— 518
Ich sicher nicht wieder zn Ihnen, denn wenn mein Amt auch Demut von mir fordert, so verlangt es doch nicht die Preisgabe meiner persönlichen Ehre."
„Sie und Demut!" rief ihnr der Major höhnisch nach, „bei mir verfangen diese Mätzchen nicht, bei mir nicht!!"
Frau von Höchstfeld ging händeringend auf und nieder.
„Erwin, um des Himmelswillen, wie konntest Du Dich mir so weit vergessen!" rief sie ganz fassungslos.
„Ich habe mich nicht vergessen, ich habe nach reiflicher Ueberlegung gehandelt!" tobte er weiter, „und froh bin ich, herzlich froh, so schnell Gelegenheit gefunden zu haben, diesem Menschen meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern."
Erich hatte sich bisher nur mühsam beherrscht, nun aber konnte er nicht länger schweigen, wenn er nicht in seinen eigenen Augen als Feigling gelten wollte.
„Du hast Dich in Deiner Leidenschaft zu einer ungeheuerlichen Beleidigung hinreißen lassen, Vater", sagte er fest, „denn dieser Mann ist die Lauterkeit selbst, dafür lege ich meine Hände ins Feuer."
Herr von Höchstfeld war geradezu sprachlos über die Kühnheit seines Sohnes. Er starrte ihn mit hervorquellenden Augen an, und mit vor Wut zitternder Stimme drohte er:
„Daß Tu Dich nicht noch einmal unterfängst, meine Handlungen zu kritisieren, sonst könnte ich vergessen . . ."
„Nicht weiter, Erwin", unterbrach ihn seine Frau mit ganz ungewohnter Energie, „der Junge hat das Recht seiner eigenen Meinung, er ist kein Kind mehr, und wenn er Dir nut schuldiger Ehrerbietung Vorhaltungen macht, so . . ."
„Ja, bist denn auch Du des Teufels?" fiel er ihr heftig ins Wort, „hat denn dieser Pfarrer auch Dich in seine Krallen bekommen?"
„Ich weiß nur soviel, daß ihn an Deinem Mißgeschick auch nicht das geringste Verschulden trifft, daß er darüber ebenso empört ist wie wir."
„Natürlich, weil er Mr das vorschwindelt, glaubst Du es auch gleich", höhnte er, „ich aber weiß, was ich mit meinen eigenen Ohren gehört habe, und wenn gar nichts anderes vorläge, so würde ich ihm schon deshalb die Dar gewiesen haben! Und nun bitte ich mir Ruhe aus, ich wünsche den Wmen dieses Menschen in meinem Hause nicht mehr erwähnt zu Höpen — habt Ihr mich verstanden?!"
„Jawohl, Vater, ich habe Mch verstanden", entgegnete Erich mit bebender Stimme, „ich werde mich darnach auch auch so weit als möglich richten. Eines mußt Du aber gleich wissen, damit Du nicht glaubst, daß ich etwas hinter Deinem Rücken unternehme; ich werde ihm sagen, daß Du nur für Mch gesprochen hast, daß ich aber nach! wie vor die größte Hochachtung vor ihm hege."
Herr von Höchstfeld brach in ein gellendes Lachen aus. „Oh, Mch durchschaue ich", pief er, „dahinter steckt diese Liebesgeschichte, zum Dank für seine Gelegenheitsmacherei ergreifst Du sogar gegen Deinen eigenen Vater Partei. Wer Du hast hie Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn während Du Dich Hier durch Deine unkindliche Respekts- Widrigkeit aus meinem Herzen losreißt, sind schurr meine Zeugen bei diesem sauberen Grafen, um in meinem Namen blutige Satisfaktion zu fordern."
Frau von Höchstfeld sank vor Entsetzen in den Sessel und sing laut zu jammern an.
„Hast Du ettoa gedacht, daß ich diesen Schimpf auf mir sitzen lassen werde", polterte er, „meinst Du etwa, ich hätte meine Mannesehre in der deutschen Heimat zurückgelassen? „Nein, nein, sie sollen mich kennen lernen, sie sollen erfahren, daß man Mit mir nicht ungestraft sein Spiel treibt", und als sie noch! immer nicht zu weinen aufhörte, ging er, die Tür hinter sich! dröhnend ins Schloß werfend/ wütend nach seinem Zimmer.
Erich eilte zur Mutter.
„Keine Angst, liebe Mama, es kann gar nicht so weit kommen", suchte er sie zu beruhigen. „Dem Grafen wird es ja gar nicht einfallen, für solch eine Gemeinheit, die er sicherlich streng ahnden wird, einzustehen! Er wird Papa seinen Abscheu über das Vorgefallene ausdrücken, und damit wird er sich zufrieden geben müssen!"
„Wenn Du doch Recht behieltest", klagte Frau von Höchstfeld. „Angenommen, es ginge wirkliche alles so aus und ich glaube es fast selbst — wie soll ess aber nur mit dem Pfarper enden?"
„Da sehe ich für den Augenblick selbst keinen Ausweg",
entgegnete Erich düster vor sich hinstarrend, „er müßt« ja kein Mensch er müßte ja der reine Engel sein, wenn er diese unglaublich«, diese ganz unfaßbare Insulte verzeihen könnte. Papa hat in einer Weise gewütet, die geradezu . . ."
„Nein, nein, mein Kind, Du darfst Deinen Vater nicht so kurzer Hand verurteilen", nahm sie ihren Gatten gegen den Sohn in Schutz. „Vergiß nicht, in welch schrecklicher Aufregung er sich befunden haben muß. Mit zwei Landstreicherinnen, die sie vor seinen Augen auspeitschten/ sperrten sie ihn in ein Loch und drohten ihm noch obendrein mit derselben Züchtigung! Es ist ja haarsträubend! Bedenke doch wenn Du nicht noch rechtzeitig hinübergekommen wärst und dieses Gesindel sich tätlich cm ihm vergriffen hätte!!"
„Das hätten sie keinesfalls gewagt!" widersprach Erich
„Kann man das wissen? Diesem Volk ist alles zuzutrauen", fing sie von neuem zu jammern an. „Vater muß ja furchtbare Stunden durchgemacht haben, und da ihm diese Kerle des Pfarrers Aeußerung absichtlich in falschem Zusammenhang hinterbrachten, so ist seine namenlose 'Wut nur zu begreiflich"
Erich bot ihr seinen Arm/ sie nach ihrem Zimmer zu geleiten.
„An uns aber ist es", sagte er dabei, „des Vaters Schuld so viel als möglich gutzumachen. Ich! reite jedenfalls sogleich hinüber- und wenn Du erlaubst- werde ich ihm auch Deine Sympathie ausdrücken."
„Ach Kind, ach Kind", seufzte sie. „Du ahnst es nicht, wie wehe es mir tut, nicht offen und spei auf die Seite meines Mannes stellen zu können: Mer Du hast rechtes ist dies das mindeste, was wir ihm schuldig sind —< sage ihm also, wie herzlich ich das Vvrgefallene beklage."
Der Major war indes etwas ruhiger geworden. Erichs unerschrockenes Eintreten für den Pfarrer, noch mehr aber die unverblümte Parteinahme seiner Frau gaben ihm doch zu denken. Er war aber in seiner Wut noch zu befangen/, um die Möglichkeit eines Irrtums von seiner Seite zu- zugeben, war vielmehr — je länger er darüber griibelte — um so fester davon überzeugt, daß sie sich in ihrer Beschränktheit von dem scheinheiligen Getue dieses Erzfeindes seines Hauses hatte übertölpeln lassen. Freilich, daß er ihn direkt hinausgeworfen hatte, tat ihm nun fast leid, zumindestens verdroß es ihn, da vorauszusehen war, daß sich die ganze Gesellschaft nun erst recht auf die Seite des Beschimpften stellen wiirde.
„Und wenn!" brummte er dann zornig, „ich pfeife auf diese Gesellschaft, mich verlangt nicht nach ihr — ich bin froh, wenn sie mich ungeschoren läßt."
Pferdegetrappel lockte ihn ans Fenster. Es waren indes" nicht die schon ungeduldig erwarteten Herren, sondern Erich, der eben zum Tor hinausritt.
Wohl ahnend, wohin der Weg den Jungen ftihrte, wollte er ihn schon zurttckrusen, als er es sich noch int letztem Moment anders überlegte.
„Nein, sie sollen sehen", sagte er sich, „daß ich niemandem, selbst meinem eigenen Sohn nicht, meinen Willen aufzwinge. Dies wird ihnen wohl klar vor Augen führen, daß ich "keineswegs ein Hitzkopf bin, sondern ruhig und sachlich überlege."
Und dann zog auch! noch, so etwas wie Mitleid für den JUngen durch sein Herz, dem er seine Träume von Liebe und Glück so grausam hatte zerstören müssen.
Wenn nicht dieses Mitleid gewesen wäre, würde er wohl auch schwerlich Erichs Auftreten so verhältnismäßig ruhig hingenommen haben, aber da es ihm das' Mädchen in s einer ungezwungenen Urwüchsigkeit selbst angetan hatte, so begriff er den Schjmerz und die bittere Enttäuschung seines Sohnes nur zu sehr und wollte deshalb nicht M streng mit ihm ins Gericht gehen.
AM meisten ärgerte ihn noch Erichs Begriffsstutzigkeit/ der noch demjenigen die Stange hielt, der einzig und allein an seinem Unglück schuld war. Wenn nicht diese dunkle! Geschichte mit dem Pfarrer gewesen wäre, in welcher dieser auch noch den Grafen hineinzuzieheu verstanden hatte, dann würde Erschs Werbung von Anfang an nichts im Wege gestanden haben.
Aber nicht genug daran, hafte dieser Mensch, den Wetter Karl so genau durchschaut hatte, seine Netze immer weiter über die seinem Hasse verfallene Famine ausgewvrfen. Selbst das Kind seines besten Freundes schönte er nicht.


