Freitag den 24. Juli.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Noinan von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
9. Kapitel.
DerMoskauer Doktor.
„Kolossal!" ries Steinmetz leise, indem er mit einer geschickten Bewegung der Zunge die Zigarre von dem rechten in den linken Mundwinkel schob.
Es ivar beinahe ein Uhr morgens, und seit dem Diner hatte Karl Steinmetz nicht iveniger als fünf Zigarren geraucht, während er keine fünf Worte gesprochen hatte. Die beiden Männer befanden sich in einem kleinen Zimmer in der Mitte des Schlosses Osterno und waren mit dem Addieren einer ungeheuren Zahl von Ziffern beschäftigt.
„Wann wird dieser Narr endlich kommen?" fragte Paul mit einem ungeduldigen Blick auf die Uhr.
„Unser teurer Freund, der Starost, ist kein Sklave der Zeit", antwortete Steinmetz. „Er kommt spät."
Das Zinnner sah aus wie ein Bureau und hatte nicht weniger als drei Türen, von denen keine eine Klinke besaß. Jede Tür wurde wie ein Schrank mit einem Schlüssel geöffnet.
Osterno schlief, die Dienerschaft war längst zur Ruhe gegangen, und das große Schweigen Rußlands hüllte alles ein! Als daher plötzlich das klare, hustenähnliche Bellen eines Wolfes ertönte, blickten beide Insassen des kleinen Zimmers auf. Der Laut wiederholte sich, und Steinmetz erhob sich langsam von seinem Sessel.
„Jetzt glaube ich ivirklich, daß unser Freund int stände ist, einen Wolf oder Luchs an sich zu locken", sagte er. „Er macht seine Sache gut."
„Ich war Zeuge, wie er es tat", antwortete Paul, ohne aufzublicken. „Aber diese Kunst verstehen die meisten Jäger."
Steinmetz hatte das Zimmer verlassen, ehe er zu Ende gesprochen hatte. Eine der Türeit führte in einen größeren Raum, der als Sekretärszimmer diente, und von dort über eine kleine Treppe zu einem Seiteittore des Schlosses.
Ehe viele Minuten verstrichen waren, kehrte Steinmetz zuruck, und dicht hinter ihm kam der Starost, dessen schwarze Augen im plötzlichen Lampenlicht blinzelten und funkelten. Als er Paul erblickte, fiel er demütig auf die Knie nieder; allem Paul hieß ihn mit einer Kopfbewegung aufstehen. Der Mann gehorchte und.stellte sich an die getäfelte Wand, mdenr er zwischen sich itrib dem Fürsten einen so großen Zwtschenraum brachte, als es die Größe des Zimmers erlaubte.
„Ich höre, im Dorfe steht es schlecht?" sagte Paul kurz, bctnahe rauh.
„Die Cholera ist da, Euer Durchlaucht."
„Viele Todesfälle?"
„Heute elf."
Paul blickte rasch aus.
„Und der Doktor?"
„Er ist noch nicht da, Euer Durchlaucht. Ich Habs vor vierzehn Tagen um ihn geschickt; aber die Cholera ist in Oseff, in Dolja, in Kalischefsa, überall, und er hat 40000 Seelen unter sich. Er muß dem Semstwo gehorchen, hingehen, wohin man es befiehlt; da kann er sich um. mich nicht bekümmern."
„Ich weiß", unterbrach ihn Paul. „Und die Leute selbst — fangen sie an zu verstehen, befolgen sie meine Anweisungen?"
Der Starost hob flehend die mageren Hände in die Höhe.
„Erter Durchlaucht wissen, wie die Leute sind", sagte er. „Sie machen keine Fortschritte, für sie ist eine Krankheit wie die andere. ,Bog dal, Bog vsial', sagen sie. ,Gott hat es gegeben und Gott hat es genommen'."
Er hielt inne, und seine schwarzen Augen blitzten von einem zum anderen.
„Nur der Moskauer Doktor weiß mit ihnen umzu- gehen. Euer Dttrchlaucht", sagte er bedeutungsvoll.
Paul zuckte die Achseln und erhob sich, indem er einen Blick attf Steinmetz warf, der schweigend, mit seinem sonderbaren, spöttischen Lächeln zuschaute.
„Ich gehe gleich mit Dir", sagte der Fürst. „Es ist spät genug."
Der Starost verbeugte sich sehr tief, antwortete jedoch nicht.
Paul trat an einen Schrank und nahm daraus einen alten Pelzrock, der an den Säumen ausgefasert und an den Aermeln mit dunkelbraunen Flecken bedeckt war, — Aerzte kennen diese Farbe. Paul zog den Rock an, wickelte sich einen langen, weichen Seidenshawl, wie ihn die Russen im Winter tragen, um den Hals, so daß er den unteren Teil seines Gesichtes ganz verbarg, und zog eine Pelzkappe tief in die Stirn hinein.
„Komm!" sagte er.
Karl Steininetz begleitete sie mit einer Lampe in bet Hand die Treppe hinab, und schloß die Tür hinter ihnen, versperrte sie aber nicht. Dann ging er wieder in das stille, kleine Zimmer hinauf, setzte sich in einen tiefen Lehnstuhl und betrachtete die offene Tür des Schrankes, aus dein Paul Alexis feine einfache Verkleidung genommen hatte, mit einem duldsamen, humoristischen Lächeln.
„El senor Don Qilijote de la Maucha", mnrmette er schläfrig vor sich hin.
Als der Starost die Tür der elenden Hütte des Bauers Wassili Tula ohne llmstäiide anfriß, fuhr Paul ein wenig zurück. Die faule Luft, die aus der stinkenden Höhle herausschlug, war derart, daß menschliche Lungen sie anscheinend unmöglich ausirehmen konnten. Dieser Wassili


