Der Leser wird sich wundern, daß ich tat, wie nur geheißen wurde, aber er kennt eben A. I- Raffles nicht. Die Hälfte seiner Macht lag in der verbindlichen Art, rn der er den Gebieter hinter dem Führer zurücktretcn ließ, und es war geradezu uumöglich, einem Manne nicht zu folgen, der mit solchem Feuer führte. Als ich hörte, wie er ferne Schuhe abstreifte, tat ich dasselbe und stieg hinter ihm die Treppe empor, noch ehe ich mir klar gemacht hatte, welch ein ungewöhnliches Vorgehen es sei, mitten ui der Nacht iemcmb zu besuchen, von dem man Geld erbitten wollte. Augenscheinlich aber stand Raffles auf außerordentlich vertrautem Fuße mit ihm, und ich konnte gar nicht anders, als annehmen, daß solche Schabernacke zwischen ihnen gang und gäbe waren.
So langsam tasteten wir uns die Treppe hinan, daß ich Zett hatte, mancherlei zu beobachten, bevor wir oben an- lauqten. Auf der Treppe lag lein Läufer, die ausgespretzten Finger seiner rechten Hand fühlten nichts auf der feuchten Wand, während mir die meiner linken mir verrieten, daß dicker Staub ans der Handleiste des Geländers lag. Eme unheimliche Empfindung hatte sich meiner bemächtigt, seit wtr in dem Hause waren, und diese verstärkte, sich nut jeder Stufe, die wir erstiegen. Was für ein Einstedler war das, den wir in seiner Zelle erschrecken wollten?
Jetzt kamen wir an einen Absatz. Das Geländer wandte ! sich nach links und abermals natch links. Noch vier Stufen, daun standen wir wieder auf einem neuen, längeren Absatz, und Plötzlich flammte ein Streichholz in der schwarzen Finsternis auf. Von seinem Anreiben hatte tch nicht das geringste gehört. Der Schein war blendend; als sich nteute Augen jedoch daran gewöhnt hatten, sah ich Raffles, das Streichholz mit einer Hand hoch haltend mcd mit der andern beschattend, zwischen kahlen Bretterwänden, und den offenen I Türen leerer Zimmer stehen.
„Wohin haben Sie mich geführt?" rief ich. „Das .Haus I ist ja nicht bewohnt."
I „Bst! Warten Sie!" flüsterte er, indem er mir in eins der leeren Zimmer vorausgiitg. Sein Streichholz erlosch, als wir die Schwelle überschritten, und er strich ohne das
I geringste Geräusch ein anderes an. Nun kehrte er nur den Rücken und machte sich mit etwas zu schaffen, das tch nicht sehen konnte, allein als er das zweite Streichholz wegwars, leuchtete statt dessen ein anderes Licht und em schwacher
I Oelgeruch machte sich bemerkbar. Ich trat vor, um einen Blick über seine Schulter zu werfen, aber ehe ich das tun konnte, drehte er sich um und ließ den Schein einer winzigen
| Laterne auf mein Gesicht fallen.
Was ist das?" stammelte ich mit stockendem Atem. „Was für einen faulen Streich führen Sie im Schilde?"
I ' „Er ist schon gespielt", antwortete er mit euient ruhigen
Lachen.
„Gegen mich?"
„Ich fürchte, ja, Bunny!"
„Es ist also niemand im Hause?"
„Niemand außer uns beiden."
Was Sie von einem Freund in Bond Streat sagten, der uns das Geld geben würde, war also weiter nichts als Schw,mdel?^icht vollkommen wahr, daß Danby
mein Freund ist."
„Danby?"
„Der Juwelier unten." c
„Was meinen Sie?" flüsterte ich zitternd tote Espenlaub, als die Erkenntnis seiner wahren Absicht tu nur empordämmerte. „Werden wir das Geld von dem Juwelier erhalten'?"
„Nun, das nicht gerade."
„Was denn?"
„Geldeswert — aus seinem Laden."
Weitere Fragen waren überflüssig, mir war alles klar, ausgenommen meine eigene Blindheit. Ein Dutzend Anspielungen hatte er gemacht, und ich hatte keine durchschaut. Und nun stand ich in dem leeren Zimmer vor ihm und starrte ihn au, und er stand mit seiner Blendlaterne mir gegen über und lachte mich aus.
„Ein Einbrecher!" keuchte ich. „Sie — Sie? ..
,Hch sagte Ihnen ja, daß ich von meiner Schlauheit IeBe'„$ganim haben Sie mir Ihre Absicht nicht mitgeteili?
1 Weshalb haben Sie mir nicht getraut? Warum war es
„Dann kann's nichts helfen, aber ich muß gestehen, i daß mir der Gedanke sehr wenig gefällt, Raffles."
Ziehen Sie die andere Alternative vor?" fragte ment' Genosse mit einem höhnischen Grinsen. „Nein, zum Henker, I das war unrecht", rief er reuig tu demselben Atemzuge. ,,^ch 1 begreife Sie sehr wohl, denn ich weiß, daß es eine furcht- I Eure Probe ist, allein daß Sie draußen stehett bleiben, ist ganz unmöglich. — Ich will Ihnen etwas sagen, Sie sollen I eine kleine ^Aufmunterung haben — aber nur eine. Hier I ist der Whisky und da ein Syphon. Ich will einen Mantel umnehmen, tvährend Sie sich ein Glas zurechtmachen.
Das tat ich und war nicht allzu bescheiden dabei, denn dieser Plan in ar mir darum nicht weniger widerwärtig, j daß ihm, wie es schien, nicht aus dem Wege zu gehen war, I indesseii mutz ich eiuräunten, daß er, noch ehe mein Mas I leer war, viel von seinem Schrecken verloren hatte, ^n» I zwischen trat Raffles wieder ein. Ein Mantel verhüllte seme bunte Flanelljacke, und ein weicher Filzhut war nachlässig | aus seinen Lockenkopf gestülpt, den er lächelnd schüttelte, als ich ihm die Flasche reichte.
,Weun wir wieder hier find", sagte er. „Erst die Arbeit und bann das Vergnügen. Sehen Sie wohl, welches Datum | wir haben?" fügte er hinzu, indes er ein Blatt von seinem Wandkalender abritz, während ich mein Glas leerte. ,/Ser 15. März. „Des Märzes Ideen, des Märzes Ideen! Vergessen Sie das nicht. He, Bunny, mein Junge, die werden i Sie nicht vergessen, wie?"
Lachend warf er eine Schaufel Kohlen aufs Feuer, bevor I er wie ein sorglicher Hausvater das Gas klein drehte, und I so verließen wir das Zimmer, als die Uhr auf dem Kamin- j flms zwei schlug.
Piccadilly lag wie ein mit kaltem weißem Nebel gefüllter, vom verschwommenen Schein der Laternen eingefaßter und mit einer dünnen Schicht klebrigen Schmutzes be- > deckter Graben vor uns. Wir begegneten keiner Menschen- seele aus dem verlassenen Bürgersteig und wurden von dem Schutzmann, der den Dienst im Stadtviertel hatte, mit einem sehr scharfen Blick beehrt, aber auch durch eine Berührung des Helmes begrüßt, als er meinen Begleiter erkannte.
„Die Polizei kennt mich, wie Sie sehen", bemerkte Raffles lachend, als wir weitergingen. „Arme Teufel, tu einer Nacht wie diese heißt's aufpaffen! Für Sie und mich mag ein Nebel eine Unannehmlichkeit sein, Bunny, aber er ist eine wahre Gottesgabe für die Verbrecher, besonders so spät im Jahre. Aber hier find wir an Ort und Stelle — und ich will mich hängen lassen, wenn der Mensch nicht doch im Bett liegt und schläft!"
Wir waren in Bond Street eingebogen und standen jetzt aus der rechten Seite ein paar Schritt von der Ecke am Randstein des Bürgersteigs. Raffles schaute nach einigenFenstern auf der anderen Seite der Straße empor, Fenster, die durch den Nebel kaum zu erkeunen waren, denn nicht der geringste Lichtschimmer hob sie aus ihrer Umgebung hervor. Sie lagen über einem Juwelierladen, wie ich an dem Gilck- loch in der Tür und dem dahinter brennenden Hellen Licht sah, aber der ganze obere Teil nebst der neben dem Laden gelegenen Haustür toareit so schwarz als der Himmel
„Wollen wir's nicht für diese Nacht aufgeben?" drängte ich. „Morgen früh haben wir noch Zeit genug."
„Keineswegs", entgegnete Raffles. „Ich habe fernen Schlüssel, und wir wollen ify.it überraschen. Vorwärts!"
Bei diesen Worten ergriff er mich am rechten, -Arm, zog mich eilig über die Straße und öffnete die Tür mit feinem Drücker, um sie im nächsten Augenblick rasch, aber geräuschlos hinter uns zu schließen. Nuu standen wir zusammen im Dunkeln. Draußen näherten sich gemessene Schritte, die wir schon beim Ueberschreiten der Straße durch den Nebel gehört hatten. Jetzt, wo sie deutlicher wurden, umklammerten Raffles' Finger meinen Arm fester. .
„Vielleicht ist er es selbst", flüsterte er. „Er ist ein Satan von einem Nachtvogel. Keinen Laut, Bunny! Wir wollen ihn zu Tode erschrecken. — Ah!"
Die taktmäßigen Schritte waren vorüber gegangen, ohne anzuhalten. Raffles holte tief Atem, und seine Finger, die meinen Arm so seltsam umspannt hatten, lösten sich.
„Aber trotzdem keinen Laut!" fuhr er in demselben Flüstertöne fort. „Wir wollen ihn regelrecht überraschen, wo er auch sein mag. Ziehen Sie Ihre Schuhe aus und folgen Sie mir."


