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Verhielt sich die Sache freilich anders, aber umsonst hieß sie doch nicht Guenn Rodellec! Schnell wie der Blitz hatte sie sich ihm entwunden, stand in sicherer Entfernung strahlend und lachend da, und blickte ihm ohne die geringste Verlegenheit aber doch mit mädchenhafter Scheu in die Augen. Hamor zündete sich möglichst unbefangen eine Zigarette an als sei nichts geschehen und machte im stillen allerlei weise Betrachtungen.
„Monsieur", brach Guenn zuerst das Schweigen — in ihrer Stimme lag das lieblichste Gemisch von Weichheit und Schalkhaftigkeit — „heut hasse ich auch das vierhundert- jährige Kind auf dem Kirchhof nicht mehr."
„Run, das freut mich; es war auch sehr herzlos von Dir."
„Tot ist tot, hin ist hin", meinte Guenn, leichtfertig mit den Fingern schnalzend, „und tvir find lebendig."
„Du ganz gewiß, das kann Dir niemand absprechen." Sie lachte hell auf, ihr froher Sinn war znrückgekehrt. Sie !oar die alte Guenn und doch eine neue. Dieselbe uud doch so verschieden von ihreui früheren Wesen, aber frisch, furchtlos, bestrickend — wie es am besten zu ihr paßte. Hamor wünschte sich von Herzen Glück zu dieser Wandlung.
„Wann werden wir aufangen?" fragte sie eifrig.
„Ja, das hat noch feine Schwierigkeiten: ich muß erst mit Dir beraten."
„Run?" drängte sie erwartungsvoll und nahm eine geschäftsmäßige Miene an.
„Du weißt, ich möchte Dich im Boot stehend, an der Fähre haben, so wie ich Dich damals sah. Den Hintergrund könnte ich von einem Kahn aus malen, aber ließe sich-'s wohl machen, daß Du mir dort Modell ständest?"
»Ich glaube kaum", lachte sie seelenvergnügt; „der Fährmann wiirde alle Augenblicke sein Boot brauchen, und ich müßte fortwährend aufsprinaen, um die Buben zu verjagen. Sobald bekannt würde, daß Guenn Rodellec an der Fähre Modell steht, versammelte sich wohl das ganze Dorf um uns zu sehen. Wenn es Jeanne wäre, möchte es angehen, aber bei mir nicht", setzte sie hinzu in dem Bewußtsein, das nur wahre Größe verleiht.
„Du wirst wohl recht haben, Guenn, ich dachte mir's gleich — was sollten wir also tun?"'
»Mir fällt etwas ein, Monsieur: malen Sie ruhig Ihre Mauern und die schlüpfrigen Stufen am Landungsplatz; wenn Sie mich dann brauchen, fahren wir hinüber nach den Lannions, wo uns der recteur schon helfen wird", rief Guenn zuversichtlich.
„Guenn, Du bist ein wahres Genie, das ist ein herrlicher Einfall! Auf den Lannions habe ich auch gleich den Pfarrer, Du solltest wirklich Premierminister werden!"
Das mutzte wohl jedenfalls etwas Angenehmes fein, wenn/sie auch keine Ahnung hatte, was — denn Monsieur sah sie dabei mit so beifälligem Lächeln an!
Als Jeannes und Rannics Stimmen sich auf der Treppe hören ließen, sang Guenn bereits wieder in der heitersten Lanne:
„Ah mon dien, que la vie-est amöre."
Hamor aber ging sogleich eifrig daran, einen großen Bogen Papier zum Entwurf des neuen Bildes auf eknen Rahmen zu spannen.
Während dieser Vorgänge im Atelier, hatte sich ein kleines, weißes Boot, aus der Richtung der Lannions her- kommend, dem Strande genähert; sein Insasse, ein dunkler Mann im schwarzen Prresterrock, ivar ans Land gestiegen, blickte mit gütigen Angen in jedes ihm bekannte Gesicht und tauschte freundliche Grüße mit allen, denen er begegnete. Thymert war mehrere Wochen nicht nach Plou- denec gekommen, heute endlich rief ihn eine Amtspflicht herüber, und dabei fiel ihm ein, daß er nicht länger zögern dürfe, Monsieur Hamor aufzusuchen. Besuche zu erwidern war eine Pflicht, die den Pfarrer nur selten drückte; auch heute folgte er weniger dem Gebot gesellschaftlicher Höf- uchkeit als dem Zug seines guten Herzens. „Wenn ich nach dem, was draußen vorgefallen ist, nicht zu Monsieur Hamor gehe, wird er glauben, ich sei beleidigt, und das vm ich wirklich nicht — für einen Fremden finde ich ihn recht liebenswürdig — deshalb will ich ihn aufsuchen."
Der Pfarrer ging geraden Weges 'nach den Voyageurs, Um Madame zu begrüßen. Er erzählte ihr, was ihn heute paa) dem Dorfe geführt habe und fetzte hinzu: „ich ge- venke auch Monsieur Hamor meinen Besuch zu machen."
„Das lvird für beide Teile ein Vergnügen sein", ent
gegnete Madame mit unerschütterlicher Ruhe. „Soll ich's ihm sagen?" fragte sie sich dabei im stillen, „nein, denn sonst geht er nicht hin und es ist jedenfalls besser, wenn er selbst zusieht, tote die Dinge stehen. Es ist keine Gefahr vorhanden, ganz und gar keine. Nur daß das Kind so viel Herz hat, ist nicht am Platze."
Seit jenem Abend, als sie mit den jungen Mädchen unter der Tür gestanden und gesehen hatte, tote Guenns Augen rastlos jeder- Betoeguttg Hamors folgten, wußte die erfahrene Frau, daß trotz ihrer eigenen und des Priesters Bemühungen, das Kind seinem Schicksal nicht entgehen werde. Daß ihre Ahnung sich so schnell erMlen, Guenn sich so plötzlich fügen würde, hatte sie freilich nicht erwartet. „Sie werden es interessant finden in Monsieur Hamors Atelier", fuhr sie gegen den Priester gewandt fort, „ich war auf Monsieurs Bitte selbst einmal dort. Er hat mir auch versprochen, eine Wano im Speisesaal zu malen, ehe er von hier wcggeht. Jeder Künstler, der bei mir wohnt, müsse mir eigentlich solch ein Andenken hinterlassen."
„Wie liebenswürdig von ihm", bemerkte Thymert, „auch mir will er für die Kapelle ein großes Gemälde anfertigen.'"
Der Pfarrer sagte Madame Lebewohl und ging seines Weges. Als er art einer Gruppe strickender und plaudernder Mädchen vorüberkam, suchte er unwillkürlich nach Guenns- heiterm Gesichtchen, aber sie war nicht unter ihnen. Ein ängstliches Gefühl wollte ihn beschleichen, „aber nein", überlegte er, „wenn sie meiner bedürfte, hätte sie es mich wissen lassen. Sie hat mir ja ihre ehrliche, kleine Hand darauf gegeben!"
Beruhigt schritt Thymert toeiter; die kleine Frau oben am Feuster sah neugierig, wie er in den Hof trat. Dann ging er die Treppe hinauf und klopfte kräftig an Hamors Türe.
„Herein!" rief der Maler ungeduldig, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Er war viel zu vertieft in seine Arbeit, als daß er danach gefragt hätte, ob der unwillkommene Eindringling Staunton, der Zimmermann oder sein neuer Freund, der Polizeihauptmann sei. Auch Guenn, ganz auf die ihr vorgeschriebene Stellung bedacht, hielt den Kopf von der Tür abgewandt. Nur Jeanne mit dem Strickzeug erhob sich knixend und blickte in stummem Erstaunen vori einem zum andern, während Nannic den Mund zu spöttischem Grinsen verzog.
Guenn ließ das Ruder fallen, das sich hier auf dem Trockenen nur schwer handhaben ließ, und sprang Thymert freudig entgegen. „O, da ist er ja, Monsieur!" ries sie entzückt. „Run können wir ihn gleich um seinen Beistand für unser Bild bitten." Strahlend, frisch und rosig streckte oas junge Mädchen dem Priester beide Hände zum Willkommen entgegen. Dann blickte sie nach Hamor zurück und fragte mit glücklicher Miene: „Wollen wir ihm jetzt gleich alles sagen?"
„Ihr lieber Besuch ist für mich die größte Freude, monsieur le cur6", rief der Künstler herzlich, „verzeihen Sie nut, daß ich Sie nicht besser empfangen habe, aber ich bin so daran gewöhnt, daß die Leute bei mir aus- und eingehen! Auch machte ich gerade eine wichtige Studie von Guenn — 'aber natürlich einer so unerwarteten Ehre gegenüber ist das völlig Nebensache". Er zog den 'Ehrensitz, den alten, eichenen Armstuhl hervor, und nötigte. Thymert Platz zu nehmen.
„Lieber monsieur le eure", schmeichelte Guenn, ihn aufgeregt umflatternd tote ein kleiner Vogel, „nicht wahr. Sie helfen un8 bei unserem Bilde?"
Thymert fuhr sich mit der Hand über die Stirn — zum erstenmal int Leben war fein gerader, einfacher Sinti völlig verwirrt. Wir? Uns? Unser? Was in aller Welt foHte das bedeuten? Guenn haßte doch die Fremden und Künstler, und hier fand er sie, diesem jungen Manne mit dem Siegerlächeln gegenüber, so froh und heiter, so strahlend vor" unschuldigem Glück, wie nie zuvor! Wie int Traum sah er die bekannten Gesichter. Die kleine Jeanne mit dem langen Strickstrumpf sanft und mädchenhaft wie immer, Hamors angenehme, freundliche Züge, Guenns rosige Farben und liebliche, lachende Augen. Plötzlich fiel! sein Mick jedoch auf den'Kistenberg, von dessen Gipfel ihn Nannics boshafte Fratze anstarrte. — Es geschieht häufig in diesem trüglichen, verworrenen Menschenleben, und vielleicht liegt eilt versteckter Segen betritt, daß unverfälschter Haß unsere Kräfte wach, ruft, wy unverfälschte Güte sie nicht zu stärken


