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derguten alten Zeit" war derMusterreiter".*) Kaufleute aus den Städten kamen fefbft oder schickten ihre Kommis hoch zu Roß heraus in die lehmige Wetterau und in den steinigen Vogels­berg mit Warenproben oder Mustern, die sie auf ihrem Pferd im Mautelsack mit sich führten. Auch sie waren gern gesehene Gäste. Me brauchten keine Wirtschaft aufzusucheu, Roß und Mamr wurden von bekannten und befreundeten Kunden freund­lichst aufgenommen und nach ausreichender Bewirtung wieder entlassen; das Geschäft wurde immer erst kurz vor dem Ab­schied abgeschlossen; die Gegenstände, die gekauft waren, kamen später oft durch eine Gelegenheit. Ein solcher Musterreiter, der aber mehr ein Mustergänger genannt werden konnte, war Herr Schreer aus H. Der fand sich gar oft bei uns ein, aber regel­mäßig erst am Abend, blieb als Gast zum Abendtisch und über Nacht und ließ dann erst am Morgen seinen Packträger mit Waren und Mustern kommen, und dann wurde gehandelt. Herr Schreer hatte Pech an den Hosen, namentlich abends, st>enn ihm mein Vater von seinem 1819 er Laubenheimer vorletzte, und konnte nicht zu Bett gehen. Tabei war er ein langweiliger Kerl. Meine Mutter brachte dann öfters ein selbst gezogenesGut­licht", stellte es brennend auf den Tisch mit den Worten:Das Licht.ist für den Herrn Schreer!" Tiefer kategorische Impera­tiv ist später in unserer Gegend sprichwörtlich geworden, wenn jemand über Gebühr sitzen blieb. Herr Schreer hatte nicht immer gute Waren. Aus einem Stück grauem Tuch, sehr schön anzu­sehen, hatten wir Jungen neue Hosen bekommen, jn welchen wir bei einem Besuch unseres Oheims in Hanau und Wilhelms- bad paradierten. Hier war ein Karussel aufgestellt. Als wir das besteigen wollten, platzten zwei der neuen Beinkleider an einer sichtbaren Stelle abwärts von den Schößen unserer Wäms- chen, und unsere Weisheit wurde coram publico offenbar. Herr Schreer hatte uns die Freude an unsere Reise in die ferne Stadt gründlich verdorben.

Wieder eine ähnliche und doch ganz andere Erscheinung war der Weinreisende fürMörS und Rüppel": Herr Schmidt, von seinen Freundendas Weinschmidtchen" genannt. Er kam mit freundlicher Miene, sah durch eine goldene Brille und offerierte in nicht wiederzugcbenber Art seine Weine. Dabei gerierte er sich als alter Hausfreund und ging nicht eher, als bis man ihm etwas abgekauft bezw. bestellt hatte. Sprichwörtlich:zur Vor- bcrtilre hinausgeschmissen, kam der Weinreisende zur Hintertüre wieder herein." Es soll öfters vorgekommen sein, daß der gelieferte Wein der Probe nicht ganz entsprach. Das Wein­schmidtchen, in späteren Jahren Inhaber obiger Finna, ist mir noch oft begegnet und wird meinen Altersgenossen auch noch im Gedächtnis fein. .Mein Vater machte keine Geschäfte mehr mit Weinreisenden, nachdem er bei Chiron-Sarasin tu Frankfurt ein ganzes Stückfaß Laubenheimer aus 1819 ersteigert hatte, von dem er an Verwandte und Freunde nur einige Ohm abgab. Daher kam es wohl auch, daß ich stets eilten guten Wein gern getrunken habe und mich der Konsequenzen wegen scheute, dem Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke beizutreten.

Ich will noch anfügen, daß nach dem Ausbau der Chausseen und Vizinalwege, die ja unser Öberhessen wie ein Netz umspannen, Frachtfithrlente den Verkehr mit Frankfurt vermittelten. Der Fuhrmann Dondorf aus Gedern erhielt zu diesem Zweck von meinem Vater Brieschen an den Kauf- und Handelsmann U. Wun­derlich in Frankfurt, die lediglich Bestellzettel waren. Dondorf zahlte die Preise, in Vilbel auch den Zoll, denn der Zollverein war erst im Werden, und erhielt bei Mlieferung der Waren Fracht und Auslagen. Eine weitere Folge des Chansseebaues war das Auftauchen derFamilienwagen" oderBlamagen", die den Personenverkehr der Oberhessen mit Frankfurt vermittelten. Ich weiß noch, welche Freude herrschte, als ein Tüdelsheirner Fuhrmann an einem schönen Sonntagmorgen die ersteBla­mage" durch meinen Aeimatsort lenkte.

Ein gleicher Verkehr mit Hanau war unmöglich, weil der Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht duldete, daß unsere bis an die kurhessische Grenze (mitten im Feld endigend) gebauten Straßen auf jenseitigem Gebiet weiter geführt wurden. Die kurhessischen Gemeinden haben dann minderwertige Vizinalwege in unsere Chausseen einmündeit lassen.

Soweit habe ich aus dem Gedächtnis ohne Zuhilfenahme von Dichtung nur Wahrheit berichtet. Vielleicht wird mancher sagen: wozu braucht man das Zeug zu veröffentlichen? Das geschwätzige Alter tritt in den Vordergrund. Nun, wen diese Skizzen nicht interessieren, der lege das Blatt aus die Seite, ich habe nur einem freundlichen Druck nachgegeben, als ich die Feder in die Hand nahm.

dixi et salvavi animum meum.

Ein alter Oberhesse,

Der Musterreiter führte in ledernen Halftern scharf ge­ladene Pistolen mit sich. Das war damals noch gebotene Vorsicht. Ein paar lange Reiterpistolen, stark beschlagen, waren auch im Besitz .meines Vaters.

Jas Kriegstagebuch d s japanischen Kapitän- teutnanis Mrutaka.

Unter dem TitelDer Akazuki vor Port Arthur" hat sei« Kommandant ein Kriegstagebuch veröffentlicht.*)

Wir lernen in Nirutaka einen Torpedoboots komman- danten der japanischen Flotte kennen, der in diesem Buche seine Erlebnisse von Beginn des Krieges an bis zum Untergang des Petropawlowsk vorführt. .Er war bei dem ersten Angriff vor der Kriegserklärung auf die russische Flotte vor Port Arthur beteiligt und schoß .dabei die Patlada und den Zesarewitsch an. Tann begleitete er mit demAkazuki" die ersten Sperrdampfer und wird hernach während der Reparatur seines Bootes auf das SchlachtschiffFuji" versetzt. Auf diesem macht er eine Be­schießung von Port Arthur mit, wobei derFuji" von einer 30 Zentimeter-Granate schwer getroffen wird und er selbst mit knapper Not dem Tode entrinnt. DerFuji" mußte in Dock und Nirutaka kommt auf feinen inzwischen wieder reparierten Akazuki". Er hat verschiedene blutige Gefechte mitgemacht. Durch seine kühnen Taten wird er zuletzt zu dem Amt eines Sperr- dampferführers ausersehen. Die fürchterlichen Strapazen dieser Tat nötigen ihn, das Hospital aufzusuchen und eine Wunde aus- ' heilen zu lassen.

Mit Genehmigung der Verlagsbuchhandlung lassen wir nac^, stehend einen Abschnitt aus dem Buche folgen.

Gelbes Meer, den 23. u. 24. März.

Tie Beschießung hätten wir also mal wieder hinter uns und der armeFuji" hat wieder etwas abgekriegt. Allerdings nicht er allein, sondern auchAsahi", und ein kleiner Kreuzer? dessen Namen wir noch picht wissen, soll sogar cm Sinken ge­wesen fein. Tie Sache spielte sich ungefähr folgendermaßen ab:

Wie man sich denken konnte, haben die Torpedoboote in der Nacht vorher keinen Erfolg gehabt, konnten auch gar keinen haben, denn derRetwisan" liegt noch immer als vorgeschobene Küstenbatterie an der Einfahrt, es ist ein Wachtdienst von Kreuzern, und ich glaube, Kanonenbooten eingerichtet. Die Scheinwerfer fuchen ununterbrochen die Reede ab, wie also soll ein Torpedoboot da angreifen können? TerRetwisan" wäre auf .der Reede tatsächlich das einzige Objekt, und an ihn ist nicht heranznkommen. Sonst sind auf der Reede keine Schiffe, die man an greifen könnte. Glaubt Admiral Togo etwa, daß die Torpedoboote durch die Einfahrt in den inneren Hafen laufen sollen? Es sähe ihm ähnlich, denn er hat, soviel ich weiß, nie etwas mit Torpedobooten zu tun gehabt.

Nachdem also die Torpedoboote sich auf unsere Linienschiff« zurückgezogen hatten, und dann per Signal nach den Miautau- Jnseln detachiert worden waren, dampfte das Geschwader in Schuß- fbeite heran. Wir,Fuji" undJaschima", erhielten den Be­fehl, uns vom Geschwader fortzubegeben, uns hinter das Vor­gebirge von Lianttschan zu legen und von da ein indirektes Feuer auf Stadt und Hasen zu eröffnen. Jedenfalls wollte der Admiral das Feuer der Russen teilen und womöglich etwas Ver­wirrung und Unruhe hineinbriugen. MM hatte dasselbe, schon neulich gemacht und stundenlang über die Berge weggeschossen, ohne das Ziel sehen zn können. Ob man was dabei getroffen hat, wissen wir nicht. Aber damals haben die Kreuzer, die vor der Reede lagen, es behauptet, daß sie gerade die Aufschläge der indirekten Schüsse deutlich gesehen hätten.

Wir und derJaschima" legten uns also hinter Lianttschan zu Anker und nun wurden die Geschütze ganz hoch, so hoch tote möglich gerichtet, und nach Plan, Karte und Schtißtafel ausgerechnet, wie man das unsichtbare Ziel treffen könnte. Ich hatte dabei immer die unzeitgemäße Kindheitserinnerung im Kopf, wie ich mit Steinen über ein Haus hinüberwarf, um einen Mann zu treffen, von dem ich wußte, .daß er auf der anderen Seite mit irgend welchen Arbeiten beschäftigt war. Wir hatten noch nicht angefangen, das Feuer zu eröfsnen, denn es war nötig, den Ankerplatz zu verändern und die richtige Ent- seruung .herauszubekommen, da plötzlich heulte und Pfiff es durch die Lust und hundert Meter von uns schlug klatschend ein schweres Geschoß von ihnen ins Wasser hinein. Es prallte nicht ab, wie die flach aufschlagenden Granaten immer tun, .und so war sicher, daß die Russen sich ebenfalls, aus indirektes Schießen eingerichtet, uns beobachtet hatten, wie wir vorn Ge­schwader detachiert wurden und nun uns auf diese Weise zuvor­kommend empfingen. Nach wenigen Minuten folgte ein zweiter Schuß, welcher auch nicht weit entfernt einschlng, und nun waren wir auch so weit, das Feuer beginnen zn können.Ja­schima" und wir schossen abwechselnd und hatten unsere Visier« so gestellt, daß .wir immer einen gewissen Raum unter Feuer nahmen. Nach der Karte den Jnnenhasen, die Stadt und di« naheliegenden Forts von Pott Arthur. Man merkt aber doch, daß die Schiffsgeschütze und vor allem das Schiff nicht für Steilfeuer gebaut find, und lange würden die Unterbauten der Geschütztürme diese Geschichte wohl nicht anshalten. Man merfte bei jedem Schuß die kolossale Erschütterung aller Verbände, Es ist ja auch ganz nattirlich, denn je höher bte Geschützmündung

*) Es ist soeben im Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn erichienen und kostet sehr hübsch ausaestattet nur 1 Mk.