Ausgabe 
28.9.1903
 
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zweiten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts, dieMora, tischen Wochenschriften", werden nicht müde, aus das Bei­spiel bekannter'Schriftstellerinnen und weiblicher Gelehrter zu verweisen, die dem vorhergehenden Jahrhundert ent­stammten: namentlich die Dacier, die Schurmann und Ger­traud Müller aus Königsberg. In einer dieser moralischen Wochenschriften, die Gottsched schon in seiner Frühzeit unter der weiblichen Maske derVernünftigen Tädlerinnen" herausgab, wird das Thema besonders lebhaft erörtert. Und immer aus dem Gesichtskreis des Rationalismus wird behauptet, ein wahrhaft gelehrtes Frauenzimmer werde erst recht eine vernünftige Mutter werden;ja, sie wird alle ihre anderen Pflichten, als Ehegattin, Hausfrau, Nach­barin, Freundin und Blutsverwandtin, aus eure tngend- haste Weise erfüllen lernen." Abermals Tugend als Folge der Gelehrsamkeit!

Die gelehrte Frau blieb aber nicht nur ein Lieblmgs- wnnsch der Zeit: sie begegnet uns leibhaftig, vor allem in einer Reihe geistreicher Fürstinnen. Boran, aus Leibniz' unmittelbarer Schule, Sophie Charlotte von Hannover, die erste Königin von Preußen. Enge Beziehungen zu Christian Wolf, zu Gottsched und andern Vorkämpfern der Aufklär­ung unterhält die Herzogin Luise Dorothea von Gotha; in Gottscheds Lehrbuch der Weltweisheit las sie z. B. jeden Morgen vor ihren Hofdamen, denen sie eswie ein Pro­fessor" erklärte. Weiter sind zu nennen Maria Antonie von Sachsen, Karoline von Baden, die Schwestern Friedrichs des Großen, darunter Wilhelmine von Bayreuth, und die unvermählte Anna Amalia. Auch sei die Nichte, Anna Amalia von Weimar, die dem Hause Braunschweig ent­stammte, nicht vergessen. Diese Fürstinnen, wußten nicht nur hervorragende Männer anzuziehen, sondern umgaben sich auch zum Teil mit geistig bedeutenden Hofdamen. So entstammen dem hannoverschen Hof: Aurora v. Königs­mark, die in Dresden nicht nur durch verführerische Schön­heit, sondern auch durch Geist glänzte, ferner das mit Sophie Charlotte nach Berlin verpflanzte Frl. v. Pöllnitz und Frau v. Bülow; in Gotha treffen wir Franziska von Buchwald, sowie diegeistvollenFrauen desDarm- st ä d t e r und namentlich des Weimarer Hofes. Unter den adeligen Familien, deren Damen in die engem ratio­nalistischen Ktei.se hineingezogen werden, spielt namentlich die des Grasen Manteuffel eine Rolle. Dieser Gönner Christan Wolfs und Gottscheds faßte die Wahrheitsfreunde zu einer Reihe von Organisationen zusammen, in denen sich Ernst und Scherz die Wage hielten. Seine Töchter figurieren neben der Gottschedin in demRegiment de Sans-Fayon" als Repräsentanten der einzelnen Kom­pagnien. Die Männer dieser Gesellschaft dienen imRegi­ment" als Offiziere. Werden diese Wahrheitsfreundinnen Mütter, schreibt man die Kinder sogleich in die Stamm­rollen desRegiments" als Kadetten ein . . . Auf Reisen werden den Komtessen von den Hauptleuten Episteln in Knüttelversen nachgesandt, überhaupt durchdringen sich die gesellschaftlichen und aufklärerischen Interessen.

Bor allem gehen gelehrte Frauen natürlich aus Ge­lehrtenhäusern selbst hervor. Jene Frau Erxleben, geb. Leporin, die unter besonderer Ermächtigung Friedrichs des Großen 1754 in Halle mit dem medizinischen Doktor­grad die ärztliche Approbation erlangte, war die Tochter eines Arztes, der sie früh in seine Wissenschaft und deren Ausübung etnsührte; inzwischen war sie Gattin eines Geist­lichen und Mutter von mer Kindern geworden. Häufig im Ausklärungszeitalter finden wir die gelehrte Frau an der Seite eines gelehrten Mannes, zugleich als Gattin und Arbeitsgenossin. Sprichwörtlich erscheint namentlich die bereits genannte Frau Gottsched als diegeschickte Helferin" Sr. Magnifizenz, die Tochter eines Danziger Arztes Kul- mus; sie schrieb schon mit 14 Jahren Gedichte, die sich in jener Zeit sehen lassen konnten. In einem langen Braut­stand übt Gottsched fortgesetzt einen bestimmenden Einfluß aus ihre literarische wie wissenschaftliche Fortbildung, sendet ihr Bücher und Musikalien, tauscht mit ihr Eindrücke von neuen Erscheinungen aus, vor allem weiht er seine Zukünftige in seine Arbeiten und Anschanungen ein. Mit der französischen Und englischen Literatur hatte sich die Külmus schon als Mädchen vertraut gemacht; als Gott­scheds Gattin erhält sie lateinischen Unterricht. Auch musi­kalisch vervollkommnet sie sich: ein Schüler Sebastian Bachs erteilt ihr Kömpositivnsunterricht. Indem sie sich fortbildet, produziert die gelehrte Frau ununterbrochen;

vor ihnen und wollte nicht weichen. Auch Thymert sah sie und sein Herz trauerte. Zu ihm erhob sie die fragenden vorwurfsvollen Blicke, die lieben Augen, die er seit ihrer Geburt in dem unschuldigen Gesichtchen gesehen, aber in ihren blauen Tiefen vermißte er den freundlich heiteren, sorglosen Ausdruck, sie schienen ihn mit der ernsten Frage zu verfolgen:Warum lässest Tu mich von den Fremd­lingen verunglimpfen? Was für ein Recht gab ich ihnen, mich wie ein Stück Ware zu besprechen?"

Und das ist's nun, was sie Kunst nennen", dachte er schaudernd bei sich selbst, während er fast mechanisch die Magen seiner Gäste beantwortete. Sie empfanden es, alle mehr oder weniger wie eine Erleichterung, als er seine Pfarrkinder zur Vesper herbeirufen mußte. Abermals stan­den die Freunde in der armen kleinen Kapelle, aber jetzt lag eine düstere Stimmung auf ihnen und Thymerts Augen blickten wie die eines verwundeten Tieres.

(Fortsetzung folgt.)

Die gelehrte Frau im 18. Jahrhundert.

Bis zur Leidenschaft tobt heute der Kampf um das Anrecht der Frau an Gelehrsamkeit. Wie alle übrigen Ge­biete der Frauenbewegung wird auch dieses allzu theo­retisch betrachtet, allzuwenig in geschichtliche Bedeutung gerückt. Und doch könnten Freund wie Feind manche Wasfe dem Arsenal der Geschichte enttlehmen und so verhüten, daß Erfahrungen erst beherzigt werden, nachdem sie mit eigenem Schaden gesammelt sind. Wieviel des Problema­tischen verlieren manche scheinbar moderne Forderungen, wieviel gewinnen sie aber auch an realer Begrenzung, so­bald das Zeitalter offenbar wird, dem sie charakteristisch entkeimen, mit dessen Beurteilung auch sie bis zu einem gewissen Grade stehen und fallen! Erkennen wir, daß die weibliche Gelehrsamkeit schon eine Art kurzer Blütezeit hinter sich hat, und daß diese in das Zeitalter des Ratio­nalismus und der Ausklärung sällt, so ist die problema­tische Erscheinung auf ihren natürlichen Boden gerückt; wir sehen sie aus einer bestimmten geistigen Disposition unseres Volkes hervorgehen und in einer höhern Einheit der deutschen Geistesentwicklung aufgehen.

Zwar einzelne gelehrte Frauen hat es fast zu allen Zeiten gegeben, aber weitere Kreise ergreift die geistige Bewegung in Deutschland erst mit der Aufklärung. Erst sie zeitigt eine über die gelehrte Zunft hinausgreifende Blüte der weltlichen Mldung freilich eine einseitige Schätzung der Verstcmdesbildung als Inbegriff aller geistigen Kräfte. Lehrte nicht die Leibniz-Wolffche Philosophie, das Uebel könne von dem grundgütigen Gotte nicht gewollt fein, es habe keine selbständige Existenz, es sei nur ein Mangel an Vollkommenheit? Je vollkommener der menschliche Ver­stand sei, desto klarer könnte er die natürlichen Folgen lasterhafter, böser Handlungen einsehen und vermeiden. Bildung macht tugendhaft! Soll die eine Hälfte des Men­schengeschlechts von dem Wege zu der gottgewollten Tugend abgeschnitten fein?

Gottsched, der eine führende Stellung in diesem ganzen Bildungskampfe einnimmt, findet eine der vornehmsten Ursachen, warum die meisten Weibspersonen so unwissend und lasterhaft seien, darin, daß die Auferziehung meisten­teils dummen Weibern und unverständigen Müttern überlassen bleibe, die Väter sich aber so wenig oder garnicht darum bekümmern, wie die Töchter wohlerzogen werden möchten. Frau Gottsched, seine geschickte Helserin, behauptet, gerade die häuslichen Pflichten: der Gehorsam gegen die Männer, die Besorgung des Hauswesens und die Erziehung der Kinder, erforderten eine gewisse philo­sophische Mldung. Denn zur (Erfüllung dieser Pflichten ge­höreeine genaue Kennttns der Gemüter, eine philo­sophische Einsicht in die Natur unserer Handlungen und ein wrises Vorhersehen der aus denselben entspringenden Fol­gen. Ja, wir müssen auch setzt sie hinzu ein richtiges Erkenntnis von der Natur des Guten und Bösen, von Tugenden und Lastern haben." Damit war eine gelehrte Bildung, der Fran auch außerhalb der gelehrten Berufe gefordert, ja, betont, daß schon im Hause für die Frau Raum genug zur Betätigung höherer Mldung sei. Die notwendige Folge solcher Anschauungen der aufklärerischen Kreise war die eifrige Propaganda für die Zulassung der Frau zum gelehrten Studrum. Die Mödezeitschristen im