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schiedene Wesen; Herr von Chauxville war nicht der Mann, die beiden miteinander zu verwechseln.
„Nicht viel, gnädiges Fräulein", wiederholte er. „Ich möchte nur, daß die Frau Gräfin die ganze Gesellschaft von Osterno auf einen kurzen Besuch einlüde."
Tas lag auch in Katharinas Wünschen. Sie wollte sich durch den Anblick Ettas, der schönen, selbstvertrauenden, der Liebe Pauls so sicheren Etta, selbst martern, sie wollte sehen, wie Paul seine Frau mit jener offenen Bewunderung anblickte, die sie für etwas ganz anderes hielt, als Liebe, für etwas unendlich viel Niedrigeres, als jene Leidenschaft. Ihr Herz, das unter der Last des Unglücks zermalmt war, begrüßte mit Freuden jede Veränderung, selbst wenn sie noch elender dadurch wurde.
„Tas kann ich tun", sagte sie. „Es war schon längst besprochen, daß in unseren Wäldern eine Bärenjagd stattfinden sollte."
„Gut, gut!" murmelte Herr von Chauxville sinnend. „Also vielleicht in ein paar Tagen, wenn es der Gräfin Vaßt."
(Fortsetzung folgt.)
Wässer der Wildnis.
Eine Wanderung im .Hochgebirge von Peter R o s s e g g e r.
Was habe ich von so einer Bergpartie? Kann ich die Berge in den Sack stecken? Kann ich die Gipfel und die Felswände herabbeißen? Kann ich die schöne Aussicht zusammenrollen, unter die Achsel nehmen und mit nach Hause tragen? So fragte mich einmal jemand, der beim Biertisch saß und Karten spielte. Die Berge in den Sack stecken, von den Steinen was herabbeißen, das kann zwar ich ebenfalls nicht, will es auch nicht, aber die schönen Landschaftsbilder zusammenrollen und mit nach Hause nehmen, das kann ich. Alle die Berge und Gletscher und Wasserfälle und Seen, die Landschaften, die ich je von Berggipfeln aus geschaut, im Archiv sind sie hinterlegt. Weder Namen noch Menschengesichter kann ich mir merken, aber viele Landschaften in der Erinnerung stehen jetzt schon dreißig, vierzig Jahre und länger und recht oft, Wenns dunkel und still ist um mich, da packe ich sie aus, sehe sie mir an und freue mich an ihnen. Und selbst, wenn mein leibliches Auge einmal erblinden sollte, bleiben sie mein Eigentum so lange, bis Gott das letzte innere Lichtlein mir auslischt.
Daher muß es nur jener Kartenspieler am Bierttsche, der nur das Herabbeißen und Jndensackstecken kennt, schon nachsehen, wenn ich in Lust und Mühsal immer wieder ausziehe, um meine Bildersammlung zu vermehren. So auch dieses Jahr, kaum der Schnee zerging. Das ist für Reisen und Talwanderungen im Gebirge die beste Zeit. Die Eisen- bahnzüge sind noch nicht überfüllt, die Gasthöfe sind noch demütig, die Straßen sind nicht mehr schlammig und noch nicht staubig, die Flüsse sind wildlebendig, die Wasserfälle sind rasend, die hohen Berge sind noch weit herab beschneit, sodaß keine große Phantasie dazu gehört, um Gletscherlandschaften aus ihnen zu machen.
Von den Tälern Oberkärntens wird das Mölltal als das schönste bezeichnet. Darf ich verraten, daß es ein noch schöneres gibt? — In Spital an der Drau aussteigen. Dort steht gegen Norden hin ein hoher Gebirgszug, dessen Vorberge uns schon Achtung zurufen, obgleich sie noch niedrig und sanft sind gegen jene, die im Hintergründe stehen, wo dieser Gebirgszug aus gewaltige Tauerngrat stößt. Aus einer bewaldeten Engschlucht der Vorberge rollt mit breiter wilder Wucht die Lieser hervor. Ihre bräunlich^grauen Wellen gehen so hoch, wie die eines bewegten Meeres, nur viel energischer und zielstürmischer — sie'wallen hinab, hinab. Dieses Wasser ist das Kind der Berge und doch kennt es keine andere Gier, als hinab, immer hinab, der Änederung zu. Wir werden es noch sehen, wie ihm kein Stein zu hart ist, es schleift ihn ab, wälzt ihn davon, wie ihm kem Sprung zu hoch ist, nur um aus den sonnigen Höhen ™ Tiefen zu kommen. Und ist es draußen, dieses ttndrsche Bergwasser, in der Unendlichkeit des bitteren .Uirneg, banu Heimweh, sachte steigt es in Dünsten auf, mt in Wolken durch die Himmel und sucht sein heimatliches Bergland, wo es sich gerührt unter fließenden Tränen nieder- laßt, um sogleich wieder seine Flucht in die Niederungen zu unternehmen. Wie nun das Wasser niederwärts strebte und der Mensch aufwärts, so begegneten sie sich in den be
waldeten Bergschluchten zwischen Spital und Gmünd. In einem Nebentale, ganz nahe an der Lieser und doch versteckt, liegt der Millstätter See. Dort ruhen sie ein wenig aus, die Fallenden und die Steigenden. Ein schöner, langer Hochsee, hinter waldigen Vorbergen in weitem Rund von weißen Bergen umgeben.
Mit einem Webgenossen, der auch gegen Gmünd wanderte, unterhielt ich mich über das Wasser. Das Wasser, war fein Ausspruch liebe er in allen Gestalten, mit Ausnahme der im Trinkglase. In das Trinkglas gehöre etwas weniger Niederträchtiges, etwas, das anstatt in die Tiefe zu trachten, zu Kopfe steigt. Darauf mein Entgegnen, daß man Flüssigkeiten kenne, die zu Kopfe steigen, dann aber den Kopf und was dran ist, in die Tiefen des Straßen- grabens schleudern. Das ließ er gelten. — Dort drinnen, wo zur Lieser links aus dem Hochgebirge die Malta kommt, liegt das Städtchen Gmünd. Nachdem ich dort in Feldners Gasthofe — ich sage nicht Hotel, denn dazu ist es viel zu deutschheimifch — mich ausgeruht und gestärkt hatte, war es Halbwegs zu wagen mit dem Maltatale. Ein Einspänner beförderte mich so weit es mit dem Wagen geht, und das ist etwa drei Stunden des Fußgehens. Das Tal hat hinter dem Dorfe Malta einen vorgeschobenen steilen Berghang, sonst ist es breit, sonnig und läßt sich ganz zahm an; Ortschaften, Gehöfte an den Berghangen weit hinauf. Aber zur linken Hand oben hebt sich das Hochgebirge an zu entfalten in seltsamen Riesengebilden mit Abstürzen, die seit der Welt Urstand noch nie ein Sonnenstrahl beschienen hat. So träumen sie von ihrer blauenden Höhe finster nieder ins Tal, durch das zwischen Matten, Felsblöcken und über Sandhalden hin der Fluß sich schlängelt. Dort hinten, wo das Tal sich scheinbar schließt, geht von brauner Felswand ein weißes Band nieder bis zur Talmatt. Nach einer Stunde stehe ich staunend vor diesem Bande. Es ist der Wasserfall des Fallbaches. Man würde ihn stundenweit hören, wenn nicht jede Schlucht ihr eigenes Rauschen hätte. Der Fall ist über 150 Meter hoch, also wesentlich höher, als das höchste Gebirge bei Berlin von der Sohle aus. Er warf zu meiner Frühjahrszeit mindestens zwanzig Mühlbäche auf einmal herab. Hoch oben springt er aus dem Rinnsal der Zinne etwa fünfzig Meter in einer geschlossenen weißen Masse nieder, schwer und dick, als ob unendlicher Schnee herabflute. Dann prallt er an einen Felsvorsprung, zerschellt zu einem breiten, dichten Schleier, der in Tüchern wieder an fünfzig Meter niedergeht, sich dann zerfranst und in weißen Raketen herab zischt- Diese raketenförmigen weißen Wasserpfropfen lösen sich plötzlich und kommen immer wieder nach, Keines dieser Tücher und Raketenbänder erreicht dem Boden, alles zersprüht schließlich zu einer Nebelmasse, die wie ein Wolkenbruch unten ans Eis schlägt. Denn ein Krater aus Eis nahm zurzeit diesen Wasserfall auf. In seinem Rachen verschwand der schwere weiße Nebelschwaden, um unterhalb der Eiswand wieder hervorzubrausen und dann wie ein gewöhnlicher Alpenbach weiterzurinnen, auf den Matten noch einige Bauernmühlen treibend, bis wo er sich mit der Malta vereinigt. Nie war ich je solange vor einem Wasserfall gestanden als vor diesem. Er ist unerschöpflich an Mannigfaltigkeit, kommt jeden Augenblick in neuen Geflechten, Strähnen, Aussprühnngen, Stäubungen, Raketen ic. herab. Schwer und feierlich langsam fällt er, man kann bequem bis zehn zählen, bis die oberste Gieß unten ankommt. An hundert Schritt bleibt man diesem Wasserfall vom Leibe. Schon aus solcher Entfernung steht man mitten im Gewitter. Regen und eiskalter Wind schlägt nieder, eilt Sausen und Brausen und Donnern betäubt das Ohr, und man ist bald naß bis an die Haut. Daß in der Sonne alle Regenbogenfarben spielen, daß je nach dem Luftzug ein dumpfes Brausen oder ein dünnes Zischen oder ein hohles Gurgeln oder ein säuselndes Singen oder ein windähnliches Rauschen herabkommt, weiß jeder, der ähnliches gesehen. Es ist ein Lied von ewigen Dingen, jede Strophe anders feit undenklichen Zeiten, und in diesem Augenblick, als ichD hier in meiner Stube zu Graz schreibe, und in diesem Augenblick, als Du, mein Freund, es Gott weiß wo in der Welt liest, braust immer und immer das Lied von der Felsivand nieder, dort weit oben im Maltatale.
Als obs nur dieser Fallbachfall allein so ttiebe. Als ob nicht gerade in demselben Tale, wenn auch weniger hohe, sonst aber noch weit gewaltigere Wasserfälle raseten! Wian wende sich auf der Matte nur um und man sieht querüber in den Größgraben hinauf, aus dessen Hinter-


