Mittwoch den 15. Juli.

Nr. 104

1903

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(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Roman von S. Merriman.

(Fortsetzung.)

Was schlagen Sie vor?" fragte er.Sie kennen die Gesetze dieses Landes besser als ich."

Steinmetz rieb sich mit dem Zeigefinger die Stirn. Unsere Freundin, die Polizei, wird daran ihre Freude haben. Ich bin der Meinung, daß wir ihn an jenen Baum dort lehnen und dann sein Pferd nach, Twer mitnehmen. Es wird ihn niemand entführen. Ich werde die Polizei davon benachrichtigen, aber erst, wenn Sie in den Peters­burger Zug gestiegen sind. Natürlich werde ich dem Jsvrav- nik zu verstehen geben, daß Eure Durchlaucht sich durch solche Kleinigkeiten nicht belästigen lassen wollten und daß Sre Ihre Reise fortsetzen."

Ich habe keine Lust, den armen Teufel die ganze Nacht so allein zu lassen. Es könnten Wölfe kommen, und dann die Raben."

Ach, Sie sind zu weichherzig, mein lieber Alexis. Kommen Sie, tragen wir ihn zu dem Baum hinüber."

Ter Mond stieg eben über der Linie des Horizonts auf. Ringsum lag die Steppe in leblosem Schweigen.

Die zwei Lebenden trugen den namenlosen, unkennt­lichen Toten zu einem Ruheplatz unter einer ein paar Schritte von der Straße entfernten, verkrüppelten Fichte. Sie streckten ihn ehrerbietig der ganzen Länge nach aus, verschränkten seine mit Erde bedeckten, beschmutzten Hände über der Brust imb banden das Taschentuch über sein Gesicht. Dann wandten sie sich um und ließen ihn in der helleii Nächt allein.

Schweigend ritten sie weiter, bis sie in die schmutzige Stadt gelangten, die die eiilstige Rivalin und das Opfer des glänzenden Moskau ist. Sie ritten geradeswegs zur Station, wo sie im Eisenbahnrestauriant 1 nebenbei ge­sagt, einem der besten der Welt dinierten. Um ein Uhr rollte , der Nachtexpreßzug Moskau-Petersburg mit ferner amerikanischen Riesenlokomotive in die Station.

Steinmetz stand auf dem Perron und sah dem Zuge nach, der langsam in der Nacht verschwand. Dann trat er zu einer Laterne, zog ein Taschentuch aus der Tasche und betrachtete nacheinander jede Ecke desselben.

ES war ein kleines, feines Battisttaschentuch. In einer Ecke waren die Buchstaben R. B. zierlich in Weiß eingeftickt.

Ach ja", stieß Steinmetz hervor.Ein Etwas sagte mir, daß er es war." Er drehte das kleine Stück Battist noch immer zwischen den Fingern und untersuchte es lang­sam, mit großer Sorgfalt. Er hatte das Taschentuch aus dem Rocke des namenlosen Reiters gezogen, der jetzt zwölf Meilen entfernt allein auf der Steppe lag.

Steinmetz kehrte in den großen Restaurationssaal zurück und befahl dem Kellner, ihm ein Glas Benediktiner; zu bringen.

Tann schritt er auf den großen, schwarzen Ofen zu, der Ul dem Eisenbahnrestaurant von Twer steht und öffnete mit der Spitze des Stiefels das Türchen. Das Holz darin krachte und knisterte. Er warf das Taschentuch hinein lind schloß die Tür.Mein lieber Fürst", murmelte er,es ist ein Glück, daß ich das gesunden habe und nicht Sw."

3. Kapitel.

Diplomatisch.

Alles ist da, was Europa an Glanz und Verlogen­heit besitzt", hatte Herr Claude v. Chauxville zu Anfang des Abends über die große Soiree auf der französischen Botschaft zu einer Dame gesagt, und dasMot" hatte die Runde durch alle Säle gemacht.

Jii der Gesellschaft macht ein kleinesMot" einen großen Weg. Der Herr Baron v. Chauxville war über­dies ein Fabrikant vonMots". Dem Namen nach ivar er Attache bei der französischen Botschaft in London, seinem Berufe nach war er Epigrammatiker, das heißt: eine Art gesellschaftlicher Revolver. Er ging los, wenn man ihn im Gespräche berührte, und häufig tat er einen Fehlschuß.

Die Königin des Abends war zweifellos Frau Etta Beaumont. Um sich von dieser Tatsache zu überzeugen, brauchte sie nur in den Spiegel zu sehen, und hundert Männer im Saale wären bereit gewesen, es zu beschwören. Diese Dame war erst vor kurzem am Horizont der Lon­doner Gesellschaft aufgegangen. Sie war eine junge Witwe und erwähnte ihren Gatten nur selten. Er war ver­schiedenen Gesandtschaften zugeteilt gewesen, sagte sie, hatte eine glänzende Carriere vor sich gehabt und war plötzlich im Auslände gestorben. Daun pflegte sie einen leisen Seufzer auszustoßen und zu lächeln, was deutlich besagte: Wir wollen von etwas anderem reden."

lieber Frau Etta Beaumont konnte gar kein Zweifel herrschen. Sie war aristokratisch bis in die Fingerspitzen, gelassen, selbstbewußt, ganz große Dame. Aus bet Art und Weise, wie sie sich kleidete, nach der Zahl ihrer Diener und Pferde, die sie hielt, der allgemeinen Wohlhabenheit, die ihre ganze Existenz umgab, konnte inan auf ihren Reichtum schließen. Daß sie schön war, konnte jeder selbst sehen.

In diesem Augenblicke sprach sie in tadellosem Fran­zösisch mit einem hochgewachsenen Franzosen. Sie war bei­nahe ebenso groß tote er. Hellbraunes Haar siel in hübschen Welten von einer weißen Stirn zurück, kluge dunkelgraus Augen und ein entzückender Teitit, einer von jenen, die infolge eines ruhigen Gewissens oder starker Nerven sich nie verändern, blaßrote Wangen, ein ausdrucksvoller, beweglicher Mund, ein blendend weißer Nacken, so sah, Etta Beaumont in der Blüte ihrer Jugend aus.