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kleinen Solisten unseres gefiederten Frühlingschors, herüberklingend in unsere arm gewordene, öde Welt wie aus dem Traumland des Paradieses.

3. Kapitel. t

Wünderfchön ist der Sommer gewesen. Auch jetzt, gegen Mitte August, sind die Tage oft noch sommerlich warm, wenn auch die Nächte zuweilen empfindliche Kühle bringen. Der Laubschmuck der Säume zeigt nur hin und wieder einige Verfärbung. Die Stimmung der Landwirte ist eine sehr gehobene. Der eingebrachte Vorrat an Heu und Klee reicht für den Winter und darüber hinaus, die Roggen­ernte ist gut ausgefallen, in üppigem Grün prangt die Wintersaat, Hafer und Gerste und besonders der Flachs versprechen reichliche Erträge. In den Dörfern lebt man herrlich und in Freuden. Das Jubilieren und Trinken^ das Liebeln und Freien ist im besten Schwünge. Kommt es dabei auch oft genug zu tüchtigen Schlägereien, was tnt's? Ohne solche fehlt doch dem ganzen Vergnügen die rechte Würze. Mitunter hört man auch von größeren Aus­schreitungen, von schweren Körperverletzungen. Gemeinde­verwaltung, die Polizei in Stadt und Land, Landhaupt­leute, Untersuchungsrichter, Gerichte aller Instanzen, auch sie merken die Segnungen des fruchtbaren Jahres in viel­fach gesteigerter Amtstätigkeit. Der Bauer hat ja auch im ganzen keine besondere Furcht vor all den großen Herren. In schlimmen Fällen hofft er auf milde Geschworene und, wenn er das Geld nicht sonderlich zu sparen braucht, auf gewandte Verteidiger.

In einer ziemlich entlegenen Gegend des Kveises, wo die örtliche Gemeindeverwaltung und der Pogost mit seinem Kirchhof nahe beieinander liegen und um sie herum sich mehrere große Dörfer mit zahlreicher und meist gut situierter Bevölkerung gruppieren, werden die Augustferer- tage ebenfalls ausgiebiger als sonst gefeiert. Besonders hoch wird es diesmal hergehen in dem größten dieser Dörfer, zum Fest der Himmelfahrt der Mutter Gottes am 16. August. Die jungen Leute dieses Dorfes sind über­eingekommen, an diesem Feiertage alle Nachbardörfer zu übertrumpfen. Und sie halten ihr Wort. Ihr Führer ist diesmal der allbekannte Iwan Prokofjew, der einzige Sohn des reichen Prokofji Dementjew, der in jener Gegend eine weitverzweigte Verwandtschaft und auch sonst großen Anhang besitzt. ,

Iwan ist beliebt bei alt und jung, ist aber ein sehr windiger Patron und ein rücksichtsloser Schürzenjäger. Ihn kümmert es wenig, daß sein Vater ihm streng verboten hat, mit dem alten Wafsilji Küsmitsch und dessen Familie zu verkehren, da er mit diesen: Nachbar, einem ebenfalls recht wohlhabenden Manne, schon längst in bitterer Fehde liegt. Er weiß, daß wegen Grenzstreitig ketten, unbefugter Benutzung von Weideland und sonstiger Schikanen, sein Vater und Wiassilji Küsmitsch einander schon mehrmals in verschiedenen Gerichtsinstanzen verklagt haben, oft ab- gewiefen, zuweilen aber auch bestraft worden sind, und daß ihr Verhältnis gerade jetzt das denkbar schlechteste ist. Trotzdem besucht er den Nachbarn und verkehrt mit dessen Sohn Pawel und der Tochter Lisa ganz harnilos. Scheint ja auch der alte Wafsilji die Feindschaft, die er gegen seinnen Vater hegt, auf ihn, den lustigen Iwan, bis jqji mcht übertragen zu haben.

Seines schmucken Aeußern wegen ist Iwan, der einzige Sohn und einstige Erbe des alten Prokofji, in allen Häuser::, namentlich wo es heiratsfähige Mädchen gibt, sehr gern gesehen. Er denkt freilich noch an nichts weniger als ans Heiraten, obgleich die Eltern ihn schon längst gern als soliden Ehemann gesehen hätten. Noch gefällt er sich prächtig in der Rolle eines dörflichen Don Juans, der bald mit diesem, bald mit jenem Mädchenanbandelt", u::d auch bei verheirateten Frauen, wenn sie ihm der Sünde wert erscheinen, den Tröster zu spielen liebt. So hat er auch seit einiger Zeit mit Wassiljii Küsmitsch Tochter angebandelt", mit der Lisa, einem blutjungen, allerliebst ausfehenden Mädchen, das naiv genug ist, in ihm sogar einen ernsten Bewerber zu sehen, trotz der zwischen ihren Vätern bestehenden grimmigen Feindschaft, und trotzdem daß eic, der unverbesserliche Leichtfuß, gleichzeitig auch ihrer jungen, äußerst stattlichen Stiestnutter stark den Hof macht. Der alte Wassiljii Küsmitsch war nämlich, nachdem er längere Zeit als Witwer gelebt, vor einigen Jahren eine zweite Ehe eingegangen, mit einer elternlosen Waise Katja

Terentjewa, die als sehr lebenslustig bekanüt war, und' den alten, wohlhabenden Witwer nur geheiratet hatte, um als Frau noch bequemer als früher ihren Gelüsten zu sröhnen. Ob dem alten schweigsamen Wafsilji die kleinen Seitensprünge seiner Katja bekannt sind, oder ob er sich noch immer ihrer dankbaren Treue ganz sicher glaubt^ das weiß niemand im Dorf.

(Fortsetzung folgt.)

Erinnerungen aus derguten alte» Aeit".^)

(Nachdruck verboten.)

Wer nnr unsere Verkehrsverhältnisse, unseren Handel und Wandel von der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an in ihren verschiedenen Wandlungen und in ihren unermeßlich großen Fortschritten kennt, der wird die nachfolgenden Schilder­ungen aus der Jugendzeit eines noch Lebenden kaun: glaublich finden und doch sind sie auf Wahrheit beruhend. Mein Vater war Staatsbeamter und wurde 1832 pensioniert. Da er ein recht schönes Haus mit Oekonomiegebäuden und Gärten in einem Marktflecken Oberhesseus besaß, dazu Aecker und Wiesen, so zog er mit Frau und vier Söhnen dorthin und betrieb die Landwirt­schaft. Er konnte zwei Pferde halten und mit diesen in einer Kutsche mit uns auch manchmal eine Vergnügungsreise antreten. TaS war nun auch nicht so leicht. Denn chauffierte Wege waren noch eine Seltenheit und eigentlich waren cs die großen Land­straßen allein, auf .welchen die Turrr und Taxis'sche PostEil­wagen" gehen ließ. Für die Kaufleute war dies besonders schlimm, denn auf. morastigen Wegen konnten sie in den später etngesührten lerchten Reisewagen Kunden nicht aufsuchen und mußten Bestellungen auf ihre Waren zu Hause abwarten. Dazu brauchte man Zeit. In unserer neuen Heimat, die noch keine direkte Verbindung mit den größeren Städten hatte, erschien nur Mittwochs und Samstags dasRanzeumännchen", ein Post­bote, der in einem großen Ranzen, aus Holz gebaut und mit Fellen überzöge::, die Briefe von der nächsten Post, kleinere Pakete. und dasFrankfurter Journal" überbrachte. Diese alte, leider jetzt eingegangene Zeitung mit den: BeiblattTidaskälia" wurde von fünf Familien in- Gemeinschaft gehalteü. Unsere Wäscherin dieAnnamarie", eine sehr starke Person, wanderte jeden Samstag nach dem etwa 45 Stunden entfernten Hanau, auf dem Kopf einen schweren, mit Butter, Käse und Eiern be­ladenen Korb, .wogegen sie aus Bestellung Waren aller Art von den Krämern in Hanau eintauschie und am Montag an die Besteller ablieferte. Die Wilddiebe und Schmuggler imLangen Wald" kannte sie alle, .verriet aber keinen, .denn das würde ihr bös bekommen sein. Den Sonntag chatte sie nötig, um die vielen Schnäpse, die ihr in Hanau freigebig gespendet waren, verdunsten zu lassen. Sie blieb uns treu bis zu unserm Weg­zug und war ein'Muster von Arbeitsamkeit und Ehrlichkeit bei dem geringen, aber damals üblichen Lohn. Tas Geld war noch rar. Neben dem Ranzeumännchen erschien von Zeit zu Zeit dasZitronenmännchen" aus Gießen, ein kleiner Warenhändler, der seine Sache:: in zwei Körben von einem Esel in die Provinz tragen ließ. ,Er hatte vorzugsweise Zitronen, Feigen, Datteln, Rosinen u. dgl. und erregte durch sein Erscheinen jedesmal un­geheueren Jubel bei der Jugend; denn er schenkte uns, wenn die Eltern ihm recht viel abnahrnen, ein paar Feigen oder Datteln, Früchte, gereist in einer anderen Flur, in einem anderen Sonnenlichte, in einer glücklichen Natur. Ungern sahen wir das Eselchen mit seinem kleinen Herrn seine Wege wieder ziehen. Aber nach drei Monaten kam es ja wieder. Eines Tags blieb Eselchen und Männchen aus und niemals sah man beide wieder. Dies sei ihr Denkmal. Es kam eine Zeit, in welcher man mehr als früher die Notwendigkeit erkannte, bessere Straßen zu bauen, aber lange dauerte es, bis sie in Zusammenhang mit den großen Verkehrsadern, bei: Landstraßen, gebracht wurden. Bis dahin entwickelte sich der Kandel in anderer Weise, zumeist durch Hausierer auf dem Lande. In unserem Dorfe lebten drei Brüder namens Maier, Israeliten, von welchen der ältere und seine Ehegattin, die Kriselriffke, bei meinen Eltern personaü gratae waren. Die trieben Handel mit Schnittwaren, die der Mann in unser Haus brachte, .liebet die Preise wurdegehandelt", d. h. Maier forderte und schlug .natürlich etwas vor, die Eltern boten etwas weniger und Io kam der Verkauf zustande, indem Maier zum Schluß mit Resignation ausrief:Herr L., Sie solle mich genieße!"Das möchte nicht gutschmeckcn", meinte mein Vater. Wenn Maier mit seinem Warenpack über Land ging, so nahm er vorher zärtlichen Abschied von Kriselriffke mit vielfach wiederholtem:adiäis Kriselriffke", .bis sie wütend rief:adiäis du Narr". Man sieht hieraus, .wie vielgestaltig die Liebe sich äußert.; So toie Maier war später in einer (Stabt Oberhessens sichtbar ein alter Jsraelite, ein Hausierer: Kalme Levi Reis, dessen mancher Alte sich wohl noch erinnern wird und von dem viele recht amüsante Anekdoten existieren, deren Wieder­holen hier zu weit führen würde, r- Eine andere Erscheinung in

*1 Aus demHessenland" entnommen mit Genehmigung beS Verfassers.