432
eben int Volksmund Mamsell war gegenüber dem immer mehr auf die niederen Kreise eingeschränkten Jungfer. Nach dem Herausgeber der Werke Wielands war Baumgärtners Vorschlag der ganz deutschen Benennung der ledigen Bürgerlichen mit Fräulein um 1814 durchgedrungen. Nach den Zeugnissen der Literaturwerke rückt der Zeitpunkt tioch etwas hinaus. Jeait Paul, der früher Fräulein burchaus den Adelstöchtern vorbehält, hat Bürgerlichen diese Anrede zuerst im August 1820 gegönnt in einem Bericht über den geistvolle Adelige tmb Bürgerliche gleichmäßig umfassenden Kreis gebildeter Frauen, den die Herzogin von Kurland auf Löbichau bei Altenburg um sich versammelte, also offenbar nach dem Leben. Die meisten Zeugnisse bietet Goethe, der auch Töchter von bürgerlichen : Rittern des Geistes zuerst mit dieser Bezeichnung beehrt, zuerst in detl Rollenbezeichnungen des berühmten Maskenzuges von 1818, also öffentlich, und gleichzeitig wird in den Tagebüchern zuerst eine damalige junge Freundin, Adele Schopenhauer, die Schwester des berühmten Philosophen, so genannt, ivährend Künstlerinnen aller Art, selbst so gefeierte, wie die Szymanowska und Walewska, dauernd Mademoiselle blieben. Damit im Zusammenhänge sei noch angeführt: Das Wort „Fräulein" wurde im 17. und 18. Jahrhundert, noch bei Goethe, dem natürlichen Geschlechte entsprechend vielfach weiblich gebraucht, nicht bloß mit nachfolgenden Namen: „meine Fräulein B." (Goethe), sondern auch ohue solchen: „Manieren einer sich empfindsam zierenden deutschen Fräulein" (Goethe). Beides entsprichst dem heutigen schriftgemäßen Sprachgebrauche nicht mehr. Den Mundarten und der darin wurzelnden Umgangssprache mag man den freieren Gebrauch zugesteheu. So führt Schmeller im bayerischen Wörterbuche beide Geschlechter als volksüblich an; und wenn im Saargebiete ein Unterschied zwischen „d a s Fräulein" und „d i e Frän- leiu N." gemacht wird, so mag auch dies dem mundartlichen Gebrauche zugute gehalten werden. Aber ein Lehrer, der die Lehrer, der die Schriftsprache zu lehren hat, sollte diese Unterscheidung nicht als Regel aufstellen. Nur in einem Falle ist vor „Fräulein" die weibliche Form erlaubt, nämlich in der Verbindung „Ihre Fräulein Tochter" und bergt. Aber bas ist nur eine scheinbare Ausnahme; bemt bas Fürwort gehört int Grunbe zu „Tochter", unb „Fräulein" ist nur ein Höflichkeitsznsatz, der etwa auf einer Stufe steht mit Beifügungen tote „geehrte". Ein Fürwort aber, bas im weiteren Fortgänge ber Rebe auf „Fräulein" zurückweist, steht unbebenklich in weiblicher Form, so: „wenn bas Fräulein jetzt schon weiß, was sie zu Mittag speisen soll" (Lessing). Auch scheint uns nichts einzuwenben gegen eine Fügung wie diese: „wegen ihrer Gesunbung ist das Fräulein Ijier" (Gutzkow). Unmittelbare Aufeinanderfolge jedoch klingt uns heute hart, also nicht: „d a s Fräulein, welche. .
Gemeinnütziges.
Filzhüte zu waschen. Man reibe die Filzhüte mit einem Flanelllappen rein, der in mit lauwarmem Wasser verdünnten Salmiakgeist getaucht ist; beit Flanelllappen erneuert man, sobalb er schmutzig ist. Der Hut muß bann mit einem reinen io eich en leinenen Tuche trocken gerieben werden; nach der Reinigung bürste man beit Hut glatt. Man vermeibe, benselben zu naß zu machen, ba er sonst bie Form verliert. Schmutziges Hutleber reinigt man mittels eines Schwammes mit einer aus zehn Teilen Wasser unb einem Teil Salmiakgeist besteheuben Mischung.
Vermischtes.
* Ein „Freitheater", b. h. ein Theater, zu bem bie Zuschauer ueutgeltlich Zutritt haben, hat ein Berliner Hausbesitzer auf einem Stück Gartenlanb an seinem Hause eingerichtet. Das Pnbliknm besteht zumeist aus den Kohlen- und Balkenträgent ber umliegenden Lager- unb Stätteplätze mit ihren Frauen unb Kinbern, ferner Schaffell unb Hofarbeitern ber Straßenbahn, Straßenfegern re.
,unb Zuschauerraum ftttb von spartanischer Einfach- hett. Die Bühne ivirb im Hintergründe des Gartens dadurch gebildet, daß in der Nähe ber Wanb zwei Stuhl- pyramweti aufgestellt siub, bereit oberster Stuhl je ein Zehntilogewtcht trägt. Zwischen den Gewichten läuft eine «cyiuir, die ben einfachen, geblümten Kattunvorhang trägt. An jeibeit Stuhlpyramiben hängt, an bie Einfachheit bet
Syakespearebühne eriniternb, je eine Papptafel, deren linke mit Kreibelettern bie Inschrift trägt: ;,®itt Opfer des Kulturkampfes", Drama vou Reinholb T." (Der Verfasser ist eilt in ber Nachbarschaft wohnender Posthülfsbeamter.) Hieran schließt sich das Personenverzeichnis. Die Mimen sind zumeist Dilettanten und erhalten keine Gage. Die rechts hängende Tafel enthält die ohne Ausnahme von beit Zuschauern befolgte Mahnung, bei Strafe bes Hinaus- fliegens jebett Lärm zu vermeiden. Wenn die Dunkelheit; hereinbricht, erhellen mächtige Stalllaternen traulich das Dunkel der Laube. Es wird nur Sonntags gespielt. Sämtliche Plätze sind dann schon lange vor Beginn der Vorstellung von 80 bis 100 mstnter plaudernden Männern, Frauen und Kindern beseht. Die gespannten Mienen der Männer, das herzbrechende Schluchzen der Frauen bei Szenen, die in der hier gebotenen Darstellung bei blasierten Theaterbesuchern nur Heiterkeit Hervorrufen könnten, beweisen, daß es nur bescheidener Mittel bedarf, um weiche Stimmungen in ber Volksseele auszulösen. Sobalb es hinter ber geschlossenen Gardine läutet, gibt es auch Zwischenaktsmusik. Ganz vorn an ber Bühne hat ein im Vorderhause wohnender weißbärtiger Herr, ein pensionierter Beamter mit seinem Enkel Platz genommen, er bläst die Klarinette, während der Knabe die Ziehharmonika bearbeitet. Die „Hofmusiker" finden mit dem „Lied an den Abendstern" und Aennchens Arie „Leise, leise, fromme Weise" vielen Beifall, lieber den Schluß des dann folgenden Dramas kann nur soviel berichtet werden, daß ein Bruder, der nicht im Elternhause erzogen ist, seine Schwester liebt und mit ihr in den Tod geht. Der Beifall war sehr lebhaft. Doch ein Kassenstück wär es nicht.
Atunft.
— Dem Dichter des überall in deutschen Landen, insbesondere aber in Deutsch-Oesterreich und Tirol so überaus volkstümlichen Liedes von Andreas Hofer „Zu Mantua in Banden", Julius Mosen, toirb in seiner Heimat Ma- rieney im sächsischen Vogtlanbe ein Denkmal errichtet, zu welchem um 8. Juli, dem hundertsten Geburtstage des Dichters, ber Grunbstein gelegt würbe. Im modernen Deutschlanb ist Julius Mosen ein Halbvergessener geworden; und doch verdienen die Werke dieses hochbegabten Lyrikers, Epikers und Dramatikers — seit 1836 wandte sich Mosen bis zu seinem Tode, der 1867 in Oldenburg erfolgte, vorzugsweise dem Drama zu und im dortigen Großh. Theater wird bisweilen noch diese oder jene seiner Verstragödien, namentlich „Der Sohn des Fürsten" aufgeführt — der Ver- gesseuheit entrissen zu werden, schon allein mit Rücksicht! auf ihren edlen nationalen Inhalt, auf die freiheitliche Glut, ivelche sie beseelt, sei es nun, daß er den Ulrich von Hutten oder die Freiheitskampfe der Griechen oder endlich den Sandwirt von Passeier besingt. Unsere Zeit erfüllt nur eine Dankespflicht, wenn sie hundert Jahre nach der Geburt dieses auch von Goethe hochgeschätzten Dichters ihm ein Denkmal seines Ruhmes setzt.
Literarisches.
— „Die geschlechtliche AufklärunginSchnle und Haus" betitelt sich eine kurze, aber inhaltsreiche Broschüre von Frau HenrretteFürth inFranksurt a. M., die soeben im Verlag der Frauen-Rundschau zu Leipzig erschienen ist. (Preis 50 Psg.) In der modernen Jugenderziehung dürste es kaum ein wichtigeres Gebiet geben, als das der geschlechtlichen Aufklärung, und die mahnenden und warnenden Worte der Frau Henriette Fürth werden bei manchen Eltern und Erziehern auf wirksamem Boden fallen. Die Broschüre ist berufen, die auf offene sexuelle Erziehung in Schule und Haus hinzielende Bewegung der Gegenwart zu fördern.
— Mas sollen wir unseren Kindern zu lesen geben? Auf diese Frage, die sich Eltern häufig ausdrängt, können wir die Antwort geben: Bestellt in einer Buchhandlung die „Jugendgarbenlaub e", farbig illustrierte Zeitschrift für bie Jugend, Knaben und Mädchen. Verlag von E. Kempe in Leipzig. Vierteljährlich 1 Mk.
Logogriph.
Mil i im a ist's reichlich da!
Nun frisch voran, wer schießen kannl (Auflösung in nächster Nummer.)
Redaktion: August Götz. — NetalicuSirncl und L rrlcg der Vrülil'scheu iluivcrstlälL-lkuch- und C Icindruckerei. R. Lange, Gießen.


