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blicke trommelte sie müßig auf dem Fensterbrett, dann ging sie mit einem raschen, leichten Seufzer zum Klavier zurück. Während des Gehens machte sie von Zeit zu Zeit eine rückende Bewegung mit dem Kopfe, wie Schulmädchen, die zu viel Haare haben. Die Ursache dieser nervösen Be­wegung war ein wundervoller, goldener Zopf, der bis weit unter ihreir Gürtel hinabhing.

Katharina Lanowitsch vergötterte fast ihr Haar. Sie wußte, daß unter zehntausend Franett nicht eine ihr in dieser weiblichen Pracht gleichkam, wußte es ebenso zweifel­los, als sie wußte, daß sie häßlich war. Der letzteren Tatsache trat sie mit einer unerschütterlichen, kalten Ueber- zengung gegenüber, die durchaus nichts Weibliches an sich hatte. Sie sagte nicht, daß sie häßlich sei, um Widerspruch zu erregen, sondern sie sprach gar nie darüber; sie war in dieser Ueberzeugung ausgewachsen, und da sie über jedem Zweifel stand, so stand sie aucy außerhalb jeder Erörterung. Ihre ganze Weiblichkeit, ihre ganze Eitelkeit schien sich aus ihr Haar zu kouzentrieren. Es war ihr eiuziger Stolz, vielleicht ihre einzige Hoffnung. Schon manche Frau ist wegen ihrer Stimme geliebt worden; Katharina besaß eine sehr melodische Stimme, lies und stark, leidenschaftlich, zärt­lich, wenn sie wollte, faszinierend, allein nicht zum Ver­lieben. Wenn eine schöne Stimme Liebe erzeugen kann, warum nicht auch schönes Haar?

Katharina verachtete alle Männer, bis auf einen, den sie anbetete. Tag und Nacht erfüllte sie ein einziger, großer Wunsch, gegen den Himmel und Hölle bloße Worte waren, und diesen Wunsch berührte weder die Hoffnung auf den einen, noch die Furcht vor der anderen. Sie wollte, daß Paul Alexis sie liebte, rind als echtes Weib klammerte sie sich an ihren einzigen weiblichen Reiz, ihr wunder­volles, goldenes Haar.

Sie setzte sich ans Klavier, und ihre starken, kleinen Hande rissen jeder Saite gleichsam das Herz aus. Es gibt Leute, die die Saiten zum Sprechen bringen, als hätten ste Stimmen, und Katharina Lanowitsch besaß diese Kunst. Sre spielte nur ein russisches Volkslied, eine einfache Melodie, wie man sie an Sommerabenden aitS jeder Schenke hervorklingen Hört; aber sic flößte ihr eine echt russische Seele em, jene Seele, die die verhängnisvolle Kraft, stumm und geduldig, zu leiden, wie eilten Fluch mit sich herum- tragt. Ste wiegte sich nicht' hin und her, wie manche tun, wenn ste mm Rausch der Musik aufgehen, sondern sie saß ganz aufrecht da, ihre stämmigen, breiten Schiultern be­wegten sich nicht, und ihre seltsamen Augen starrten still, beschaulich in die Ferne.

Plötzlich hielt sie inne und sprang auf, ging aber nicht ans Fenster, sondern blieb lauschend neben dem Klavier stehen. Aus dem schmalen Wege vor dem Hause waren deutlich Husschlage zu hören, die iminer näher feinten, und eine gewisse Unsicherheit verriet, daß das Pferd erschöpft sei ri_r.»ich glaubte schon, er wäre es", flüsterte sie und setzte sich atemlos nieder. ' e

Als die Jungfer ein paar Minuten später eintrat, saß Katharina am Klavier. 1 '

Ein Brief, Komtesse!"

'^e9' ihn auf den Tisch", sagte Katharina, ohne auf- Mblicken; ste spielte gerade die Schlußakkorde eines Nok-

Dann stand sie langsam auf, wandte sich um und griff aSw Briefe wie eine Verhungernde nach dem Bissen Brot, ^n ihren Augen lag ein wolfsartiger Ausdruck

Steinmetz!" rief sie, als sie die Adresse erblickte. Steinmetz? Warum schreibt er nicht?"

Sie riß den Brief auf, las ihn durch und behielt ihn wahrend sie mit zerstreuten, sinnenden Augen über die endlosen Fichtenwälder hinwegblickte. Die Sonne war gerade untergegangen, und die fernste Reihe der Fichten hob sich wie dre Zähne einer Säge in schwarzem Relief

^ostgen Hrmmel ab. Katharina Lsanowitsch sah zu, wie die Röte m ein perlartiges Grau überging.

tote Frau Gräfin erwartet die gnädige Komtesse zum 6tünme *« Smofcr MMch aus K

Ich komme."

unter der Geißel der Cholera, und die fidf) in ihren steinernen Mauern * "ar Furcht und flehte ihre Tochter unauf­hörlich an, nach Petersburg zurückzukehren--

Es war schon beinahe finster, als Karl Steinmetz und

der Moskauer Doktor in dem kleinen Dorfe anlangten, wo der Starost, ein einfacher russischer Bauer, sie vor der Schenke erwartete.

Nun, Starost", sagte Steinmetz in gebieterischem Tone. Wir können nur eine Stunde in Thors bleiben. Das ist der Doktor aus Moskau, und wenn ihr ihm gehorcht, werdet ihr im Dors bald keine Kranken mehr haben. Zeig' uns zuerst die ersten Häuser, aber rasch! Du brauchst Dich nicht zu fürchteu; wenn Du nicht Lust hast, hineinzugehen, kannst Dn auch draußen bleiben."

Während sie durch die unregelmäßige Dorfstraße schritten, erklärte der Moskaner Doktor dem Starost in. nicht sehr gemäßigten Ausdrücken, wie es seine Art war, worin die Ursachen der Krankheit lägen. Hier wie in Osterno waren Schmutz und Vernachlässigung die Grund- lage alles Unheils. Hier, wie in dem größeren Dorfe, glichen die Häuser mehr Ställen für Vierfüßler, als den Behausungen menschlicher Wesen.

Ter Starost blieb vorsichtig vor der Tür des ersten Hauses stehen, während Paul furchtlos eintrat, Steinmetz aber aus der Schwelle wartete und die Tür offen hielt.

Während er so stand, bemerkte er, daß ein flackerndes Licht näher kam. Es war offenbar eine gewöhnliche Hand­laterne, und aus der schwingenden Bewegung konnte man leicht entnehmen, daß ihr Träger rasch ausschritt.

Wer ist das?" fragte Steinmetz.

Wahrscheinlich die Gräfin Katharina, Euer Gnaden."

Steinmetz warf einen Blick in die Hütte, die ziemlich dunkel war, da nur eilte einzige Petroleumlampe darin brannte. Pauls riesige Gestalt, die sich über einen Haufen faulender Kleider in einem Winkel beugte, ließ sich nur undeutlich unterscheideu.

Besucht sie denn die Hütten?" fragte Steiiimetz in scharfem Töne.

Ja, Gott segne sie! Ste fürchtet sich nicht, sie ist ein Engel, und ohne sie wären wir alle längst tot."

Ta hinein soll sie nicht, wenn es in meiner Macht steht", murmelte Steinmetz.

Das flackernde Licht kam näher, und nach ein paar Minuten beleuchtete es die armselige Hütte, den Starost, der auf der Straße, und Steinmetz, der auf der Tür­schwelle stand.

Sind Sie es, Herr Steinmetz?" fragte eine tiefe, melodische Stimme aus dem Dunkel.

Zn Befehl", antwortete Steinmetz, ohne sich zu be­wegen.

Katharina trat näher. Sie trug einen langen, dunklen Mantel, einen dunklen Hut, kleine Handschuhe und brachte einen sauberen, aromatischen Geruch von Desinfektions- mitteln mit sich. Die Laterne trug sie selbst, während hinter ihr ein livrierter Bedienter mit zwei großen Körben ging.

Es ist sehr gut von Ihnen, daß Sie uns in unserer Not beistehen und auch deu guten Doktor überredet haben, mitzukoiumen", sagte sie.

Wir können nicht viel tun", antwortete Steinmetz, indem er die ausgestreckte kleine Hand in feine großen, breiten Finger nahm.Aber auf das Wenige können Sie immer rechnen."

Tas weiß ich", antwortete sie ernst und wollte an ihm vorübergehen; aber Steinmetz stand stockstill, indem er mit seinem behaglichen Lächeln auf sie niedersah.

Wie geht es Ihnen?" fragte er wie gewöhnlich in deutscher Sprache.

O, natürlich gut", antwortete sic mit einem gleiche- gültigen Achselzucken.Mir geht es immer gut, ich bin stark wie ein Pferd. Natürlich ängstige ich mich wegen dieser armen Leute. Es ist schrecklich; sie sind ärger als Kinder, und ich kann wirklich nicht verstehen, warum Gott sie so straft; denn sie haben niemand etwas Böses zu- gefiigt. Ich habe getan, was in meinen schwachen Kräften stand; meine Mutter interessiert sich, wie Sie wissen, nicht sehr für unsaubere Dinge."

Die Fran Gräfin lieft französische Romane und die belletristischen Erzeugnisse der modernen Engländerinnen", meinte Steinmetz ruhig.

Ja, aber ehrlicher Schmutz ist ihr ein Greuel", sagte Katharina kalt.Kann ich hineingehen?"

Steinmetz rührte sich nicht.

Ich glaube nicht; dieser Moskauer ist sehr exzentrisch, er liebt es, Gutes sub rosa zu tun, und Aeht es vor» allein zu sein."