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Eine wahre Geschichte von Babys erster Steife*

Baby war in einem oberhessischen Landstädtchen ge­boren und gedieh bei seinem Fläschchen und unter Mamas und des Dienstmädchens Lieschen Aufsicht vortrefflich. Seine Welt war einstweilen noch sein Kinderwagen, in dem das kleine Wesen an schönen Nachmittagen unter dem Schatten der Landstraße oder der Anlagen ums Kriegerdenkmal einige Stunden herumgefahren wurde Als eines Tages Mama niit der oberhessischen Eisenbahn nach der großen Provinzial- Hauptstadt Gießen reisen wollte, um dort ihre Eltern zu besuchen und allerhand Sachen einzukaufen, die in dem kleinen Landstädtchen nicht zu haben waren, durfte Baby mit an den Bahnhof fahren. Diese Auszeichnung war ihm jedoch sehr gleichgiltig, fast als ob es gewußt hätte, daß sie gar nicht ihm selber galt, sondern dem Kinderwagen, der zugleich als Fuhrwerk für ein Handköfserchen, ein Handtäschchen, ein Schirmsutteral, eine Hutschachtel und drei kleinere Paketchen dienen mußte. Baby ließ es ruhig geschehen, daß man alle diese Sachen zu ihm in den Wagen lud; was sonst noch mit ihm fuhr, war ihm völlig Wurst; hatte es doch sein Fläsch­chen mit vollen 15 Nummerchen. Das war für Baby die Hauptsache, und daran trank es sich die erforderliche Bett­schwere an, um den Rest des Tages gemütlich zu verschlafen. Als Mama, Lieschen und der Kinderwagen den Bahnhof er­reichten, lag Baby in den letzten Zügen, d. h. es hatte nicht lange mehr an seinem Fläschchen zu ziehen. Der Zug der oberhessischen Bahn rollte heran, Mama suchte sich einen Platz, Lieschen brachte ihr aus dem Kinderwagen, der auf dem Bahnsteig unter dem Schatten des Güterschuppens stand, das vielerlei Kleiugepäck an den Wagen, daun hatte sie im letzten Augenblick vor Abgang des Zuges ihre Ma­dame noch hundert Sachen zu fragen: was sie morgen mittag dem Herrn kochen sollte, ob sie in der guten Stube auch die Fenster putzen, das Bett der Madame im Garten lüsten, ob sie die Milch fürs Baby noch weiter mit Kalk­wasser mischen sollte, und was dergleichen kleine Haus- haltssorgeu mehr waren, über die sie von der Madame schon dutzende Mal gründlichst angewiesen worden war. Endlich pfiff der Zug und setzte sich in Bewegung, Lieschen trabte noch ein Stückchen nebenher, immer noch mit der Madame verhandelnd, dann blieb sie stehen und winkte ihr Luin Abschied nach, bis der Zug hinter den Bäumen ver­schwand. Als Lieschen aus den Bahnsteig zurückkehrte, war auch ihr Kinderwagen verschwunden. Sie rannte ver­zweifelt hin und her, schaute in alle Ecken, hinter jede Tür und Mauer, aber vergebens. Dann wußte sie nichts Besseres zu tun, als gottsjämmerlich M weinen. Da es mittler­weile wieder völlig still auf dem kleinen Bahnhof geworden ivar, drangen ihre Klagetöne bis ins Bureau des. Mannes

Ich verlange kein unverdientes Mitgefühl", setzte sie ernsthaft hinzu. _ .

Er wandte sich um und sah sie an, wahrend sie m anmutiger Haltung dasaß. Einen Augenblick schlug sie die Augen zu ihm aus, eine Art photographischer Klappe, die einhundertstel Sekunde lang die sensitive Platte ihres Herzens zeigte darin unterdrückte sie, freilich ohne rechten Erfolg, einen Seufzer.

Ich war furchtbar jung, als ich verheiratet wurde. Ich wußte damals noch nicht, was ich tat; aber selbst, wenii ich es gewußt hätte, würde ich Wohl nicht die Kraft gehabt haben, meinen Eltern zu widerstehen."

Sie haben Sie dazu gezwungen?"

Ja", sagte Frau Etta, und möglicherweise drehten sich in diesem Augenblick irgendwo in der Nähe von London ein paar respektable, harmlose Tote in ihren Särgen um.

Hoffentlich gießt es eine besondere Hölle für Eltern, die das Glück ihrer Töchter ihrem eigenen Ehrgeiz opfern", sagte Paul mit plötzlicher Wut, die seine Zuhörerin er-

Dieser Mann war für Etta Beaumont voll von Ueber- raschungen. Es war gleichsam ein Spielen mit dem Feuer, eine Unterhaltung, feie beliebt sein wird, so lange weib­liche Neugierde existiert.

Was sind das für schreckliche Reden", sagte sie leicht­hin.Nun, das ist alles jetzt vorüber, wir brauchen alten Kummer nicht auszugraben. Ich wollte Ihnen nur zu ver­stehen geben, daß diese Photographie einen Teil meines Lebens bedeutet, der mir nichts als Schmerzen gebracht hat." (Fortsetzung folgt.)

mit der roten Mütze; der kam hervor und fragte unwirsch, was das denn für eine unverschämte Brüllerei sei. Es dauerte natürlich eine guw Weile, bis Lieschen sich ver­ständlich machen und den Verlust des Kinderwagens mit Inhalt berichten konnte, dann ging wieder einige Zeit hin mit gemeinsamem Suchen und Ueberlegen, und schon war mehr als eine halbe Stunde verstrichen, bis der Stations­vorsteher auf den Gedanken kam, seinen einzigen Unter­gebenen, der zugleich Weichenwärter, Saaldiener, Lampen- anzünder, Packträger usw. war zu fragen, ob er den Kinder­wagen nicht gesehen habe. Der Mann, der gerade damit be­schäftigt ivar, frisches Petroleum ans einige Lampen zu gießen, ließ sich in seiner Arbeit nicht stören und brummte nur, er wisse von nichts, er könne sich auch um die Kinder­wagen von d en fremden Leuten nicht kümmern, das sollten die Kindermädchen selbst tun. Diese Antwort ivar das Zeichen zum Beginn einer neuen Tränenflut; Lieschen sank hilf- und ratlos auf eine Bank und erklärte zwischen dem Schluchzen, es bleibe ihr jetzt nichts übrig, als in den Mühlteich zu gehen. Der vielseitige Bahnbe­dienstete hatte inzwischen seine Lampen fertig aufgefüllt, und dabei schien ihm selbst eine Lampe aufgegangen zu sein. Als er mit seiner Petroleumkanne an der jammern­den Liese vorüber kam, blieb er stehen und fragte:War das vielleicht en Kinnerwage mit blaue Vorhäng'?" Lies­chen bejahte schluchzend.Na, den han se spediert!" Wie, spediert? wurde nun gefragt, und da stellte sich heraus, daß das Stationsfaktotum gesehen, hatten wie der Kinderwagen mit einem Korb voll Hühnern und einem Sack Kartoffeln, neben denen er vor dem Güterschuppen stand, in den Packwagen des abgegangenen Zuges gehoben . worden war. Diese Enthüllung beruhigte das Mädchen nicht nur, sondern erfüllte sie überraschender Weise sogar mit lauter Freude.Nun ist ja alles gut, dann hat ja die Madame ihr Kind gleich bei sich, wenn sie nach Gießen kommt, und kann es den Großeltern zeigen. Na, die wirk» sich freuen!" Es wurde dem Stationsvorsteher nicht ganz leicht, Lieschen klar zu machen, datz^ sie ganz im Irrtum sei, daß Madame bei der Ankunft in Gießen ihr Kind gar nicht zu sehen bekomme, und daß dieses im dunkeln Gütermagazin mutterlos warten müsse, bis es jemand ab­hole, wenn es nicht als unbestellbar vorher schon an irgend einer Station ausgesetzt worden sei. Aber nun wisse man wenigstens, was zu tun sei, schloß der Stationsvorsteher, er werde jetzt hinter dem Zug drein telegraphieren. Wie das zu geschehen hatte und was damit eigentlich bezweckt wurde, war Lieschen ganz schleierhaft, aber es beruhigte sie zu hören, daß das Telegramm schneller ging als der Zug. Sie setzte, sich daher auf eine Bank auf dem stillen Bahnsteig, trocknete ihre Tränen mit der weißen Kinder- müdchenschürze und wartete geduldig, bis das Telegramm ihr anvertrautes Baby mitsamt dem Kinderwagen zurück­bringe. Jetzt hatte sie keine Sorgen mehr; vor 7 lihr abends brauchte sie mit dem Baby nicht zu Hause zu sein, eher kam auch der Herr nicht zum Abendessen, so konnte die ganze böse Geschichte noch gut gehen. Dem Baby war es mittlerweile in der Tat ganz gut gegangen. Es war noch auf dem Bahnsteig nach Leerung seines Fläschchens eiugeschlafen und merkte daher nicht, wie es samt seinem Wägelchen in den Packwagen gehoben wurde, und die Zug­beamten merkten auch nichts von Babys Anwesenheit, denn es verhielt sich mäuschenstill hinter den zugezogeneu blauen Vorhängen. Auch ist ja die Versendung von Kinderwagen als Eilgut kein ungewöhnlicher Fall, nur sind sie dann immer leer. Daß der vorliegende bewohnt war, ahnte und merkte man nicht, und so wäre er ruhig bis an die End­station Gießen mitgefahren und wäre dort im Güterschuppen geendet, wenn nicht S. Bürokratius über dem Baby ge- ivacht hätte. Der Packmeister nämlich prüfte als gewissen­hafter Beamter während der Fahrt den Inhalt seines Wa­gens und verglich ihn mit seinen Papieren; wie früher kein Mensch ohne Papiere reisen konnte, so reist auch heute noch kein Packstück ohne Papier. Daher erschien der,Kinder­wagen dem Packmeister sofort verdächtig, als sich kein Schein dazu vorfand; er besah den Wagen von links und rechts, von oben und unten, und fand, daß auch das Gepäck­stück selbst nicht bezettelt war. Mit solch vorschriftswidri­gem Reisegut will natürlich ein braver Packmeister nichts zu tun haben, und schon an der nächsten Station ließ er das Stück aussetzen, mit dem Bemerken, es müsse nach X. zurück. So stand Baby mit seinem Wägelchen wieder auf