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Stoff für sein Getratsch bieten müssen, wenn wir nicht in Vergessenheit geraten wollen. Eine Verlobung auf Kün­digung also, ich weiß nW, ob Sie mich verstehen!"

Nein, ich verstehe Sie nickt!"

Sie hatte sich ganz zurücksinken lassen gegen die Lehne der Bank; ihr Gesicht war sehr blaß geworden und ihre Lippen zuckten. Sie sprach auch jetzt noch so leise wie zuvor, aber mit so schneidender Schärfe, daß er sie er­schrocken ein paar Sekunden betrachtete, ohne eine Antwort zu finden. Auch enthob sie ihn dessen; denn sie selbst fuhr nach einen: kleinen, drohenden Schweigen fort zu reden.

Oder vielmehr, ich verstehe Sie nur zu gut! Von dieser Stunde an weiß ick, daß ich im Unrecht war, als ich Sie neulich um Verzeihung bat. Kein Wort hätte ich zurücknehmen sollen von dem, was ich über Künstlereitel'-- keit- und Künstlerselbstsucht gesagt habe. Darin versinkt und ertrinkt jedes andere Gefühl; sie allein bleiben und wachsen und morden, was ihnen nahe kommt. Sie er­füllen"

Ja, was habe ich denn verbrochen?"

Fühlen Sie es wirklich nicht mehr, welches Ver­brechen jawohl, Verbrechen Sie damit begehen, wenn Sie ein so frevelhaftes Spiel mit einer Empfindung treiben, die der Himmel dem Menschen als Höchstes und Köstlichstes ins Herz gelegt hat? Wer die Liebe und ihre Schöpfungen so zu persisilieren vermag, wie Sie es mit dieser Theatervorstellung getan haben, der beweist, daß fern Herz öde und leer ist, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt. Und, jene Dame, wie nahe muß sie Ihnen stehen, da sie sich ans diese Komödie überhaupt einließ! Wenn Sie mir also zumuten konnten, Ihnen zu helfen bei diesem sogenannten Liebesbrief"

»Ich bitte Sie, das war ja nur ein Scherz!"

,Es gibt Dinge, die über jeden Scherz erhaben bleiben müssen. Ter Tod, das Elend und die Liebe gehören dazu. Mir haben Sie heute Ihr Innerstes gezeigt: ich hoffe, Sre werden es nur ersparen, einen zweiten Blick in diese Welt -ohne Licht und Wärme und Wahrheit zu tun!"

Trotz der Leidenschast, die sie durchbebte, erhob sie die Strmme nicht während der ganzen Rede, bewegte keinen Fänger und zeigte auch jetzt, als sie aufstand, keinerlei Hast. Inmitten all der Lustwandelnden, die sich rings­umher der Sonne freuten, bewahrte sie so sehr Haltung und Ton der vornehmen Dame, daß niemand es ahnte: hrer wurde ein Gespräch geführt, das zwei Menschen trennen mußte für immer.

Mit ruhiger Würde hatte sich Edith erhoben, neigte rhren Kopf ganz leicht, kaun: merklich gegen den Sänger und schritt mit ihrem sicheren, ruhigen Gang dem Hause

Rauchmann hatte unwillkürlich die Hand zum Gruße erhoben, aber bevor er sie noch zum Hut hinauf gebracht hatte, ballte er sie zur Faust und ließ sie auf der Tisch­platte mederfallen.

Sv geh!" knirschte er zwischen den Zähnen. Wilder Zorn, wütende Empörung erfüllte ihn; "was wagte dieses Mädchen ihm zu bieten: Wer war sie, und was hatte sw geleistet, um ihn:, dem großen Künstler, so entgegen- zutreten?! Warum kreuzte sie immer wieder seinen Weg, und verdarb ihm Aufenthalt und Kur! Wenn sie doch abrersen möchte, sobald wie möglich! Nach Süden, nach Norden, wohin sie wollte; nur weit, weit fort und auf Nimmerwiedersehen!

, Seltsam bei diesem Gedanken eines Scheidens für immer mischte sich plötzlich ein anderes Gefühl in seinen Zorn, em jäher, stechender Schmerz, wie um einen großen Verlust. Und mit den: Schmerz zugleich- eine das Wut in die Wangen treibende Scham über das unwürdige Spiel, zu dem er srch hergegeben hatte. Nicht voll bewußt in dernselben Augenblick, er wehrte sicy dagegen und entfachte künstlich von neuem feinen Zorn, . aber doch vorhanden und kaum zu unterdrücken.

Ruhelosigkeit erfaßte ihn aufs neue; er stand aus, räumte seine Sachen zusammen und ging zum Hausein- gang hinüber. Und indem er es tat, umfing ihn wieder die dort im Sonnenschein ruhende Wolke von Goldlackduft, der Atem dieser unzähligen, kraftvollen Blüten, die selbst wie die kleinen Sonnen leuchteten. Heute legte sich ihm der süße Duft beklemmend auf die Brust; er fühlte nichts ton der sommerlichen Schönheit, die in -ihm wohnte. Wie

die Mahnung an etwas unrettbar Verlorenes drang er ans ihn ein, erfüllte ihn mit einem dumpfen Gefühl un­erklärlichen Heimwehs und trieb ihn rascher die Treppen hinan.

Sobald Edith sich unbeachtet sah, ließ sie die Maske der Ruhe fallen und stürmte vorwärts, ins Zimmer ihrer Mutter hinein. Tie Generalin hatte sich eben zur Mittags­ruhe behaglich zurechtgesetzt, schlief aber noch nicht; auch- konute die Müdigkeit ihren klaren Augen den sicheren Blick nicht rauben. Mit einem einzigen Anschauen erkannte sie den Zustand ihrer Tochter, hob ihren schweren Körper ein wenig- aus seiner bequemen Lage und sagte:So Kind, jetzt hab' ich's aber satt. Vorhin warst Tu weiß wie eine Lilie, und jetzt glühst Tu wie eine Jivse. Nun steh mir endlich Rede und Antwort: was fehlt Dir?

Nichts, nichts", versucy-te Edith zu stammeln, aber die Worte verklangen im Schluchzen. Weinend warf sie sich neben dem Sitz der Mutter auf die Kniee, drückte das Gesicht an ihre Schulter, und bat in halberstickten Tönen: Laß uns reisen, Mutter, bitte, bitte, laß uns reisen."

Ganz gewiß nicht, wenn Du weinst, wie ein Backfisch; Tu gibst Dich- so gern für einen fertigen Menschen aus, aber heute, Kind, heute kommst Tu mir ungeheuer jung vor. Vom Reisen ist gar keine Rede, wenn Tu mir nicht ganz genau erzählst, was vvrgefallen ist, und was in Dir vor­geht. Namentlich letzteres; denn das ist immer das Wich­tigere von beiden."

Und Edith erzählte, stückweise, unzusammenhängend, bald verlegen, bald zornig. Ms sie aber geendet, und zum Schluß noch, einmal gebeten hatte, reifen zu dürfen, da strich die Generalin ihr mit leiser, milder Hand über das gebeugte Haupt und sagte mit seinem Lächeln:Nicht wahr, Kind, Tu erinnerst Dich doch des Ausdrucks, den Scheffel gebraucht hat? Er gilt nicht nur für Männer, er gilt auch für Frauen, und auf Dich trifft er heute mit merkwürdiger Genauigkeit zu:die Edith- hat's".

Mutter!"

Ja, daran ist nun garnichts mehr zu ändern. Man muß nur zufeh'n, wie man damit fertig- wird. Denn alles Leugnen vor Dir selbst und vor anderen hilft absolut nichts dagegen: Tu liebst diesen Mann."

O nein, ich hasse ihn!"

Tie Liebe kommt in merkwürdigen Verkleidungen, und der Haß ist ihr die liebste darunter. Solch ein Haß aber schmilzt wie das Eisen in der Glut, zuweilen auch schon wie der Jrühlingsschnee an der Sonne."

Nein, nein, nicht bei mir! Aber wenn Du das glaubst, wenn Tu mich solcher Schwachheit für fähig hältst, so ist das immer noch ein Grund mehr: Laß uns reisen!"

Wenn's nötig ist, werd' ich es tun, aber nicht eher. Uebrigens wäre es auch nickt möglich, selbst wenn ich wollte. Gestern habe ich an meinen Bankier um Geld geschrieben, und bis der Brief ankommt, vergehen ein paar Tage. Ebensoviele, bis ich die Antwort erhalte, mit Hilfe der italienischen Post vielleicht auch noch Mehr. Sv lange müssen wir bleiben; denn ohne Geld ist man in Italien ein noch ärmerer Teufel als sonst wo. Tu kannst nun in Ruhe versuchen, diesen Herrn R-auchmann jetzt auch einmal mit den: guten, klaren Verstände zu prüfen, den Tir der Him­mel Gott sei Tank! gegeben hat, nachdem Du ihn bis jetzt nur mit dem Gefühl beurteilt hast."

Ich kenne ihn zur Genüge. Er ist eitel, unwahr und frivol." ,,

Tas wäre viel auf einmal. Aber Du kennst höchstens ein paar Handlungen von ihm, die ich -auch nicht verteidigen will; aber ein paar Handlungen sind noch nicht der Mensch. Bisher wissen wir eins nur ganz bestimmt von ihm: daß er ein großer Künstler ist. Und ich halte fest an dem Glauben, daß in einem Menschen, der so Großes leisten und schaffen kann, im tiefsten Innern auch große und reine Em­pfindungen wohnen. Tie können wohl einmal verschüttet werden durch allerlei Häßliches, das kann ja auch der klarsten Quelle passieren, aber ganz erdrückt werden sie doch wohl nur selten."

Tu verteidigst ihn sehr warm!"

Glaube nur ja nicht, daß ich ihn Dir einreden will. Eigentlich habe ich- sogar immer andere Pläne mit Dir gehabt"

Ich heirate überhaupt nicht, Mutter."

Bis zu Deiner Hochzeit, nein. Sieh', Kind, ich- will Dein Glück, weiter nichts. Und dann würde ich- mich auch