Ausgabe 
29.5.1903
 
Einzelbild herunterladen

316

Abstand umgeben von den Bauten weltlichen, irdischen Denkens und Tuns.

Der Justizpalast, der durch ein schönes' vergoldetes Eisengitter von der belebten Straße getrennt ist, inter­essiert durch seine nicht minder belebten Wandelgänge, durch die Salle des Pas-Perdus, einen mächtig gewölbten Säulensaal von gewaltiger Ausdehnung und last not least als Schauplatz der berüchtigten Prozesse in den asfaires Panama und Dreyfus. Die Sainte-Chapelle, eine Kapelle, die aus zwei übereinanderliegenden Kapellen be­steht, ist eine der anmutigsten Schöpfungen der Gotik, ein wahres Schmuckkästchen. Unvergeßlich muß jedem Be­sucher die obere Kapelle bleiben, wenn er bei Hellem Sonnenschein die farbentiefen Glasgemälde der fast ganz im Fenster aufgelösten Wandflächen in Zauberglanz er­strahlen sah.

Das Panorama des Sept Ponts bildete den würdigen Abschluß des Vortrags: ein herrliches Bild, das in einem Blick alle sehenswürdigen Bauten des mittleren Paris zu beiden Seiten des Flusses vereinigt.

Volkswirtschaftliche Früchte eines Himmelfahrtaussiugs.

Folgende rentablen Vorschläge hat uns ein Leser unseres Blattes übermittelt:

1. Rezept für Landgemeinden, um den G e m e c n d e s ä ck e l z u füllen. Wo auf einer Gemark­ung zwei Straßen in einer Entfernung von 400 bis 500 Meter einander parallel laufen, ziehe man von der einen Straße in der Richtung auf die andere einen Weg, der durch möglichst viele Geleisespuren seine Begangenheit kennzeich­net, aber 20 bis 30 Meter vor der anderen Straße in einer Wiese endigt. Alsdann lege man an schönen Sonn- und Feiertagen hinter einen Busch in der Nähe einen Feld- schützen. Des Sonntags senden nun die Städte ihre natur- durstigen Einwohner aufs Land. An der Falle angelangt, werden sie, um auf kurzem Weg zu der anderen Straße zu kommen, gewiß den toten Weg einschlagen. Kommen sie nun an das Wegende, so werden sie gewiß nicht, besonders wenn die Sonne brennt, die 400 Meter noch einmal zurück- laitfen, sondern die Straße durch Ueberschreiten der Mese zu erreichen suchen. In demselben Augenblick tritt der Schütze hinter dem Busch heraus und notiert die Gesetzes­verletzer. Rechnen wir auf den Sonntag 25 Gesetzesüber­treter, die Strafe etwa zu 2 Mk. (genau kann tch's nicht sagen, da der Strafbefehl noch nicht da ist), und etwa 20 schöne Sonn- und Feiertage aufs Jahr, so brächte die Mause­falle 1000 Mark im Jahre, eine schöne Summe, die den Prozentsatz der häßlichen Gemeindeumlagen sehr hinabsetzen kann. Probatum est.

2. Rezept für die an der Biebertalbahn wohnenden Gastwirte, um bald reich zu wer­den. Die Mebertalbahn hält bekanntlich ohne ersicht­lichen Grund auf jeder Station 810 Minuten. In über­füllten Wagen ist dieses Warten vor: geradezu tätlicher Langeweile. Die an der Bahn wohnenden Gastwirte sollten null zu jeden Zug Kellner mit Bier schicken; sie würden enteil reißenden Absatz haben, da jeder Fahrgast, nur um etwas Abwechselung zu haben, für ein noch so schlecht eiugeschenktes Glas noch so schlechten Meres gerne viel Geld bezahlen würde. Ich glaube,' daß sogar die eingefleischtesten Teetotalers, wie sie auf dem Antialkohol- kongreß auftreten, hier ein weiches Fühlen verspiiren und sich ein Bier kaufen würde. Also Probandum est.

Vermischtes.

* Eine treffliche Entscheidung fällte das Pa­riser Zivilgericht anläßlich eines Prozesses über Rück­gängigmachung eines MietsVertrages wegen Wanzenplage. Es heißt da wörtlich:In Berücksichtigung des Um­standes, daß der Sachverständige, wie das ja auch leicht verständlich ist, die Ziffer nicht festzusetzen vermochte, bis zu der Wanzen in einer Wohnung zulässig sind (denn wenn es' an Reinlichkeit gewöhnte Mieter gießt, denen der Auf­enthalt in Räumen, in denen selbst nur wenige Wanzen sind, unmöglich wird, so gießt es andere, die durch die tägliche Berührung mit dem Ungeziefer sozusagen ge­impft sind, und sich aus ein paar Wanzen mehr oder weniger nichts machen), in fernerer Berücksichtigung, daß

die Wanzen in ihnen günstigen Umgebungen sich überaus schnell vermehren, in Hinsicht ferner darauf, daß im Prin­zip festgestellt werden muß, wie unangenehm die Mieter durch das Vorhandensein dieses Ungeziefers berührt wer-, den müssen, und tote sie durch sie in dem ruhigen Ge­nüsse ihrer Häuslichkeit beeinträchtigt werden, da sie sich somit gezwungen sehen, täglich Kämpfe gegen die Wanzen! zu veranstalten, um sie los' zu werden, aus all diesen! Gründen erklärt das Gericht in dem vorliegenden Falle den Mietsvertrag für hinfällig und verurteilt den Haus­besitzer zum Schadenersatz von 50 Francs."

* Beckmann raus! Eine drollige Geschichte er­zählt man sich, wie dieKöln. Ztg." berichtet, von dein! 1866 verstorbenen berühmten Komiker Fritz Beckmann. Alsj dieser auf der Höhe seines Berliner Ruhmes stand, reiste er zu einem Gastspiel nach seiner Vaterstadt Breslau. Sein' Vater, ein biederer Töpfermeister, der noch nie in seinem Leben ein Theater besucht hatte, war nur auf vieles Zu-c reden zu bewegen, einmal einer Vorstellung beizuwohuen. Fritz Beckmann besorgte dem Alten einen Sperrsitz in der ersten Reihe und schärfte ihm ein, erst,wenn dreimal ge-> spielt worden" sei (das Stück hatte drei Akte), nach der Garderobe zu kommen, wo sich beide wieder treffen wollten. Als der Schauspieler nach dem zweiten Akt nach der Garderobe kommt, sieht er seinen Vater auf einem Stuhls in der Ecke sitzen, die Hände ringend, Ratlosigkeit und Ver­legenheit auf dem Gesicht.Nun, Vater, hat Dir's nicht gefallen, daß Du schon da bist?"Ach ja, das erschte Spiel war ja recht unterhaltsam".Ja, weshalb bist Du denn fortgegangen?"Hm, laß ock gutt sein, ich wer' der'sch nachher sagen!"O Vater, so red' doch!"Aber schrei ock nich a so was brauchen's denn alle zu hören? De Leute ha'n mich ja glei erkannt, und wce's Spies aus war, schrie'n se alle: Beckmann raus! Beckmanü raus! Ich hab' mich geschämt wie a Spitzbube und bi' nausgeloofen, und wie icy zur Tür draußen war, ha'ü se n och alle hinter mir hergeklatscht ich ha's wull noch gehört!" Mit Tränen in den Augen fiel Beckmann seinem Vater um den Hals und versuchte das Mißverständnis anf- zuklären aber ins Theater war der Alte nicht wieder zu bringen.

* Der Kai se r von China auf derBraut­schau". Die letzte Nummer desEcho de Chine", die hier eingetroffen ist, bringt folgende Mitteilung: Da der Kaiser noch keinen Erben hat, wünscht I. M. die Kaiserin- Witwe lebhaft, einige Mandschutöchter auszuwählen, die kaiserliche Konkubinen sein sollen. Am 1. des 2. Monats (8. März) haben sich auf Befehl der Kaiserin mehr als 500 Mandschumädchen int Palast versammelt, damit eine Auswahl getroffen würde. Die nicht Erwählten reisten am folgenden Tage wieder ab.

Literarisches.

Gießen und das Lahntal von der Lahnquelle bis zur Mündung. Bearbeitet von Heinrich Lu ersten itt Wetzlar. Verlag von Emil Roth in Gießen. Das mit 100 guten Illustrationen und mehreren Plänen und Karten ausgestattete Buch ist, loie wir erprobt haben, ein vorzüglicher Wegweiser bei den Wanderungen im schönen Lahntal. Der Text ist von kundiger Hand sehr klar und leicht verständlich geschrieben und enthält alles, was bei Fußwanderungen und Routen mit Benutzung der Bahn zu sagen ist. An allen Orten des Lahntales erhält der Fremde in gleicher Weise Belehrung und Ratschläge auf dem Gebiete, das er sich ansehen will. Recht nützlich und in bestem Tone geschrieben find die historischen Er­läuterungen, die der Verfasser da, wo es angebracht ist, gießt. Auf alle Denkwürdigkeiten liest man kurze, aber ausreichende Hinweise. Und das Lahntal ist reich an histo­risch interessanten Orten! Bon den größeren Städten, Marburg, Gießen, Wetzlar, Limburg, find kleine Kärtchen beigegeben. Die Pläne, die das Merkchen enthält, sind ebenfalls zweckentsprechend ausgestattet. Der Preis für das Mich, hübsch gebunden 2 Mk., ist nicht zu hoch,

Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.r HALM A ß I E LIST META

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Lrühl'schen UnivrrfititS-Buch- und Steindruüerei (Pietsch Erben) in Gießen.