Ausgabe 
11.4.1904
 
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1904

MW

Montag den 11.

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(Nachdruck verboten.)

Im Aakak der Jajah.

Roman von B. M. Croker.

Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.

(Fortsetzung.)

Hier wartete ich ziemlich lange Zeit. Nachdem sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, bemerkte ich, daß dieser Raum einst schön gewesen sein mußte und da und dort an seinen früheren Glanz erinnerte. Später hörte ich, daß diese geräumigen Bungalows in früheren Zeiten die Wohnung von Regimentskommandeuren einge­borener Truppen gewesen seien. Jetzt sah der Garten, einst wohl der Stolz des Obersten, einer Wildnis ähnlich- und das schöne Empfangszimmer, worin seine Gattin gewaltet, Machte einen verwahrlosten, unsauberen, ja sogar ärmlichen Eindruck. Tie Wände hatten eine trübe, dunkelrosa Farbe und waren mit großen, grellen Farbendruckbildern und Papierfächern bedeckt. Tie einst weiß gewesenen Vorhänge hatten eine rötliche Staubfarbe angenommen, und schräg ins Zimmer gerückt stand ein Pianino, dessen Ueberzug anscheinend ein abgelegtes Musselinkleid war. Auch eine Menge Bambusstühle der verschiedensten Altersstufen und Formen waren vorhanden ,und ein runder, mit Photo­graphien und Muscheln bedeckter Tische aber weder eine Blume, noch ein Buch, noch eine Pflanze. Dafür entdeckte ich überreichen Staub auf allen Gegenständen, und der Geruch von Kvkosnußöl erfüllte die Luft.

Bei dem langen Warten wurde die Geduld des Schim­mels allmählich erschöpft. Er stampfte unaufhörlich, bis es mir schließlich auf die Nerven ging und ich in heller Verzweiflung hinauseilte, den Kutscher bezahlte und fort- sahren ließ. Mit träger Einförmigkeit tickte die Uhr im Empfangszimmer weiter, urrd noch immer erschien niemand. Ein Blick ins benachbarte Zimmer zeigte mir eine lange, mit einem gebrauchten Tischtuch bedeckte Tafel, auf der einige Messer und Gabeln, sowie Salzfässer aus blauem Glas standen offenbar die Mittagstafel. Endlich hörte ich eine gellende Stimme aus den Hinteren Teilen des Hauses rufen:

Ich bin ja nicht angezogen, ich gehe nicht hinein, ich kann nicht hineingehen! Lauf, Mädchen!"

Ein eifriges, wenn auch gedämpftes Wortgefecht folgte, bann bewegte sich plötzlich der Mrvorhang, und zum Vor­schein kam eine ungeheuer dicke, ältliche Frau in einem losen, baumwollenen Morgenkleid« und gestrickten Pan­toffeln. Sie hatte sozusagen drei Kinne und so gut wie keinen Hals, dafür aber freundliche, dunkle Augen. Ihr Haar war in einen kleinen Knoten gedreht, und in einer Hand trug sie eine große Kanne, in der anderen einen Stroh­fächer. Nachdem sie mich eine« Augenblick in sprachloser Ueberraschunq angestarrt hatte, rief fier

Ich habe das Melken der Kühe überwacht. Entschul­digen Sie deshalb, bitte. Sobald ich fortgehe, schütten sie nämlich Wasser in die Milch. iO mein, wie sie doch alle betrügen!"

Hierauf stellte sie die Kanne nieder.Wie ich, hörL wünschen Sie bei mir in Kost zu treten. Miß. Ta muß doch wohl ein Irrtum vorliegen."

Cie sind Frau Rosario?"

Ja, gewiß." Sie ließ sich, in den breitesten Lehnstuhl niedersallen.

Ich! möchte gern einige Zeit bei Ihnen wohnen und essen, wenn Sie mich aufnehmen können. Ein Schaffner« Namens Giles, gab mir Ihre Adresse."

Sie, eine englische Dame, wollen hier wohnen?" rief sie in den höchsten Tönen des Erstaunens.

Ja, wie man mir sagte, sind Ihre Preise nicht hoch, eine Richie täglich, und da mir vor kurzem fast all mein Geld gestohlen worden ist und ich auch keine Freunde oder! Bekannte habe, so möchte ich: hier bleiben, bis ich eine Stelle finde."

Sie haben aber doch Empfehlungen?" fragte sie üt geschäftsmäßigem Tone.

Nein, meine Empfehlungen, Briefe und fast all mein Geld befanden sich zusammen in dieser Reisetasche", erklärte! ich, ihr den Schaden zeigend.

O, du lieber Gott! Ihr Geld gestohlen, kein« Freunde . . . und Giles schickt Sie!" Nachdenklich sah sie, mich an.Nun denn, Miß, Sie können hier bleiben. Freilich ist mein Haus gerade jetzt arg überfüllt, und wir sind nicht die allervornehmste Gesellschaft."

Können Sie mir ein Zimmer geben?"

Was, ein ganzes Zimmer? Nein, das kann ich nichts Tie Hälfte von Lolas Bett, wenn Sie wollen. O welche Hitze!" Sie fächerte sich mit wahrer Wüt.Wir müssen eben sehen ,wie wir's einrichten und Ihre Koffer hereinholen lassen. Lily hilft mir gewöhnlich, aber mm ist sie in den Bazar gegangen. Man kann die Leute nun mal nicht dazu bringen, daß sie einem die Sachen schicke«. O mein, ist das eine Plage! Ter Metzger versprach mir, das Ochsenfleisch zu schicken, tveil ich aber die letzte Monat-- rechnung noch nicht bezahlt habe, will er nun kein Fleisch mehr hergeben. O, diese unverschämten Kerls! . . . Sawmh l Sawmy!" schrie sie plötzlich, worauf ein schmutziger Diener erschien.Bringe die Koffer, die auf der Veranda stehe«, in das hinterste Zimmer. . . Augenblicklich ist alles über­füllt, aber nächste Woche wirds besser werden . .. Maudie, so komm' doch und begrüße diese nette Dame."

Tas Kinn in die unsauberen Spitzen ihres Kleide» bohrend, kam Maudie aus ihrem Versteck im Eßzimmer, wo sie gelauscht hatte, hervor und reichte mir mit einem schlauen, durchdringenden Blicke die magere Hand.

O mein, Maudie, was hast Tn für ein schmutzige» Kleid an!"