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Ich zweifle nicht, daß die Hände des gnädigen Fräuleins trotz ihrer Kleinheit sehr fest sind", sagte Herr von Chauxville.

Tie Gräfin war entzückt, zeigte ihr Entzücken und sah Katharina, die ernst auf die Uhr blickte, stirn- runzelnd an.

Wann möchten Sie fahren?" wandte sie sich an den Gast ihrer Mutter.

Bin ich nicht Ihr Sklave, jetzt und immerdar?" antwortete der galante Baron.

Tas will ich nicht hoffen", entgegnete Katharina ruhig.Es gibt Gelegenheiten, wo ich für Sie gar keine Verwendung hätte. Wollen wir elf Uhr sagen?"

Mit Vergnügen; dann gehe ich jetzt und erledige meine Briefe", sagte der Baron, indem er das Zimmer verlieh.

Ein reizender Mensch!" rief die Gräfin, ehe die Tür sich noch völlig geschlossen hatte.

Ein Narr", verbesserte Katharina.

Liebes Kind, wie kannst Du nur so etwas sagen!" seufzte die Gräfin, mehr gekränkt als erzürnt.

Ein kluger Narr, das ist der Unterschied. Die klugen Narren sind die schlimmsten."

Tie Gräfin zuckte mit hoffnungsloser Miene die Achseln, und Katharina verließ den Salon.

Sie ging in ihr eigenes Zimmer hinauf, in dem sich ihr Klavier befand. Es war der einzige Raum im Hause, der nicht überheizt war; denn sie öffnete manchmal das Fenster, was in den Augen der Gräfin geradezu als Ver­brechen galt.

Katharina begann zu spielen, fieberhaft, nervös, mit all der wunderlichen Kraft ihrer Natur. Sie war wie eine Schwerkranke, die eine verzweifelte Kur versucht. Sie kämpfte gegen die Zeit.

In den letzter! Wochen begann die Musik sie etwas im Stiche zu lassen und bot ihr nicht den Trost, den die Ein­samkeit und das Klavierspiel ihr gewöhnlich gewährten. Sie befand sich in einer gefährlichen Stimmung; denn sie fürchtete fich davor, sich Chauxville anzuvertrauen.

Die Zeit flog vorbei, aber ihre Stimmung änderte sich nicht. Sie saß noch am Klavier und spielte, als die Tür sich öffnete, und die Gräfin mit vom Treppensteigen gerötetem Gesicht und zorniger Miene erschien.

Katharina, der Schlitten steht vor der Tür, und der Baron wartet!" rief sie ganz außer sich,Was denkst Tu Dir denn? Es wird nicht viele geben, die Dir solche Aufmerksamkeit widmen. Sieh doch Tein Haar an? Warum kannst; Du Dich nicht anziehen, wie andere Mädchen?"

Weil ich nicht wie andere Mädchen aussehe", ant­wortete Katharina bitter.

Still, Kind!" sagte die Gräfin erzürnt.Du bist so, wie der liebe Gott Dich geschaffen hat."

Dann muß mich der liebe Gott im Finsteren ge­schaffen haben", rief Katharina, indem sie hinauseilte.

Sie kommt sofort", sagte die Gräfin Lanowitsch zu ihrem Gaste, der, eine Zigarette rauchend, in der Vor­halle auf- und abschritt.Sie will natürlich hm! etwas sorgfältig Toilette machen."

Herr von Chauxville verbeugte sich ernst, ohne eine Bemerkung zu machen, und bot der Gräfin eine Zigarette an, die sie annahm.

Nachdem er sein Ziel erreicht hatte, wollte er nicht den (Andruck Hervorrufen, daß er Katharina bewundere.

Ein paar Minuten später erschien das Mädchen, die Pelzhandschuhe überstreifend, und ehe das Tor geöffnet wurde, zog sich die Gräfin diskret in die entnervende Wärme ihrer eigenen Gemächer zurück.

Katharina ergriff die Zügel und stieß einen kleinen Schrei aus, woraus die Ponnys ausgriffen, und der Schlitten, Wolken von Schnee auswirbelnd, zwischen den Fichten dahinglitt.

Anfangs bot sich keine Gelegenheit zum Gespräche denn die Ponnys waren frisch und unruhig. Die Straße, auf der sie fuhren, ivar noch nicht von anderen Schlitten ausgefahren, so daß der gleichsam pulverisierte Schnee wie Staub aufflog uud ihnen in Mund und Augen drang. Es wird gleich besser werden, wir kommen bald au? die Landstraße", sagte Katharina, die mit ihren unge- stllmLD, tartarischen Vollblutpferdchen kämpfte.

Herr von Chauxville saß ganz still, aber wenn er

Katharinas Kraft, das Gespann zu regieren, auch vielleicht mißtraute, so zeigte er es nicht.

Wenn er mit Katharina allein war, lag in seinem Benehmen ein feiner Unterschied, eine Andeutung von Kameradschaftlichkeit, von gemeinsamen Interessen und ge­meinsamen Wünschen, deren sie fich bewußt war, ohne daß sie einen bestimmten Sinn darin fand.

Das ärgerte und erschreckte sie.

Während sie den Pferden volle Aufmerksamkeit schenkte, ühlte sie Angst vor den ernsten Worten dieses Mannes. Herr von Chauxvilles Benehmen rief den Eindruck hervor, daß er von Katharinas Gedanken mehr wisse, als jeder andere, und sie war einfältig genug, sich dadurch erschrecken zu lassen, zu glauben, daß sie sich verraten habe.

Er bemerkte vielleicht die ängstlichen Seitenblicke, die Katharina auf ihn warf, erriet vielleicht, daß Schweigen wirksamer sei als Reden.

So saß er ruhig da und schaute gerade vor fich hin, als sei er in seine eigenen Gedanken zu sehr vertieft, um der Landschaft auch nur ein flüchtiges Interesse zu schenken. .

Warum sind Sie hergekommen?" fragte Katharma plötzlich.

Herr von Chauxville schien aus einem Traum zu er­wachen, wandte sich um und blickte sie mit erkünsteltem Erstaunen an. Sie waren jetzt auf der Landstraße an­gelangt, wo der Schnee ausgefahren war, konnten daher miteinander sprechen.

Aber, gnädiges Fräulein, nur Sie zu sehen."

Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Mädchen", ant­wortete Katharina kalt.Ich will die Wahrheit wissen."

Er brach in ein kurzes Lachen aus und betrachtete sie mit prüfenden Blicken.

Mein gnädiges Fräulein, Propheten und Könige haben die Wahrheit gesucht und sie nicht gefunden", sagte er in leichtem Tone.

Katharina antwortete nicht.

Ich bitte Sie, zu glauben, daß Ihre Gesellschaft eurer der Gründe war, die mich die Gastfreundschaft der Gräfin annehmen ließen", fuhr der Franzose nach einer Pause fort.

Und?" .

Herr von Chauxville sah fie an. Er kannte nrcht viele Frauen, die einen festen Verstand besaßen.

Und?" wiederholte Katharina.

Ich habe natürlich auch noch andere Grunde." Katharina nickte kurz und wartete.

Ich möchte in der Nähe des Fürsten Paul {ent', fügte Herr von Chauxville hinzu.

Lieben Sie ihn so sehr?" fragte Katharina, wahrend ein finsteres Lächeln ihr kräftiges Gesicht verzerrte.

Gerade so, wie Sie, gnädiges Fräulein", antwortete Chauxville.

Katharina zuckte zusammen. Sie wußte nrcht, ob fie Paul haßte, aber in Bezug arrf Etta konnte über ihre Ge­fühle kein Zweifel herrschen, und diese waren so stark, dap sie wie ein elektrischer Strom die junge Frau durchbohren und ihren Gatten treffen konnten.

Fn Petersburg gaben Sie mrr Ihr Wort, mir zu helfen" sagte Herr von Chauxville, und sie widersprach ihm nicht, obwohl sie wußte, daß es eine Lüge war.Ich kam her, um von Ihnen die Erfüllung Ihres Versprechens zu verlangen." ,

Tie harten, blauen Augen unter der Pelzmütze starrten gerade vor sich hin. Katharina schien wie eine Schlafende zu kutschieren. So weit das Auge über die schneebedeckte Ebene, durch die schweigende Fichtenallee schweifen konnte, befanden sich diese beiden allein in einer weißen, er­storbenen Welt, die ihnen allein zu gehören schien. Katha­rina fuhr nie mit Glocken, und so war kein Laut zu hören, als das Knirschen des Stahles in dein pulvere- fierten Schnee. Sie waren allein, und niemand sah und hörte fie, als der, der in den Wüsteneien der Welten lauscht. ,

Was verlangen Sie von mir?" fragte sie.

O, nicht viel", antwortete Chauxville; denn er war ein vorsichtiger Mann, der Frauenlauneu kannte.

Tie Katharina, die in der klaren, scharfen Luft Mrttel- rußlands ein feuriges Gespann kutschierte, und die Katha­rina, die in der entnervenden, blumendurchdufteten Atnio- sphäre eines Salons Klavier spielte, waren zwei ver-