Ausgabe 
24.4.1903
 
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nichts zwingen. Sie wissen, was ich zin. verkaufen habe, und Sie kennen den Preis; wenn Sie ihn nicht zahlen wollen, gut, so wissen Sie, wie ich mich selbst in Landes- miinze bezahlt machen kann. Nun will ich Ihnen Frist bis morgen abend geben. Wenn Sie mich morgen am Zaun Ihres Gartens erwarten, wo Ste, fürwahr! ganz sicher sind, denn ich meine es offen und ehrlich, und Sie mir gute Worte geben und höflich sind, so will ich's Maul halten und weder Ihre Fünfpfundnoten noch alle Detekters von London sollen mich zum Angeber machen. Wenn Sie aber anstehen, es zu tun, und es ist doch eine verwünscht kleine Sache, so viel Aufhebens davon zu machen nun, dann will ich meiner Wege zu Hemining gehen und mir die fünf Pfund holen, und Sie mögen erraten, was dann geschieht, wenn Sie's nicht wissen."

Als der Mann sie jetzt ansah, mit blutunterlaufenen Augen, den Kuß schon im voraus genießend, den, wie er meinte, sie ihm zu geben gehalten war, sank ihr das Herz. Er würde sicher nicht in diesem Ton zu ihr reden, wenn die Beweise, von denen er gesprochen hatte, nicht sehr stark waren.

Sie müssen mir Zeit zur Ueberlegung geben, stam­melte sie, indem sie die Angen abwendete, um seinen lüsternen Blicken nicht zu begegnen, aber immer seine Be­wegungen scharf im Auge behielt.

Sie fühlte einen heftigen Groll gegen Miß Theodora, die in ihrer gutherzigen Torheit sie dieser Verfolgung aus­gesetzt hatte. Glücklicherweise erschien nur einige Augen­blicke später diese Dame selbst, ivorauf Nell sofort den Mr- wand ergriff, das Teezeug zu holen, um aus dem Zimmer zu kommen.

Sobald sie. jedoch die Tür hinter sich hatte, eilte sie durch den Gang nach dem Hinterteile des Hauses, schlüpfte hinaus in den Garten rrnd rannte so schnell, als ihre Keinen Füße sie tragen konnten, nach Hause.

Da sie seine Gesellschaft so gern hat, mag sie sich eines Tete-a-tete mit ihm erfreuen", sagte sie zu sich selbst, nicht ohne Bitterkeit, daß ihre alte Freundin und Beschützerin sie in ihrem Eifer, den verlorenen Sohn zu bessern, hinter­gangen harte.

Ehe sie noch denBlauen Löwen" erreichte, hatte Nell ihren Entschluß schon gefaßt. Sie fühlte, daß sie eines zuverlässigeren, welterfahrenen Rates bedurfte, als den der gutmütigen, empfindsamen, engherzigen Miß Theodora. So schrieb sie einen kleinen Brief, den ersten, den sie ihm jemals geschickt hatte, an Clifford King und sandte ihn mittels sicherer Hand nach Stroan, um die Nachtpost noch zu erreichen.

Ihr Brief war sehr kurz,/da er nur folgende Worte enthielt:

Lieber Mr. King!

Wenn es Ihnen nicht zu ungelegen !väre, morgen hercch nach Stroan zu kommen, so würde ich sehr erfreut sein, Gelegenheit zu finden, ihren Rat in einer Sache in An­spruch zu nehmen, in der ich meinem eigenen Urteile nicht zu vertrauen wage und den meines Onkels nicht nachsuchen möchte.

Entschuldigen Sie meine Kühnheit, eine so große Gunst von Ihnen zu erbitten.

Ihre aufrichtige

Nell Claris."

Sie verbrachte hierauf eine schlaflose Nacht, indem sie sich mit der Frage quälte, was Jem Stickels tun, und ob Clifford, was sie zwar nicht sehr bezweifelte, auch kommen würde, und wie sie es ihm sagen sollte, wenn er käme.

Und am folgenden Abend, da sie schon alle Hoffnung, ihn zn sehen, aufgegeben hatte und die für das Zusammen- ttefsen von Jem Stickels anberanmte Zeit sich schon näherte, erblickte sie von ihrem Sitze druch die Tür des Wohnzimmers Clifford, wie er in die Schenkstube trat.

Nell sprang mit einem Keinen Schrei empor, und Clifford, der ihrer ansichttg wurde, errötete tiefer, als er es vom Gehen.gewesen ioar, und rasch durch die Schenk­stuke über den Gang eilend, stieß er die Tür des Wohn­zimmers Weiter aus und stand vor ihr.

Tas Mädchen hatte ihn so dringlich herbeigewünscht, daß all ihre kleinen mädchenhaften Künste des Erstaunens, der Gleichgültigkeit, der Zurückhaltung versagten; und er sah das Mädchen, das er liebte, mit dem Liebesgeständnis in ihren blauen Augen vor sich. Einen Augenblick stand er, sie betrachtend, da, von Ehrfurcht ergriffen, wie es

ein Liebender bei der Entdeckung sein mußte, wie viel schöner sie war, als er sie in der Erinnerung trug. Worauf er, rote es nicht unnatürlich war, ihrer Aufforderung, zu ihr zu kommen, eine größere Bedeutung, als beabsichtigt war, beilegend, sie in die Arme schloß, sie an die Brust drückte und ihr Gesicht mit Küssen bedeckte.

Nell stieß einen Keinen Schrei aus; sie meinte damit Bestürzung, Verwirrung auszudrücken, Clifford legte den Ton aber anders aus und küßte sie wieder und wieder.

O, Mr. King!" ächzte das Mädchen, sobald sie den Kopf weit genug zurückziehen konnte, um sprecheir zu können.

Sie haben mich mißverstatrden. Ich habe nach Ihnen nur, mir Rat zu erholen, geschickt. Ich"

Ich verstehe Sie wohl", entgegnete Clifford ruhig, ohne sie doch ganz von sich loszulassen.Und ich verlange danach. Ihnen die Kenntnisse meines Berufs zur Verfügung zu stellen, doch erst"

Er hielt plötzlich inne, mitten in seiner Rede von einem heftigen Auffahren Nells unterbrochen, die erschrockenen Blicks auf die Tür starrte, die in den Garten führte.

Ter obere Teil der Tür hatte Fenster, und sie hatte plötzlich bemerkt, daß ein Gesicht von außen daran gedrückt war.

Wer ist es?" fragte Clifford, als er sah, was die Auf­merksamkeit des Mädchens gefesselt hatte.

Und ohne auf Antwort zu warten, stürzte er durch die Keine Stube nach der Glastür. Nell sprang hinter ihm drein und hielt ihn ant Aermel zurück.

Es ist nichts. Lassen Sie's gut fein!" flüsterte sie furchtsam.Es ist nur Jem Stickels. Oefsnen Sie nicht die Tür."

Doch als Clifford unter dem Drucke ihrer dringenden Bitte innehielt, drang der Schall eines rauh hervorge­stoßenen Fluchs an ihre Ohren; das Gesicht wurde plötzlich' zurückgezogen, und im nächsten Augenblick fuhr mit einem lauten Krach von zerbrochenem Glas Jems Faust durch die Scheiben und versetzte Clifford einen Stoß auf die Brttst.

Nell fah, ehe der Schlag noch fiel, daß sich ent offenes Messer in der Hand des Fischers befand. Obschon sie auf den Geliebtten zustürzte und versuchte, ihn der Gefahr zu entreißen, kam sie zu spät. Mit einem Gehettl wilden Froh­lockens zog Jem fein mit Blnt bedecktes Messer zurück.

Z w e i t e r B a n d.

12. Kapitel.

Ein gefährliche r Zeuge.

Clifford iuar so ganz von Ueberraschnrig ergriffen, daß er int ersten Augenblick feine Werwnndung kaum inne ward. Im nächsten stieß er mit einem Rucke die Tür ein, und draußen Jem erblickend, der kaltblütig sein Messer an dem am Hause emporwachfeuden Ephett abwischte, ergriff er den Fischer mit einer Hand bei der Kehle, entriß ihm mit der andern das Messer und schleuderte es fort; ivorauf er den Mann mit solcher Gewalt von sich wegstieß, daß dieser hinstürzte und, mit dem Kopf auf einen Fenstersims schla­gend, bewegungslos liegen blieb.

Tann plötzlich von einem Gefühle von Schwindel er­faßt, der ersten Folge von ferner Verwundung, taumelte Clifford zurück gegen die zerbrochene Tür unb in Nells Anne.

Ach, es ist meine Schuld! meine! Ich hätte Sie nicht Bitten sollen, zu kommen!" jammerte sie, ohne weiter zu versuchen, ihre zärlliche Leidenschaft vor den Leuten zu verbergen, die von dem Lärm des .Handgemenges erschreckt, jetzt in die Stube hereindrängten.

George Claris gehörte ztt den ersten, die kamen und er runzelte beim Anblick Ciisfords, von dessen Ankunft er noch nichts gehört hatte, zornig die Stint.

So, Sie sind es also, Mr. King", rief er heftig ans, als er den Mann erkannte, den er als bett Urheber all seiner Verdrießlichkeiten ansah.Und was haben Sie jetzt wieder im Schilde geführt? he?"

O Onkel, Onkel, können Sie nicht sehen, daß er ver­wundet ist, schwer verwundet?" flehte Nell.Senden Sie nach dem Arzt. O bitte, gehe docb eines rasch nach dem Arzt oder er wird sich verbluten!"

George Claris verbarg nur schlecht die Tatsache, daß dieses Ereignis ihm eher zur Befriedigung als zum Ver-