Ausgabe 
1.8.1904
 
Einzelbild herunterladen

452

zwischen Ankunst und Abfahrt der Züge liegenden Zeit nicht die Rede sein. Zwar kommt bei jedem Befördern von Gepäck eine gewisses Maß von Aufbewahrung in Frage. Im vorliegen­den Falle handelte es sich aber nicht um eine Aufbewahrung während der Ausführung .der Beförderung; das Ausbewahren bildete vielmehr einen selbständigen Teil in der Leistung. des Gepäckträgers und stellte sich als durchaus gleichwertig neben die Beförderung, sodaß in Wirklichkeit ein Auftrag mit gernisch- tem Inhalt vorlag. Auf einen derartigen Vertrag kann sich die Haftpflicht der Eisenbabnverwaltung Nur insoweit erstrecken, als er die Beförderung .des Gepäckes zum Inhalt hat. Die toeit.rgehende Vertragsleistung des Gepäckträgers fällt unter dessen eigene Verantwortung. Die Bahnverwaltung haftet als Verwahrer nur dann für die Aufbewahrung des Ge­päcks, wenn dieses in der zu solchem Zwecke errichteten Auf­bewahrungsstelle niedergelegt ist.

Es mag Ja freilich das Einbringen des Handgepäcks zur Auf­bewahrungsstelle und das Abholen von dort, namentlich6ei starkem Reiseverkehr, mit Unbequemlichkeit und Zeitverlust ver- bund.'n fein: aber es gewährt doch die erforderliche Sicherheit ftir dessen Verbleib und sichert jedenfalls die Ersatzpflicht der Etsenbahnverwaltung für eine etwaige Beschädigung oder gar den Verlust des Gepäcks, abgesehen davon, daß "sie billiger ist, wie die Annahme eines Gepäckträgers. Also Vorsicht in der Behandlung des Handgepäcks!

AieUäuöer der Schönheit."

Die grausame Barbarei, die. darin liegt, daß man armen Frauen ihr Haar abkauft, um reiche Damen damit zu schmücken, Mrd nicht nur im alten Rom geübt, sondern ist: auch heute noch sehr verbreitet, und der Handel mit Frauenhaar steht in Blüte. Reue- Maizeroy erzählt imGaulois" eine Szene, die er zu Motthslijas-sur-Oetlar in der Landschaft Vjvarais gesehen hat. An den alten, halbverfallenen Wällen haben die Käufer des Frauenhaars ihre engen Hütten gufgeschlagen, vier Pfähle, dje fnit einer Wachstuchdecke überspannt sind, einen Lehnstuhl und ginen Kasten, aus bem sie allerlei billige Kostbarkeiten her­ausnehmen, und im Sonnenlicht funkeln dann billige Ohrringe und glitzernder Tand vor den begehrlichen Augen. Aus allen Teilen Frankreichs kommen dieseRäuber der Schönheit" heran- gefahren, und sie suchen in den gedehnten Tönen der Pariser Boutevardhändler, in dem Dialekt, wie er auf den Quais von Marseille gehört wird, hie Bäuerinnen zu perlocken und anzU- ziehen die aus den hochgelegenen Ortschaften herabsteigen. Und nun beginnt ein Kampf in den Minen der jungen Frauen, sie wünschen sich mit bem glitzernden Zeuge zu schmücken, doch sie Müssen dafür die Schönheit ihres Haares hingeben, alle die blonde, braune und schwarze Pracht, hie sie sonst so stolz beim Tanz und Kirchgang unter dem kleinen Häubchen, mit bunten Bändern aufgeschmückt zu tragen gewohnt sind. Doch eine nach .der anderen gibt dem Drängen der fremden Männer nach und läßt sich auf dem Sessel niedet, .um ihre Flechten der grausamen .Schere preiszugeben. Der Mann läßt ihr keine Zeit, sich zu besinnen; mit gierigen Fingern .hat er im Nu die Nadeln aus ihrem Haar gezogen; nun hält.er die Locken in der Hand, er prüft die Dichte und Festigkeit, .läßt Lichter im Sonnenglanz äuffahren, prüft hie Reflexe und Spiegelungen, die in einem blassen Grund Wummern, die blauen Schatten, die das dunkle Schwatz reich und verführerisch machen, die Warmen .Tönungen, die ein Braun beleben. Er streichelt die Kostbarkeit, die ihnr bald gehören soll, und läßt sie nicht mehr 6U8 der Hand . . . Und die armen ihrer Schönheit beraubten Mädchen verlassen traurig .die Hütte, in der der Räuber ge­lauert: sie halten die harten Hundertsousstücke in den Händen und haben ferne Freude an dem Gelds. Andere haben große Tränen in den Augen, ..da sie .ein Teil ihres Selbst hingegeben haben. Doch manche jubeln auch über die erlangten..Kostbarkeiten, und manche, die zurückgewiesen sind, weinen, weil sie für ihr Haar nicht die sehnsüchtig begehrten Dinge einhandeln können. Da kommt mit eiligen Schritten ein kleines gebrechliches Ting- chen von 17 Jahren mit frischen, .rosigen Wangen und hellen, .unschuldig großen Augen herbei, und sie Littet den Menschen, der ihr eben die leuchtende Haarkrone geraubt:Ach gebt mir doch wenigßens eine schöne Locke. Ich will sie meinem Bräutigam schicken. Der ist bei den Soldaten, und man sagt, daß im Kriege eine Locke Glück bringt. Und er !vird mich noch lieben, trotz- dem ich mein Haar verkauft, wenn er etwas davon besitzt." Da hätte man viel |u tun, .wenn man darauf hören sollte", antwortet der rohe Mensch,das gibt's nicht". .Und sie nimmt eines der Geldstücke, .die sie von ihm empfangen, und kaust nun ein. wenig ihres eigenen Haares wieder zurück und schlüpft Wrt, selig, wenigstens ein Pfand für beit Geliebten gerettet zu haben von dem Reichtum, den sie verloren...

Teubner in Leipzig .erschienenen 2. Bande der Hessischen Blätter für Volkskunde, von. seinen Erlebnissen bei der Vermessung einiger Gemeinden des Kreises Alsfeld im Jahre 1865:Ich hatte der Bürgernieisterei in X.. gebührende schriftliche Mitteilung davon gemacht, daß das Werk der Vermessung der Gemarkung irt einigen Tagen beginnen werde, und um die Einberufung einer Gemeinderatssitzung gebeten, in welcher ich gedachte, der löblichen Gemeindeversammlung dse notwendigen Mitteilungen über die pflichtmäßige oder wünschenswerte Mitwirkung der Ge­meinde bei besagtem Werke zu machen. Ich war woUvorbereitet mit einem guten Vortrag über die Nützlichkeit, ja Notwendigkeit der Vermessung .im allgemeinen und der Gemarkung X. ,im be­sonderen. Ich trat in.das Beratungszimmer ein; es war das intime Zimmer des Bürgermeisters, der diesmal nicht auf dem Bette lag, sondern ordnungsgemäß oben an dem Tische auf einem Stuhle saß. .Rundum die Gemeinderäte. Es war schon ein erquicklicher Tabaksduft im Zimmer, da die Männer ihre kurzen Pfeifen rauchten. .Ich wurde lebhaft an eine Krieger­beratung der Sioux nach Fenimore .Coopers Beschreibung er­innert. .Braune, hagere Gesichter mit in die Stirn hängenden HaareN, .unbeweglich und int tiefsten Ernst. Mein Gruß wurde gemessen erwidert. ,Da sonst nichts erfolgte, nahm ich auf Die von mir ergangene Einladung Bezug und hielt ohne weiteres meinen Vortrag, eindringlich und mit jugendlicher Wärme. Schließlich proponierte und ' verlas ich den Entwurf eines Ver­trags zwischen mir und der Gemeinde betreffend die Vermark­ung der Eigentumsgrenzen (das war des Pudels Kern) und empfahl denselben zur geneigten Annahme und Unterzeichnung. Tiefe Stille. .Ich fragte, ob einer der Herren Gemeinde-, ratsmitglieder etwas zur weiteren .Erörterung oder Förderung der Angelegenheit vorzubringen habe oder ob noch irgendwelche Auskunft .meinerseits erwünscht sei. Tiefe Stille. Da war auch ich mit meinem Latein zu Ende und sagte:Ich glaube wohl, .die Herren wollen sich die Sache noch in Ruhe überlegen und ich bitte, mir mitzuteilen, .wann dieselben geneigt sein wer-, deN, in weitere Verhandlungen einzutreten. Einstweilen kann ich mich dann ja wohl entfernen." Ich ergriff Stock und Hut und da tat der.Herr Bürgermeister deN Mund auf und sagte: Met wern's üwwerlege". Ich empfahl mich, sehr enttäuscht und wenig hoffnungsfreudig. Draußen aber stand der Rechner und fragte nach dem Resultat der Sitzung. Ich teilte es ihm mit und et sprach die denkwürdigen Worte:Es sein laut er Oisse" (Ochsen); eine Stunde darauf aber brachte er mir zu meinem großen Erstaunen und zu meiner Freude den von Ge- tttetnberät und Bürgermeister unterschriebenen Vertrag. Dieser sicherte mir für das nächste Jahre einen guten Diätenverdienst neben der Gebührentaxe, die ich aus der Staatskasse erhielt und die dazumal geradezu schmachvoll war."

* Wagner-Gräber. Wir lesen intKunstwar t": Auf dem alten Johannis-Friedhof in Leipzig liegen zwei Graber,, die keinen Stein und keine Inschrift aufweisen und weder Stein noch Inschrift brauchen. Für die Masse sind sie nur zwei, grüne Wellen im Erdenmeer wie andere; wer sie aber sucht, weiß sie auch zu finden, und ihm sagt ihr grünes Epheuleben und die Akazie mit dem Vogelgezwitscher das Beste, was er hier hören mag. Ln diesen zwei Gräbern liegen Wagners Mutter. Johanna Geher und seine älteste Schwester Rosalie Marbach, die vornehme Künstlerin und für Wagner nach seines edlen. Stiefvaters Geyer Tod auch eine treue Fürsorgerin feiner Ju­gend. Der alte Johannis-Friedhof ist nur noch in Resten da. Schon aus der Nähe aber .droht mit Lastwageugerassel der. oberste Kommandeur heutiger Stadtbaukunst, dermoderne Ver­kehr". Mird er die Gnade haben, um diese grünen Inseln aus­zuweichen? Trotz üblen Gemunkels glauben wir: Ja, er wird es tun. Leipzig würde seinem Rufe als Pflegerin geistiger Güter und insbesondere solcher, die mit der Tonkunst zusammen­hängen, doch zu sehr schaden, wenn es diese Gräber vertilgest ließe wir möchten mit dieser Möglichkeit zum mindesten vor-, läufig noch gär nicht rechnen. Näher scheint nns die Gefahr, daß man die Gräber nach ihrer Entdeckung.durch das Bewußt­sein der Oeffentlichkeitmonumental" wirdhervorheben" wollest leben wir doch noch immer in einer Zeit, die sich würdige Schönheit meist erst da .vorzustellen vermag, wo irgend etwas Künstliches dazu kommt. .Wir sprechen dringend dafür, die Gräber zu lassen, .wie sie all die Zeit her gewesen sind und tote sie noch sind. ...... ......

Ergiinzungsrätsel.

Nachdruck verboten.

F.e.w..l.e.s..n.mD..k.nti... nt D . ch .. n I . H . nd . l . s . . . . t d . . W . l . . e . u . . n . . i .

Auflösung in nächster Nummer.

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schcu striiversttäis-Duch- und Stciudruckereß ..N. Lange, Gießen.

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.t Seid einig.

vevmrschtes.

-m ~ Gine Gemeinderatssitzung im Vogelsberg vor .40 Jahren. Ein hessischer Beamter erzählt in dem soeben bei