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1903. — Nr. 47.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
Erster Barch.
1. Kapitel
Der „Blaue Löwe".
Das Meer und der Wohlstand hatten Stroan zusammen verlassen. Als die Wellen ficfy von ihm zurückzogen, eine ilde Strecke von Sand da hinterlassend, wo einst ganze Flotten vor Anker gelegen hatten, war die damals blühende Stadt trotz kräftiger Anstrengungen, ihre alte Ueberlegen-- heit neu zu beleben und zu behaupten, herabgekommen und in Verfall geraten.
Weit und breit im Lande war kein anderer Ort mit so gewundenen Straßen, so mit Moos überwachsenen Steinen, so in Schlaf versunken und hinter der Zeit zurückgeblieben zu finden, wie es Stroan geworden war, als durch glücklichen Zufall das Golfspiel von Norden her eindrang und sich als Mode hier niederließ, Hatte doch jemand damals entdeckt, daß die öden und unfruchtbaren Sandflächen zwischen dem Meere und Stroan vortreffliche Spielplätze abgäben. Gäste fingen an, einzutreffen, und sich in einem nagelneuen Hotel niederzulassen, das eigens zu ihrer Bequemlichkeit errichtet worden war, und ein kleiner Hauch tätigen Lebens fing wieder an, sich in den engen, gewundenen Gassen zu regen.
Unter den Zureisenden trafen an einem warmen Septembertage auch drei Freunde von London ein, deren Eifer für das Golfspiel durch verschiedene andere Bestrebungen, bet jedem seiner Neigung entsprechend, gemäßigt wurde.
Otto Conybeare, der älteste von ihnen, war Journalist und besaß literarischen Ehrgeiz von keiner zu flüchtigen Art; er benutzte seine freie Zeit, sich sowohl in Prosa, wie in Versen zu versuchen, woran dann seine Begleiter schneidende, wenn auch nicht scharfsinnige Kritik ausübten. Er war ein großer, dünner Mann von dunkler Haut, mit scharf- Seschnittenem Gesicht und einer Adlernase, der von den eibeit anderen als Vorkämpe und Führer angesehen wurde.
Willie Jordan, der jüngste der drei, war kurz und leider auch fett, mit krausem, lichten Haar und einem riesigen rotbraunen Schnurrbarte, den er als Wahrzeichen seines Berufs, er war Künstler, sorgfältig pflegte.
Clifford King, der letzte des Trios, war ein Gerichts- advokat, dem bis dahin noch niemand eine Verteidigung anvertraut hatte. Er war ein dunkelhaariger, blauäugiger, aufgeräumter junger Bursche, den jedermann gern hatte und an den alle seine Freunde mit einer Zuversicht glaubten, die nicht ohne Grund war, denn Clifford hatte Verstand und harrte nur der Gelegenheit, eS zu zeigen, die allen
denen nicht ausbleibt, die auf die rechte Art zu warten bett stehen.
Sie waren erst fünf Tage in Stroan, als der kleine Gott Kupido bereits den Einklang der Freunde gestört hatte.
Willie war natürlich das Opfer.
Immer war es ja Willie, der ein Paar hübschen Augen, mochten sie schwarz, blau oder grau sein, nicht zu widerstehen vermochte, sodaß, als er von der Gesellschaft des alten Obersten Bestal angezogen, darauf bestand, diesen nicht gerade unterhaltenden alten Herrn von dem Spielplatz, nach seiner drei Meilen entfernten Wohnung zu begleiten, Clifford und Otto Winke austauschten; und nachdem sie ausfindig gemacht, daß der Oberst eine Tochter hatte, ohne weiteres glaubten, mit Erfolg in das Geheimnis der Höflichkeit Willies eingedrungen zu sein.
Und mit Recht über Willies Falschheit entrüstet, da dieser junge Mann geringschätzig von den Reizen Miß Bostalz gesprochen hatte, beschlossen Otto und Clifford, die Fährte des Verräters bis zu seinem Schlupfwinkel zu verfolgen.
Dies führten sie an einem sonnigen Nachmittag aus, als der gerade Weg über die urbar gemachte Marsch zwischen Stroan und Shingle End in dickem weißen Staube lag.
Sie kannten des Obersten Haus von außen, da sie oft daran auf dem Wege von Stroan nach Courtstairs, der nächsten Stadt, vorübergegangen waren. Es lag ungefähr eine halbe Meile über dem „Blauen Löwen", dem malerisch an der Straße zwischen Stroan und Courtstairs gelegenen Helbweggasthause. Der Oberst war, wie er Sorge trug, jedermann wissen zu lassen, sehr arm, und sehr ärmlich kam seine Wohnung den forschenden Augen der beiden jungen Leute vor, als sie Ringelten und lange warten mußten, ehe jemand, ihnen zu öffnen, erschien.
Shingle End war ein hübsches, aber baufälliges Haus, das links an der Ecke zweier sich kreuzenden Straßen stand. Es war einst weiß gewesen, Vernachlässigung und rauhes Wetter hatten aber daraus ein scheckiges Grau gemacht, während zerbrochene und verstäubte Fenster, wacklige Läden und verwilderte Bäume und Sträuche zusammenwirkten, dem Orte ein ödes, verlorenes Aussehen zu geben.
Hinter dem Hause war ein Garten mit einem Hühner- hos und einem eingehegten Stück Land, und Otto hatte im Vorübergehen den Obersten unter einem Apfelbaum seine Zeitung lesen sehen, während das Flattern eines Frauen^ gewandes int Hintergründe zwischen den Bäumen ihren Verdacht zu bestätigen schien.
„Wir haben den Schurken in seinem Schlupfwinkel aufgestöbert!" frohlockte Otto, da sie auf ihr zweites Klingeln un Hause endlich Fußtritte hörten.
Als aber die Türe sich öffnete, schwand ihre Zuversicht, denn vor ihnen stand eine weibliche Gestalt von mindestens vierzig Jahren, klein, mager, armselig gekleidet, von steifem Wesen, langsam im Reden, in ein Paar Gartenhandschuhen


