung eine Parade abgehalten. Für das Auge des an deutsches Militär gewöhnten Beschauers nimmt sich die Sache zwar aewöhnlich ein bißchen kunterbunt aus.


