480

gründ die Ungetüme des hohen Reißeck, des Sanleck, des Tüllneck niederstarren. Glerch am Eingang dieses Grabens der wuchtige Gößfall, eiter oben, wo die Waldnatnr ins Starre der Felsen übergeht, der Zwillingsfall, zwei Wasser­stürze nebeneinander, ein hoher und ein breiter, sich, breitenö ringsum. Den Feldbachfall rechts, den Gößfall links, so stehe ich bei einem Gehöfte, der Pflügelbof geheißen, am Ende des Maltatales. Von hier aus wird es eine viele Stunden lange, wilde Schlucht, in der kein Wagen mehr vorwärts kann, in der nur noch, wenige Hütten zu finden sind, in der die Alpenuatur in ihrer Ursprünglichkeit herrscht und jeden Kulturversuch der Menschen zurückweist. Wege und Brückett mit Mühe und Fleiß, aber die Natur hat darüber geschrieben: dermalen freiwillig gestatteter Weg! Die nächste Lawine, das nächste Hochwasser vernichtet ihchso gründlich, als sei nie ein Menfchenfuß hier gewandelt. Nachdem ich votn Pflügelhof aus drei Stunden gegangen, gestiegen, geklettert bin über Querschluchten, Wasserstürze, Tümpeln, Steinblöcke und Schrüude, dounerts in allen Wänden. Eilt feuchtkalter Luftstrom schlägt mir an die Wangen. Ich stehe vor den zwei größten Wasserfällen dieser Gegend, dein Hochalpenfall und dein Maltafall, an dem mit Fichten und Tannen ttrnstandenenBlauen Turnpf", in dein die schäumenden Wasser kreisen. Nur Gletscher­wasser, denit hoch oben breiten sie sich ringsum, die Eis­felder; darüber kühit in den stillen kalten Himmel auf­ragend, die Hafnerspitze 3061 Meter, der Ankogel 8252 Meter, die Hochalpenspitze 3355 Meter hoch. Will ich noch einige Stunden Vordringen, so biegt das Tal plötzlich links um, und id), stehe am Rande des weithin starrenden Elend- gleischers, überragt von dem finsteren, zerrissenen Schwarz­horn. Im Elend, so heißt dieses weltentlegene Hochtal, ein überaus herrlicher Gebirgskessel, wie die Touristen sagen, die morgen wieder fortgehen; ein unbeschreiblich trostloser Bergwinkel, wie die armen Hirten meinen, die monatelang in der starren Einsamkeit leben müssen.

Mir ist der Grazer Tourist sehr gut bekannt, der vor Jahren im Mattatale, unweit dort, wo der Fallbachfall ist, seine Augengläser zerbrochen hatte. Im Klettern den Hang hinan schnellte ihm ein Fichtenzweig ins Gesicht und die Augengläser flogen in den Abgrund. Es waren derer voii Nummer sechs, und jetzt war der MaUu, der allein im Hochgebirge stand, so viel als blind. Er sah, !vas zunächst an ihm war, int weiteren nichts, als das Weiß des Him­mels und das Graue der Berge mit den Verschwommenen Rändern.

Ein nebelhaftes Bild, wie durch verbliudetes Glas ge­sehen. Und er war doch weit hergekommen, um zu schauen. Er hatte nun die größte Mühe, zum Weg hinabzufinden, ohtte über Wände zu stürzen. Dort fragte er einen Stein­klopfer, ob Wenn der in Malta oder drüben in Fernbach niemanden wisse, der Augengläser habe.

Glasaugen meinen's? Schaun's her, die hab' ich ja selber", antwortete der Steinschläger. Ja, da hätte der Tourist erst Augengläser auf der Nase habe« müssen, um zu sehen, daß der andereGlasaugen" auf der Nase hatte. Aber feine Freude war kurz; Steiuklopser tragen Augen­gläser, selbst wenn sie die adleräugigsten Wildschützen find, Brillen aus Fensterglas, damit ihnen der Staub nicht ins Auge sprühtbeim Steinschlag'n". Hingegen wußte dieser Steinklopfer einen alten Pfründner im Dorf Malta, der Gläser trage, weil er sehr kurzsichtig fei. Der Tourist nahm einen Gaiskuaben, der ihn zum Alten führte. Und siehe, der hatte Hornbrillen, die besser waren als keine.

Was steigen's denn herum, wenn S' nix sehen!" sagte er zum Touristen.In die Schluchten wollus etni? Gehn's, das is a grausliche Gegen, Wo seins denn her? Aus Graz? Tort solls ja eh schön sein, was gehn's denn nachher weg? Leihen tu ich f Ihnen schon, die Glasaugen, aber was Schöuer's zilm Anschauen soll'u Sie sich wohl suchen, als Ivie den Graben da ins Elend hinein."

So wanderte der Tourist nun frisch bewaffneten Auges in das Hintere Malta tat hinauf. Da wilrde die Gegend immer düsterer und schauerlicher. Himmelhohe Berge und ein Abgrund, alles Stein, Schutt, zerreißendes Wasser. Stellenweise hingen die Felsen über, sodaß sie herabzu­stürzen . drohten. Der Tourist wagte sich, kaum vorwärts, er schwindelte an den Stegen und Abgründen. Wilde Tiere glaubte er zu sehen, oben in den Runsen, Wölfe, Bären,

sogar ein Lindwurm reckte seinen schauderhaften Kopf aus einem Felsloche hervor. Dann der versteinerte Schnee, der nimmer wegging, der Eis- und Felsblöcke herabwälzte auf die Wiesen, ivo nur ein kurzes Gräslein wächst. Alles öde, trostlos, nur krächzende Raben fliegen herum unter den Wänden und suchen nach Tieren, die verhungert sind. Dann immer wieder die Wasserfälle mit ewiger Stimme schreiendr Menschenwurm, weiche zurück! Dem Touristen graute, er ging in dieser Wildnis nicht mehr weiter. Wie wenn hinter ihm eine Lawine niederfährt, daß er nicht mehr zurück kann! Ein Eingeschlossener, ein Verdammter in dieser kalten Hölle! Als nun auch die Nebel niederstrichen an dem wilden Berg, sodaß ein frostiges Dämmern die ewig rauschende schauerliche Einsamkeit zudecken wollte da dachte der Tourist ans sonnige, fruchtbare Hügelland draußen, wo es so gefahrlos und heimlich ilinherzugehen ist ein Paradies im Vergleich, zu diesen starren, menschf» losen Schrecknissen. Er kehrte um aus dem Elend, war froh, als er die drohenden Wände hinter sich hatte und wieder im Dorfe Malta war, ivo es Sonne gab und Frucht­felder und Menschen. Dem Pfründner gab er die Brillen zurück, hernach draußen in Gmünd kaufte er sich neue. Als er dann durch das Liesertal hinab der Eisenbahn znivan- derte, begann es ihm leid zu tun, daß die wilden Berge zurückblieben. Er konnte es nun nicht begreifen, daß er tags zuvor im Hinteren Maltatal eine solche Angst be­kommen, daß er feine Absicht, über den Elendgletscher nach Malnitz hinüberzuwandern, nicht ausgeführt hatte. Das ärgerte ihn jetzt, er kam sich feige vor.

Ich will dich aufklären, mein lieber Grazer Tonrist. Du hast das Hochgebirge durch die Brille des Pfründners angesehen! Schon der geschäftige Gebirgsbauer findet an den unfruchtbaren, unwirtlichen Alpenwildnisfen nichts Anziehendes; und erst gar ein alter Pfründner, dessen Kindskopf das Wilde und Großartige ins Märchenhafte steigert und der die Hochgebirge mit Dämonen beseelt. Aber geschadet hat's dir doch nicht. Es ist ganz gut, wenn wir manchmal erinnert werden an die feindlichen Mächte, die in den Wildnissen schlummern. Sei es schon nicht größerer Vorsicht halber, so gewinnt das Gebirge doch neuerdings den Reiz des Geheimnisvollen, der ihn: durch das ehr­furchtslose banale Touristenwesen und Unwesen fast ab­handen gekommen ist. Im allgemeinen möchte ich dem Touristen des Pfründners Brillen nicht anraten, bisweilen soll er sie nur an die Nase stecken. Denn wenn die Ehr­furcht erlischt, dann ist es mit der Poesie des .Hochgebirges vorbei.

vermischtes,

* Physik schwach! Tie- Regina-Bogenlampenfabrik in Köln stand mit Rittern Geschäftshaus in Jerusalem in Briefverkehr wegen Lieferung elektrischer Beleuchtungsein- richtungen und erhielt dabei, wie dieKöln. Zig." mitteilt, folgendes tiefsinnige Schreiben:Jerusalem, den 25. 5. 03. Ihr Schreiben vom 14. d. M. bestätigend, teile Ihnen er» gebenst mit, daß wir wohl davon unterrichtet sind von dem Verbot des Sultans, jedoch haben wir Erkundigung ein­gezogen, daß, wenn die Elektrizität an und für sich nicht bei der Lampe verpackt (z. B. als Muster ohne Wert re­kommandiert per Post, nur der Brennstoff, das Glas nebst Kohle) verschickt wird, man dieselbe beziehen kann. Bitte,' mir mitzuteilen, ob dasWatt" von Salzsäure oder von irgend einer Masse, die auch verboten ist, gemacht wird, daß jedoch die Einbringung nicht erfolgen kann. Aus welchen Substanzen entwickelt sichder Watt"? Vielleicht könnte man das hier bekommen oder erzeugen? Indem rch Ihrer Antwort umgehend entgegensehe, zeichnet Hoch­achtend! N. N."

Gleichung.

(Nachdruck verboten.) (ab) 4- (cd) + e = x.

a Blumen, b Himmelskörper, c Teil des Gedichtes, d Nahrungsmittel, e Körperteil, x alte Waffe.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: a. Stern, Bier, Eisen, Lias, Eule, Hering, Eier, b. Astern, Ubier, Reisen, JliaS, Keule, Ehering, Leier.

Aurikel.

Nedaktion: August Götz. Rotationsdruck und S eilen der Brstlil'scheu Universitäts-Buch- und Stciudruckerei. N. Lauge, Gießen.