414

Sie behaupten also, das; es fünf Jahre her ist, seit wir uns zuletzt sahen?" sagte sie W dem großen Fran­zosen.

Habe ich nicht jeden Tag gezählt? Sehen Sie doch die,e grauen Haare an. Ach, Madame, das waren schöne Tage in Petersburg!"

Sprechen Sie nicht von Rußland", bat sie.Ich kann es nicht ertragen, ; es ist eine zu schmerzliche Or- innerung."

Noch während des Sprechens verwandelte sich ihre Miene zum Ausdruck froher Neberraschung. Sie nickte und lächelte einem Manne zu, der sie offenbar zu fuchen schien.

Mer ist das?" fragte der Franzose.Ich sehe ihn feit einiger Zeit überall."

Eiii Engländer Mr. Paul Alexis", antwortete dre Dame.

Der Franzose zog die Augenbrauen in die Höhe. Er wußte es besser: das war kein Engländer. Er verbeugte sich und ging. Baron Chauxville von der französischen Botschaft beobachtete von der anderen Seite jede Bewegung, jeden" Gesichtsausdruck Ettas.

Ter Mann, den wir zuletzt auf dem Eisenbahnperron von Twer sahen, trug jetzt volle Soireetoilette. Er tour hlerhergekommen, um Frau Beauniont zu finden, und das wußte "diese Dame.

Ich habe nicht geglaubt, Sie hier zu sehen", sagte sie.

Sic sagten, daß Sie hier sein würden", antwortete er einfach.

Sie halten das also für einen Grund, um einer lang­weiligen, diplomatischen Soiree beizuwohnen?"

Für den besten Grund, den^s giebt", sagte er ruhig, Mit einer Ehrlichkeit, die sie beinahe rührte. Sie machte eine vnmerlliche Bewegung auf ihn zu, als erwartete sie, daß er ansaiigen werde zu flüstern. Sie gehörte jener Schiile an, er aber nicht. Sein Geist vermochte keinen Gedanken zu fassen, der Flüstern erfordert hätte.

Könnten Sie mir einen Stuhl verschaffen?" fragte Frau Beaumont.

Sie stand mit dem Rücken vor einem kleinen Sopha, das drei Personen zu fassen vermochte, aber nur für zwei berechnet war. Natürlich sab sie es nicht, sondern schaute überall hm. nur nicht nach dieser Richtung, indem sie ihre tadellos behandschuhten Finger nach seinem Arm ausstreckte. ^Jch bin müde vom Stehen", fügte sie hinzu.

Er wandte sich um und deutete auf das Sopha, auf das fic nun sofort zuschritt. Während sie sich niederließ, bemerkte er undeutlich, daß sie eine entzückende Toilette

trug.

Sie war entschieden eine der bestgekleidete-n Frauen im Saale. Ihr Kostüm war kühn, ohne auffallend zu sein, denn es war bloß eine verwegene Mischung von Weiß und Schwarz. In der Tat iväre es schwer gewesen, an Etta Beaumont etwas auszusetzen, wenn man sie bloß als eine schöne, entzückend gekleidete Dame betrachtete. Dieser Mann, der doch im Zeitalter des Cynismus lebte, kannte den Cynismus nicht. Er dachte nicht im Traume daran, daß das reizende Haar die Hälfte seiner Schönheit den geschick­ten Händen einer Kammerjungfer verdankte, und daß das herrliche Kleid der einzige Gedanke seiner Trägerin in vielen Mußestunden gewesen war.

Frau Etta Beaumont blickte niit einer gewissen Be­wunderung zu ihm auf. Für eine Frau, die nie etwas anderes geatmet hatte, als die Atmosphäre des Salons, war dieser Mann wie die reine Gebirgsluft.

Sie sehen aus, als wüßten Sie nicht, was niüde sein heißt; aber vielleicht wollen Sie sich doch setzen. Ich kann Ihnen Platz machen." Er nahm mit sichtlicher Freude an.Und jetzt lassen Sie mich hören, wo Sie waren", sagte sie.Bei unserer legten Begegnung hatte ich nur Zeit, Ihnen die Hand zu reichen. Sie sagten, daß Sie fort waren?"

Ja, ich war in Rußland."

Ihr schönes Gesicht blieb ruhig, gelassen und aufmerk­sam.Ach, wie interessant! Ich war auch in Petersburg; ich liebe Rußland sehr." Während sie sprach, blickte sie quer durch den Saal hinüber zu dein großen Franzosen, ihrem früheren Gefährten.

Wirklich?" ries Paul eifrig, und sein Gesicht strablte auf.

Paul getroffen

4. Kapitel. Don Quixote.

Ich interessiere mich außerordentlich für Rußland. Kennen Sie Petersburg?" fragte sie etwas hastig.Ich meine die dortige Gesellschaft?"

Nein, ich kenne nur ein paar Leute in Moskau."

Sie nickte und unterdrückte einen leisen Seufzer, der, wenn ihr Gesicht einen iveniger fröhlichen Ausdruck gehabt hätte, wie ein Seufzer der Erleichterung geklungen haben würde.

Wen kennen Sie eigentlich?" fragte sie in gleich- giltigem Ton. Sie betrachtete aufmerksam die Spitze ihres Taschentuches, dessen leiser Duft zu ihm.ausstieg. Er war ein einfacher Mensch, und der leise Duft verursachte ihm ein angenehmes Gefühl das Gefühl der Vertraulichkeit.

Er nannte mehrere wohlbekannte moskowitische Namen, und sie sing plötzlich zu lachen an.

Wie schrecklich sie klingen", sagte sie heiter,sogar mir, und ich war doch in Petersburg. Mer sprechen Sie russisch, Herr Alexis?"

Ja", antwortete er,und Sie?"

Sie schüttelte den Kopf und seufzte leise.

Ich? O, nein; ich habe leider kein großes Sprachen- -talent."

hatte. Frau Etta Beaumont ein- oder zweimal und sich sehr für sie interessiert. Vom ersten Augenblick an übte ihre Schönheit großen Einfluß auf ihn, aber sie ioar damals eine verheiratete Frau. Nun traf er sie wieder und sah, daß eine bloße Bekanntschaft sich mittlerweile zur Freundschaft entwickelt hatte. Er hätte nicht zu sagen vermocht, ivann und wo die große soziale Schranke überschritten worden war; er fühlte nur in un­bestimmter Weise, daß eine solche Veränderung stattgefnnden

hatte.

Die Freundschaft hatte sich dann bei ihm rasch zu etwas anderem entwickelt; das merkte Paul sehr bald, und Frau Etta Beaumont hätte aus seinem Gespräche trotz aller Unschuld, Harmlosigkeit und Bescheidenheit den Zustand seiner Gefühle erraten können, wenn ihr Witwenschleier sie nicht gar so dicht umhüllt hätte.

Offenbar hatte sie keine Ahnung von Pauls Empfind­ungen, denn sie forderte ihn in aller Gemütsruhe auf, fte am nächsten Tage zu besuchen und ihr von Rußland, dem lieben Rußland", zu erzählen.

Meine Kousine Nelly wohnt bei mir", fugte sie hinzu, Sie. ist ein sehr liebes Mädchen und wird Ihnen sicher '^Ll nahm sofort an, behielt sich aber das Recht vor, diese Kousine zu hassen, bloß weil die junge Dame existierte und zufällig bei Frau Etta Beaumont wohnte.

Am nächsten Nachmittag um fünf Uhr erschien er in dem Trauerhause und füllte den kleinen Hausflur voll­ständig mit seiner riesigen Gestalt aus. Ein Diener führte ihn in den Salon, wo er Frau Etta Beaumont und ihre Kousine antraf. Fräulein Nelly verbeugte sich und verließ gleich darauf das Zimmer, indem sie den Eindruck von Frische, Gesundheit, und einer gewissen klaren Heiterkeit zurückließ, die in dem schlammigen Wasser der Gesellschaft wie ein Filter wirkte.

Es ist sehr gut, daß Sie kommen, ich langweile mich", sagte Frau Etta. In Wahrheit ruhiv sie, um für den Abend frisch zu sein. Diese Dame verstand die Kunst, schön zu sein, in hohem Grade.

Paul antwortete nicht sogleich, sondern betrachtete eine große Photographie, die im Rahmen auf dem Kaminsimse stand. Es- ivar die Photographie eines hübschen jungen Mannes von achtundzwanzig oder dreißig Jahren mit schmalem Gesicht, blondem Haar und einer verschlagenen Miene.

Wer ist der Mann?" fragte er plötzlich.

Wissen Sie es nicht? Mein Mann."

Paul murmelte eine Entschuldigung, wandte den Blick aber nicht von der Photographie ab.

O, es tut nichts", sagte Frau Etta, als erjeui Be­dauern aussprach, einen schmerzlichen Gegenstand berührt zu haben.Ich rede nie" , .

Sie hielt inne.Nein, das will ich nicht sagen , fuhr fic fort.

Aber sie hätte die Worte ebenso gut aussprechen können; denn was sie. meinte, ivar leicht zu verstehen.

e

5 e ü (

k l

i k

!

1 ( ]

1 j

I