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Ich einen durch den andern furieren!" Nach Tisch hatte fie sich dar ans den Oekonomieratgelangt" und hatte ihn in ein Gespräch verwickelt, nm ihn bald mit geschickter Wendung auf seine Krankheit zu kommen.Wissen Sie, lieber Oekonomierat, bei Ihnen ist das ja gewiß eine ernste Sache, die sehr beachtet fein will; aber bei Fräulein Häseler ist es meiner Ansicht nach doch mehr Einbildung. Und ich glaube, von dieser Einbildung könnten Sie sie kurieren!" Als er verwundert und ungläubig gefragt hatte, wie er das machen könnte, hatte die Generalin geantwortet:Ja, sehen Sie, es ist mir aufgefalleu, daß sich bei Fräulein Häseler eine gewisse Eifersucht auf Ihr Leiden heraus­gebildet hat, daß sie immer genau so geplagt sein möchte, wie Sie, Herr Oekonomierat. Wenn Sie einmal sagen, daß die Kugel in Ihrem Hals größer geworden sei, da fühlt sie gleich auch ihren Quälgeist zum Champaqnerpfropfen angewachsen. Berichten Sie aber, daß Ihnen besser sei, dann läßt auch sie den Kork sofort kleiner werden. Und darauf baue ich meinen Plan. Ueberwinden Sie sich einmal acht oder vierzehn Tage lang nnd melden Sie täglich eine kleine Besserung, ich wette, nach Ablauf dieser Frist ist Fräulein Häseler geheilt! Sie tun damit ein gutes Werk, und schließlich kann es Ihnen ja nicht schwer Werben, Ihren wahren Zustand eine zeitlang zu verheimlichen; Sie sind ,ja doch ein Mann."

Natürlich, natürlich bin ich das", hatte der Oekono­mierat eifrig versichert, der mit großen AugenKalbs­angen" meinte sie im stillen zuerst die Generalin an­gestaunt, bald aber durch lebhafte Rufe, wie:Js wahr, is mau einmal wahr!" seine Zustimmung ausgedrückt hatte.

Seit jener Stunde verfolgte Herr Zimmermann die ihm vor geschriebene Taktik und amüsierte sich kömglick/oar-- über, daß die kluge Frau scheinbar recht behielt. Tie An­stifterin des Planes aber freute sich im stillen nicht minder und tröstete auch an diesem Mittag, als Edith und Nauch- mann so schweigsam dasaßen, mit der Beobachtung der beiden Patienten, die zusammen wohl hundertundzehn Jahre alt waren und sich doch noch an unsichtbaren Fädchen lenken ließen wie die Kinder.

Soeben fragte Zimmermann, der seine Nachbarin direkt ins Ohr sprach und so ganz gut von ihr verstanden wurde: Sie kennen doch wohl das italienische Sprichwort:Chi va piano, va sano"Wer langsam geht, geht sicher?" Tas habe ich heute umgeändert; passen Sie mal auf. Ich sage:Chi va a Fasano, va sano."Wer nach Fasano geht, der geht sicher", oderder wird gesund." Ob das ganz richtiges Italienisch ist, das weiß ich nich, aber cs klingt famos, was? Und dies Fasano wahrhaftiger Gott! es tut 'nem alten Menschen gut. Ich kann Ihnen ^gen" er blinzelte der Generalin zumeine Billard­gel, die is heute schon wiedern bißchen kleiner. Sie is, wie soll ich sagen? Sie is heute wien Hühnerei, wie n kleines Hühnerei, das ausnahmsweise mal rund is."

Tie Zitroriendame spitzte den Mund, schluckte und griff mit der Hand an die Kehle, ganz wie die Sängerin an jenem Abend. Dann sagte sie langsam, ein wenig schmach­tend:Sie haben ganz recht, Herr Rat; ich spüre nämlich wirklich auch schon den Einfluß des Klimas hier. Mein Kork is nämlich auch wieder kleener geworden; er is heile, ich will sagen, wien Pfirfichkern. Tas is doch sehr an­genehm, nich wahr?"

Ter Oekonomierat erfreute die Generalin während dieser Auseinandersetzung mit Verzerrungen seines Ge­sichtes, die ihn bei der übrigen Tafelrunde in üblen Verdacht hinsichtlich seines Geisteszustandes brachten, aber Edith und Rauchmann, die mit im Komplott waren, hatten heute nicht acht auf das lustige Schauspiel. Sie blickten vor sich nieder und verzehrten schweigend ihre Mahlzeit. Im ganzen blieb es still während dieserangenehmsten Stunde des Tages", tote die Generalin sie zu nennen pflegte; denn auch derNebermeufch" tour für kurze Zeit verreist, und fo entfachte der Widerspruch nicht die Unter­haltung der anderen.

Rauchmamr pflegte naa) dem Essen eine Stunde zu ruhen, heute aber war eine absonderliche, unerklärliche Rastlosigkeit in ihm. Er ging in feinem Zimmer auf und nieder, las Milkas Brief noch einmal, sein Gesicht wurde sehr zornig dabei, warf ihn zerknittert zu Boden, lwb ihn wieder auf und kam endlich zu dem SckUnß, ihn doch irgendwie beantworten zu müssen. Aber bti*5 Zimmer war ihm heute zu eng, und so stieg er, mit

Schreibzeug versehen, die Treppen wieder hinunter iht den Garten. Er setzte sich auf eine der Minke, an einem noch frei gebliebenen Tisch im vollen Sonnenschein, spannte seinen Regenschirm auf, den er vorsorglich auch mit her­untergebracht hatte, stellte ihn auf die Tischplatte und breitete im Schatten des schwarzen durchscheinenden Tachos seine Papiere aus. So saß er mit dem Kops, halb verborgen, im sanften Tämmerlicht, während die Sonne den übrigen Körper durchglühte.

Ein rascher Blick über den Garten hin zeigte ihm, daß die meisten der Kurgäste langsam plaudernd auf dem warmen Kies promenierten, daß aber Edith und ihre Mutter unter den Gästen fehlten. Mit einem Seufzer wandte er sich zu seiner Arbeit; denn eine Arbeit war ihm ein Brief an die Müller wirklich. Was sollte er ihr schreiben? Sollte er auf die törichte Berlobungskomödie in Wahrheit noch einmal eingehen? Er hatte gar keine Neigung dazu. Viel lieber wäre er grob geworden, hätte ihr den Handel auf- gesagt, hätte ihr --

Tas Geräusch von Schritten ließ ihn ausblicken, und er sah Ediths hohe Gestalt sich gerade gegenüber. Sie war vom Seestrand heraufgekommen, wo sie gern an sonniger Mauer zu sitzen pflegte, und war auf Rauchmanns Tisch zugeschritten, da sein Gesicht für sie hinter dem Schirm verborgen war.

Pardon!" sagte sie kühl, ein wenig erschrocken zugleich, und wandte sich ab, dem Hause zu.

Ein Verlangen kam über Rauchmann, Edith zu halten, sich ihr zu offenbaren. Mit einemmale war es ihm klar, daß die Spannung, die zwischen ihnen herrschte, seine Seele so unruhig machte. Mit schauspielerischer Gewandt- heit aber wußte er seine Erregung unter lachender Miene zu verbergen.

Ach, gnädiges Fräulein, Sie könnten mir ein wenig helfen!" sagte er so unbefangen wie möglich.

Helfen! Wieso?"

Setzen Sie sich ein paar Minuten her zu mir, dann sage ich es Ihnen!"

Warum soll ich sitzen? Ich kann es auch im Stehen hören!" gab sie zur Antwort; aber im Widersprach zu ihrer Rede ließ sie sich auf der Bank an der andern Seite des Tisches nieder, als würde sie durch eine fremde Macht darauf niedergedrückt.

Sie sehen, ich bin im Begriff, zu schreiben, aber ich komme nicht damit zustande!"

Was kann ich dabei tun?"

Wie schon gesagt: mir helfen!"

Und was wollen Sie schreiben?"

Ich will überhaupt nicht, aber ich muß! Einen Liebesbrief muß ich, schreiben!"

Sie warf den Kopf zurück und sah- ihn an, scharf, durchdringend, aus dem vollen Sonnenlicht hinein in den Tämmerschein, den er sich geschaffen hatte. Noch schneller, als sonst bei solchen Gelegenheiten, bewegten sich ihre Augenlider.

Es ist das erstemal", sagte sie dann langsam und nachdrücklich, aber so leise, daß die Uebrigen es nicht ver­stehen konnten,das erstemal, daß ich auf einen solchen Brief das Wortmüssen" angewandt höre!"

Ja, es ist auch eine besondere Sorte von Liebesbrief!" Gibt es mehrere Sorten davon? Tas ist mir neu! Ich dachte, hier gäbe es nur dies: man liebt oder man hebt nicht. Siebt man, dann wird man einen solchen Brief auch ohne Hilfe zu schreiben wissen, die Worte müßen ja von selbst aus der Feder fließen. Liebt man nicht, dann ist es eine Unwahrheit, und zwar eine der schlimm­sten, die os gibt, solch einen Bries überhaupt schreiben

Und trotzdem bin ich in dieser Lage, ich muß ihn schreiben, ohne zu lieben!"

Tas kann ich unmöglich mit dem zusammenrermen, was ich vor einer Stunde gehört habe. Sie sind ver­lobt."

Ich bins und bin es lvieder nicht! Tas ist ja eben der wunderliche Kasus! Meine Verlobung ist gewisser­maßen eine Theaterverlobung, über der jederzeit der Vor­hang fallen kann und die dann zu Ende ist. Eine Ver­lobung aus Geschäftsrückfichten, um der Reklame willen; eilte kleine Komödie für das neugierige und klatschsüchtige Publikum, das immer etwas über uns arme Theater­menschen zu reden Laben will, und dem wir immer neuen