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Tränen, und Richard Morgan mußte jede wertere Bemerkung unterdrücken.
Allein ehe die Woche zu Ende ging, war alle Ungewiß- cheit vorüber.
Ju einer kleinen Abendgesellschaft bei Frau Elliot wurde Aimee zu singen aufgefordert. Bereitwillig setzte sie sich an das Piano, und bald lauschte alles wie verzaubert der herrlichen Stimme, die das wehmütige Lied „Heimat, süße Heimat" mit wahrer Vollendung vortrug.
„Warum wählten Sie gerade dieses Lied?" fragte Richard, als es ihm später gelungen war, die Sängerin in denr kleinen Gewächshause ihrer Wirtin allein zu sprechen.
„Warum? — ich weiß es kaum. Vielleicht —" mit einem verräterischen Beben in der Stimme — „weil ich selbst keine Heimat habe."
^Ein Band zwischen uns", bemerkte er ernst und bewegt. „Tenn ich bin nur ein Wanderer und werde es vielleicht bis zum Ende meiner Tage bleiben, wenn ich nicht —, wenn ich nicht — ein Wesen finde —"
Etwas verwirrt brach er ab, aber ihre Augen begegneten einauder und die peinigen erzählten besser als Worte, was er zu sagen hatte. Heiß errötend senkte Aimee das Köpfchen unter seinem wartenden Blicke,' aber als sie nach einigen Sekunden schüchtern wieder aüfsah, las Mchard die ersehnte Antwort in den lieblichen Zügen. Er wußte, daß er von nun an eine Heimat habe in dem treuen Herzen einer liebenden Braut.
3. Kapitel.
So beglückt sich auch Richard Morgan fühlte in dem festen Besitze seiner liebreizenden Braut, so waren es doch recht ernste Gedanken, die ihm von nun an manche Stunden trübten. Sorglos, sich stets einer gewissen Unabhängigkeit erfreuend, hatte er bisher dahingelebt, und nun fiel es ihm chwer auf die Seele, daß er in seinem Berufe sich keine rchere Existenz geschaffen hatte. Weltklugheit hatte er nie wseffen und war stets mehr geneigt gewesen, zu brechen £3 zu bregen; nun machte er sich, vielleicht ungerecht bittere Vorwürfe über seine Vergangenheit. Seine Vermögens- losrgkert war die einzige Schranke, die sich zwischen seine baldige Verbindung mit Aimee stellte, und er grämte sich fast unablässig daxüber. Sie aber, vor der sein ganzes Inneres offen lag, suchte ihm alles leicht zu machen,' und pft gelang es ihrer sinnigen Heiterkeit, die Sorgen von seiner Miene und den Kumnler aus seinem Gemüt zu scheuchen.
„O, ich fürchte mich vor nichts, jetzt, da ich nicht mehr allein bin!" sagte sie ihm; und der Widerhall vergangenen Leid's in ihrer Stimme wurde von einer neuen freudigen Zuversicht übertönt, so daß er es als eine Feigheit empfand, den frohen Mut des jungen Kindes nicht zu teilen.
„Aber ich habe nie halb so viel verdient, als ich gesollt hätte, und gar keine Ersparnisse gemacht", beschuldigte er sich einst wieder, als sie an einem Märzabende in Sicht des großen weißen Hauses, sozusagen unter den Augen Von Aimee's treu besorgter, mütterlicher Freundin, unter dm knospenden Zweigen einer stillen Allee einherwandelten. ^,Sehr wenig ist mir von meiner Familie zugekommen; mem Liebling, Du wirst sehr arm mit mir werden!"
Sie schüttelte energffch das feine Köpfchen. „Mcht, was ich arm nenne, Mchard. Geld macht nicht all unfern Reichtum aus." ‘ 1
„Aber einen sehr schätzenswerten Teil davon, mein Kind; auf alle Fälle ein Etwas, das ivir nicht entbehren können. Um Deinetwillen wünschte ich mehr davon zu besitzen."
„Dann wünsche um meinetwillen nichts Derartiges", kam die rasche Antwort. „Das Geld macht so wenig glücklich, ich weiß es, Papa und ich hatten nie Viel davon, aber wir brauchten es nicht. Er schien immer zu fürchten, daß ich nach Reichtum Verlangeu trage, und warnte mich stets vor dessen Gefahren. Es freute ihn innig, wenn rch ihn versicherte, daß mir am Gelde nichts liege."
„Mer mein unpraktischer kleiner Liebling, Dein Vater kannte doch dessen Wert so gut, daß er hart arbeitete, um etwas für Dich beiseite zu legen."
„Ach, und ob er arbeitete!" sagte Atmee, und ihre Stirnme bebte in verhaltener Wehnnrt bei der schmerzlichen Erinnerung. „O, Richard, Du weißt nicht, wie er sich förmlich zwang, Jahr um Jahr nichts als Kopieen
anzufertigen. Nur für solcye sei er der Bezahlung sicher, sagte er stets; mit Originalen sei ein Risiko verbunden. Und _ es war alles für mich, und alles ging verloren. O bitte, laß uns mcht nach Reichtum streben, wir beide können ihr: recht gut entbehren."
„Wir beide" — er wiederholte die traulichen Worte, die für den Augenblick wenigstens seine Befürchtungen von der Zukunft zum Schweigen brachten. „Sei es denn so, mein Liebling, wir wollen tapfer unser neues Leben beginnen. Es müßte seltsam zugehen, wenn ich nicht bald ein passendes Heim für Dich bereiten könnte."
„Und darf ich dabei helfen?" frügte Aimee schüchtern. „Man sagte mir früher oft, daß ich durch Musikunterricht verdienen könne. Ich wünschte es stets, selbst als Papa noch lebte, aber er wollte nichts davon hören. Jetzt könnte ich es versuchen, während wir warten."
„Nein, mein Liebling", versetzte Mchard zärtlich. Wir werden nicht lange zu warten haben, und ich könnte es ebenso wenig ertragen wie Dein Vater, Dich in anderer Dienste zu sehen. Die große Frage ist nur die, wo wir unser Heim aufschlagen werden!"
„Wo? Ei, in England, bat Aimee, „ich sehne mich so, dort zu wohnen."
„Sei es denn in England, wenn sich das irgendwie ausführen läßt. Das Schlimmste ist nur, Leute meiner Art gibt es hort schon so viele und der Kampf um's Dasein wird deshalb doppelt so schwer sein, als anderswo."
Daun bestimme alles, wie Du es am besten findest", sagte Aimee. „Wer", fügte sie sehnsüchtig bei, „England gefiel mir so gut, als ich vor vielen Jahren mit Papa dort war. Er malte damals für ein Londoner Haus und nahm mich mit hinüber. Ich erinnere mich kaum noch an etwas, ausgenommen schöne Felder mit gelben Blumen, die wie kleine Glöckchen äussahen, und weiße blühende Heckenzäune. Ich meinte damals, es könne nirgends schöner sein auf Erden, und Papa versprach mir, wir würden dort wohnen, wenn wir reich genug wären."
„Und nun wirst Du mit mir dort wohnen, mein Liebling", tröstete Richard. „Lebte damals Deine Mutter noch?"
„O nein, ich erinnere mich ihrer gar nicht. Sie starb in Antwerpen, als ich noch ein kleines Kind "war. Bis zuletzt konnte Papa kaum vou ihr sprechen. Nur einmal sagte er mir, daß er mit ihr auch alles Verlangeu verloren habe, in sein Vaterland zurückzukehren. Doch als ich heranwuchs, und mich nach England sehnte, änderte er mir zu Liebe seine Pläne. Ein Jahr später waren ivir dort gewesen."
„Hatten Deine Eltern noch Verwandte dort?"
„Ich glaube nicht, wenigstens sprach Papa zu mir nie davon. Du siehst, außer Dir habe ich niemand aus der Welt."
„Wer mit mir fühlst Du Dich doch nicht so sehr verlassen?" fragte er innig und nahm als Antwort den langen Händedruck, mit dem sie sich trennten; denn vom nahen Kirchturme schlug es sechs Uhr, die Stunde, die Fräulein Osborne für Aimees Rückkehr festgesetzt hatte.
Wer am Wende des nächsten Tages erschien Richard Morgan im St. Marienhaus — wie Fräulein Osborne ihre Anstalt nannte — mit Nachrichten, die diesen kurzen Trennungen ein baldiges Ende verkündeten.
Des Morgens hatte Herr Colgville seinem englischen Gehilfen die Leitung eines neuen Unternehmens in St. Petersburg angeboten, und die Mttagspost hatte einen Mief aus England gebracht, der eine sofortige feste Anstellung in der alten englischen Stadt Nyrwich in Aussicht stellte, unter Bedingungen, die durchaus nicht unannehmbar waren.
„Also stehen Sie nun vor der Qual einer Wahl, meine Lieben", sagte Fräulein Osborne heiter, die auf ihren Ruf ans einem Labyrinth! von Miefen und Rechnungen von dein einen Ende des langen Gemaches zu der entfernten Ecke kam, wo Aimee ihre kleinen Schätze, Bücher, Bilder und eine viel gebrauchte Staffelei ausgestellt hatte. „Ueberlegen wir jetzt reiflich das Für und Wider beider Pläne", sagte sie Platz nehmend. „England öder Rußland? Letzteres gefällt mir, am wenigsten; also hören imr zuerst, was sich dafür sagen läßt." „
„Daß es eine sichere Anstellung für drei Jahre Ware , versetzte Richard Morgan — „mit einem festen guten Ge-


