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(Nachdruck verboten.)
Wotans Werloöung.
Novelle von Robert Koh Irans dH
1903. — mr. 188.
(Fortsetzung.)
An der Wahrheit der Zeitungsberichte von Wotans Verlobung zweifelte sie keinen Augenblick; seine Verwirrung, lein Mißmut hatten deutlich genug gesprochen. Er war verlobt — konnte das die Ursache der Empfindungen sein, die sie mit so zäher Gewalt überfallen hatten? Nein, nein, das nicht! Er war frei, war Herr seiner Handlungen, durfte tun, was er wollte. Nein, das war cS nicht, sicherlich nicht. Was künnnerte es sie, ob er verlobt war? Aber waruin tat ihr das Herz nur so Weh? Eine Kränkung, eine Be- leidigung, irgend etwas Häßliches mußte da sein, das ihr — nun schon zum zweitenmale in der Nähe dieses Mannes — das Gleichgewicht der Seele rauben wollte. Und nun fand sie's aus, plötzlich war es ihr klar: Er hatte noch ernmal die Unwahrheit gesagt, ihr, der Wahrheitsliebenden. Das erstemal hatte er gelogen, als er seinen Beruf verleugnete, das zweitemal, als er auf der Herfahrt lachend jeden Verdacht der Krankheit von sich wies. Was er zur Entschuldigung gesagt, was sie zuvor gedankenlos, willig hatte gelten lassen, das genügte ihr jetzt nicht mehr. Durfte ein Mensch denn nicht krank sein, weil er ein Künstler war, mußte ein Sänger als Halbgott gelten, allen irdischen Leiden entrückt? Mit frecher Stirn, mit fester Stimme hatte er damals die Wahrheit geleugnet, und es half nichts, daß er ihr jetzt nachträglich die Ehre gegeben hatte. Eine Kluft öffnete sich mit einemmale wieder zwischen ihm und ihr; für sie gab es keine Gemeinschaft mit unwahrhaftiqen Menschen.
Co vergrub sie sich tiefer und tiefer in ihren Zorn, ohne zu bemerken, daß sie selbst — ihr Gefühl erklärend — unwahr wurde gegen sich selbst. Mit kühlem Gruß ver- abschredete sie sich, im Hotel angekommen, von Rauchmann und chrer Begleiterin, um fast zu erschrecken, als ihre Mutter sre nach kurzem, prüfendem Anschauen mit den Worten begrüßte: „Was hast Tu, Kind? Du bist ja leichenblaß! Was ist Dir geschehen?" Edith versuchte zu lächeln und gab eine ausweichende Antwort. Rasch aber ging sie auf ihr eigenes Zimmer, setzte sich nieder und weinte. Nicht über Wotans Verlobung, o nein! Nur darüber, daß sie ihn zum zweitenmale auf einer Unwahrheit ertappt hatte.
-Ott demselben Augenblick war auch, Rauchmanu nicht allzu fern davon, zu weinen, und wenn das Gefühl, das in Edith tobte, in Wirklichkeit Zorn war, dann hatten sie beide dasselbe Motiv. Sein Ingrimm aber galt einem Brief, den er beim Nachhausekommen vorgefunden hatte,
. btt ,(Seine Dich liebende Milka" unterzeichnet war. Sie schalt ihn, daß er ihr noch nicht geschrieben habe, sprach
von Sehnsucht lind Trennungsschmerz und verwertete viele schöne Redensarten, d.ie aus liebeerfüllten Theaterstücken in ihrem Gedächtnis hängen geblieben waren. In dem Brief aber lag ein Zettel mit folgendem Wortlaut: „Tn mußt mir wirklich einmal schreiben; hier sind viele Bekannte von Dir, und ich muß doch irgend etwas vorzeigen können. Schreibe mir auch einen Gruß an die Freunde hinein, die Namen werden Dich nicht interessieren, es genügt, wenn Du von Freunden sprichst. Mein Brief ist so eingerichtet, daß er dort auch gelesen werden kann; mir wäre das nicht unangenehm, weil ich mit Mailand wegen eines Gastspiels au der Skala unterhandle, und es kommen doch auch wohl Mailänder nach Fasano? Wird etwas aus dem Gastspiel, dann fahre ich jedenfalls über dort, und die Leute sollen die Freude haben, uns zusammen zu sehen. Wien!"
„Tie Person ist verrückt geworden!" grollte Rauchsmann vor sich hin, aber der Zornausbruch tilgte das Mißbehagen in seiner Seele nicht, das in Wahrheit schon eine Stunde vor Anbruch dieses Briefes darin gewohnt hatte.
Bei Tische ging alles wortkarg her; die Generalin ließ erstaunte und ein wenig besorgte Blicke von Edith zu Rauchs- manu und umgekehrt wandern, aber sie fragte nicht noch einmal. Ter Sänger hatte seinen Platz neben ihr, da der Oekonomierat Zimmermann — der Herr mit der Billardkugel — den Wunsch ausgesprochen hatte, neben Fräulein Häseler zu sitzen. Zur größten Ueberraschung der ganzen Gesellschaft; denn er galt als ausgesprochener Weiberfeind und hatte sich Rauchmann gegenüber nach kurzer Bekanntschaft , als , solcher enthüllt, indem er sagte: „Und wenn man in die Sechzig is, heiraten wollen einen die Weiber doch immer noch!" Von der Zitronendame schien er aber ausnahmsweise nichts für seine tief eingewurzelten Jung- gesellengewohnheiteu zu fürchten. „Tie hat 'n Korken un hat 'n Papagei, die braucht keinen Mann mehr!" hatte er entschieden und zugleich Rauchmanu gebeten, den Platz mit seiner Nachbarin zu wechseln, sofern sie einverstanden sei und gleichfalls das Bedürfnis fühle, das beiderseitige, ähnlich Leiden täglich ausführlich zu besprechen. Fräulein Häseler, die oft wunderbare Tinge verstand, an die kein Mensch dachte, hatte bei Rauchmanns Aufstehen zuerst geglaubt, daß irgendwo Feuer ausgebrochen sei und hatte sortlaufen wollen, um ihren Polly zu retten. Dann aber war ihr die Sache klar gemacht worden, nnd sie hatte errötend — trotz ihrer Jahre konnte sie wirklich noch erröten —, mit einer gewissen Freudigkeit in die Veränderung der Situation gewilligt. So saß sie jetzt neben dem Oekonomierat, der ihr täglich mindestens zweimal darüber Bericht erstattete, ob seine Billardkugel rot oder weiß, groß oder klein sei, was die Vertraute seiner Leiden mit getreuen Bulletins über den Zustand ihres Korkes erwiderte.
Tie Generalin hatte die beiden ein paar Mahlzeiten lang beobachtet, dann hatte sie mit ihrem klügsten und fröhlichsten Lächeln zu Edith gesagt: „Paß mal auf, die Wilk
Ilreitag den 18. Iez möer.


