Nr. 109.
1903.
SarmMg den 25. Juli.
ifiSR M
£0^
WW
ML
M^DW
(Nachdruck verbaten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
Steinmetz dachte wieder nach, denn die Sache stimmte rhn ungewöhnlich ernst. Man hatte diesen dicken Deutschen schwerlich für einen gefühlvollen Menschen gehalten; nichtsdestoweniger wäre es ihm lieber gewesen, wenn Paul Katharina Lanowitsch geheiratet hätte, statt Etta Beaumont, bloß weil er der Ansicht war, daß die Erstere ihn lrebte, was er bei der Letzteren nicht voraussetzte. Vom praktischen Standpunkt aus wußte Karl Steinmetz zu viel über Etta, um (tu die Reinheit ihrer Beweggründe zu -glauben; er hatte sie scharf im Verdacht, daß sie Paul feines Geldes wegen und wegen der Stellung, die er ihr in der Welt bieten konnte, heiraten wollte.
„Wir müssen uns in acht nehmen und die Gefahr, der wir uns aussetzen, klar überdenken, ehe wir zu einem Entschlüsse kommen", sagte er. „Für Sie bedeutet das Risiko einfach eine nichtoffizielle Verbannung; denn nach Sibirien Faun man Sie schwerlich schicken, weil Ihr Vater ein Engländer ioar, und dies impertinente England einen gr-oßen Lärm zu schlagen pflegt, wenn man einen seiner Sohne anrllhrt. Mer mau faitn Ihnen den Aufenthalt m Rußland unmöglich machen und diesen armen Teufeln, ^hren Bauern, mehr Schaden tun, als wir denken. Was Mich betrifft", fügte er, seine breiten Achseln zuckend, hinzu, „so bedeutet mein Risiko Sibirien; denn ich bin bereits verdächtig, eine persona ingrata."
»Ich sehe nicht ein, wie wir uns weigern können, Katharina zu Helsen", entgegnete Paul mit einer Stimme, die Steinmetz zu kennen schien, denn er gab plötzlich nach.
. „Wie Sie wollen", sagte er, richtete sich auf, zog etiien kleinen Tisch heran, und nahm sinnend eine Feder zur Hand. Paul sah ihm schweigend zu.
Als der Brief fertig war, las Steinmetz ihn laut vor: „Meine liebe Katharina!
Ter Moskauer Doktor und Ihr ergebener Diener werden heute abend um 7 Uhr in Thors eintreffen. Wir wollen etwa eine Stunde im Dorfe zubringen und bitten Sie, dem Starost Befehl zti geben, auf uns zu warten.
unsere Zeit beschränkt ist, und wir in Osterno sehr ^^ stnd, müssen wir auf das Vergnügen verzichten, im
vorzusprechen. Der Fürst läßt sich Ihnen emp- 1®?- gedenkt, iii ein paar Tagen von Ihrer Gin-
.^brauch M machen. Mit meinen Empfehlungen an °te Aufm Ihr alter Freund Karl Steinmetz."
Mit dem Briese in der Hand wartete Karl auf Pauls @er,e Ä Welt weiß, daß das Wohl der Barlern Ihnen gleichgiltig ist", erklärte er. „Es wäre ganz unnatürlich, wenn Sie plötzlich so großes Interesse
zeigten und aus lauter Barmherzigkeit nach Thors gingen.^ Paul nickte zustimmend.
„Ich sehe es ein, obwohl ich gestehe, daß ich manchmall vergesse, ivofür ich eigentlich gelte."
Steinmetz lachte behaglickp während er den Bries w. sammenfaltete und zur Tür schritt.
„Ich werde ihn abschicken", sagte er.
11. Kapitel.
In. Thors.
Unter den Fenstern eines langett, niedrigen, steinernM Hauses, das auffallend einer Festung glich, floß mit leisem! Rauschen der Oster dahin. Eins der Fenster stand offen, und eine wunderbare Musik tönte daraus hervor, um sich titit der Stimme des Wassers zu vermischen und im Flüstern der Fichtenwälder zu verhallen.
Es war ein kleines Zimmer, und unter den prächtigen Tapeten konnte man die Umrisse roh zugehauener Steine erkennen. Ueberall lagen Dinge umher, die einer Frau gehörten: in einer Vase auf einem niedrigen, starken Tische standen Blumen, an den Wänden befanden sich ein paar gute Stiche, vor beit Feitsieru reiche Vorhänge, außerdem! waren niedrige Fauteuils, ein Sopha, ein Fächer zu sehen, — aber es war nicht das Zimmer einer Frau, und die Musik, die es erfüllte, die von beit rauhen Steinwänden widerhallte, war keine fraueichpfte Musik. Sie war mehr als männlich-, nicht irdisch, fast göttlich Es war Grieg, mit dem aussetzenben Schlag eines kranken, vielleicht gebrochenen Herzens, wie ihn bte Musik bieses Meisters gewöhnlich besitzt.
Das Mädchen war ganz allein, die Gegenwart einer anderen Person würde das,' was in den Saiten pochte, sicherlich zum Schweigen gebracht haben. Ganz plötzlich hielt sie inne, denn sie wußte, wie die wunderlichen, letzten Töne zu spielen sind, sie wußte etwas, was kein Meister sie gelehrt hatte. Einen Augenblick später drehte sie sich aus dem Sessel herum und schaute in das Licht hinaus. Es war Nachmittag, ein russischer Herbstnachmittag, und das rosige Licht verschönte ein Gesicht, über das sich selbst seine Eigentümerin, ein Weib, nie einer Illusion hiugeben! konnte. Es war breit und kräftig, mit zu weit attseinander- stehenden Augen, einer zu breiten und itiedrigen Stirn, einem zu schweren Kinn, einem zu entschlossenen Munde, Die Augen iuaren mandelförmig, tiefe, leidenschaftliche, blaue Augen in dem Kopfe einer Mongolin.
Die junge Dame horchte offenbar auf etwas. Sie warf einen Blick auf eine kleine, goldene Uhr auf dem Kaminsims, bann aus bas offene Fenster, erhob sich — sie war klein unb ziemlich breit gebaut — und ging ans Fenster.
„Jetzt muh er in ein paar Minuten zurück sein", murmelte sie vor sich hin.
Sie legte die Hand aus bte Stirn unb schob mit einer leichten, ungeduldigen Bewegung, in der vielleicht etwas! ivie eine große Angst lag, ihr Haar zurück. Ein paar Augen-


