401

von

begann zu schreiben:

. . . Nur noch wenig Tage trennen uns von jenem bemerkenswerten Termin, an dem das deutsche Volk vr.. neuem darüber entscheiden soll, wer als Sieger aus der

Wahlurne

Da stand plötzlich ein Setzerlehrling neben ihm:Der Metteur läßt fragen, welche von den gestern zurückgestellten Manuskripten heut' gesetzt werden sollen", damit über­reichte er ein ganzes Pack Papiere. Der Redakteur sichtete sie sorgfältig. Dann gab er einen Teil zurück, der andere wanderte in den Papierkorb.

Der Setzerlehrling überreichte ein paarFahnen".45 Zeilen Landwirtschaft sind zu viel, und 23 Zeilen Ver­mischtes."

Der Redakteur atmete aus, als er auch die noch ge­strichen hatte. Dann nahm er die unterbrochene Arbeit wieder aus. Er las den angefangenen Satz flüchtig durch und schrieb weiter:

... hervorgehen wird. In der Hand jedes einzelnen Wühlers liegt es- sein

Es wurde recht vernehmlich an die Tür gepocht.

"Ach entschuldigen Sie", eine ältere, würdige Dame schob! sich ins Zimmer,ich bin Abonnentin und da möchte ich mir gern eine Frage erlauben. Sehen Sie, ich bin schon gewiß eine ruhige Mieterin, die kein Wort mehr sagt, als notwendig ist. Doch was zu arg ist, ist zu arg. Ich habe schon Wohnungen gehabt, in denen ich 17 Jahre und noch länger gewohnt habe, aber so was is mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. . ."

Wollen Sie mir sagen, um was es sich handelt?" unterbrach der Redakteur die Redselige geduldig.

Natürlich, ich bin ganz Ihrer Ansicht", stimmte sie zu,ich gehe auch stets sofort auf den Kern der Sache ein. Es hat gar keinen Zweck, immer wie 'ne Katze um den heißen Brei herumzuschleichen. Also eine kategorische Frage: Ist es ein Grund zum sofortigen Ziehen, wenn die Wände derart feucht sind, daß Wassertropsen, daß ein ganzer Strom herunterläuft, sodaß eine arme, ehrbare Frau in ihrem eigenen Bette zu ertrinken droht?"

Ja, natürlich", Dr. Winkler betrachtete staunend die Dame, die über einen Marienbader Umfang verfügte natürlich^ da dürfen Sie ohne weiteres ausziehen."

Sehen Sie", triumphierte die Monnentin,das hab' ich mir gleich gedacht. Aber meine Nachbarin wollte es nicht glauben. Jetzt gehe ich sofort nach Hause und schicke sie auch zu Ihnen, damit Sie ihr das bestätigen."

Das Herschicken hat für mich keine Eile", rief der Redakteur der Davonstürzenden nach; aber die war seinem Gesichtskreise bereits entschwunden.

Nun schleunigst an die Arbeit! Was hatte er denn eigentlich... ach richtig, den Wahlaufruf. Da müßte in letzter Stunde. . .

Kllrrrr, klapperte das Telephon. Der Redakteur hob das Hörrohr.

Ach, hör'n Sie mal", klang ihm ein schwaches Stimm- chen entgegen,woll'n Sie mir nicht sagen, in welchem Geschäft die Nähmädchen gestern in Ihrem Blatt gesucht wurden?"

Himmlische Ruhe."

, Sie bekleiden hier wohl einen kompletten Ruheposten, Herr Doktor", meinte etwas mitleidig der Vertreter eures internationalen Telegraphenbüreaus aus der Hauptstadt. Wenn ich mir dagegen den Trubel bedenke, der aus den berliner Redaktionen herrscht, was da für ein Leben ist . . . . Aber hier diese Ruhe, diese himmlische rdyllische Ruhe!! Hier muß sich's ja arbeiten wie geschmiert..."

Dr. Winkler rückte unwillig auf feinem Sessel hin und her und warf demWolfmenschen" einen bösartigen Blick zu.'s arbeitet ftö ja auch ganz gut hier", ant­wortete er mit erheuchelter Gleich glltigkeit,aber mrt der himmlischen Ruhe ist's vorbei, wenn die Herren Ber­liner mir hier lange Geschichten erzählen, die nnch nicht ititeTeffierett/'

Verstehe diesen Wink mit dem Zaunpfahle", lächelte der Wolfmensch, ,,'Psehle mich. Im Herbst komme ich wieder." ,

Dr. Winkler schlug erfreut drei Kreuze.Jetzt nur eine Stunde Ruhe," dann habe ich meinen Artikel fertig", meinte er vergnügt, griff nach Feder und Papier und

Weiß ich nicht, müssen sich au die Expedition wenden", rief der Redakteur zurück und stellte den Apparat schleu­nigst ab.

Da kam ein Bote aus der Expedition.

's ist ein Herr unten, der will Sie unbedingt sprechen".

Ich hab' keine Zeit, runterzukommen, soll seine Karte heraufschicken."

Kaum hatte der Redakteur seine Feder wieder Mrt der Tinte benetzt, war der Bote schon wieder da.

Der Herr hat keine Karte, aber er folgt rnir auf dem

Sehr geehrter Herr Kollege! Verzeihen Sie. Weiß wie unangenehm solche Störung. War früher auch mal redaktionell beschäftigt. Jetzt freilich", der glattrasierte Mann mit der blechern klingenden Bühnensti,nme schob seinen tief ausgeschnittenen Hemdkragen von zweifelhafter Färb­ung wieder in eine halbwegs leidliche Fasson,jetzt btn ich etwas klamm. Aber brillanten Abschluß mrt erster Bühne Londons in der Tusche. Wenn also der Herr Kollege einen kleinen Reisezuschuß . .

Dr. Winkler opferte ein Zweimarkstück auf dem Altäre der Redaktionsschnorrerei. Blitzschnell verschwand es in der abgrundtiefen Tasche des Kollektisteii, der durch einen gnä­digen Wink der Hand dankte, und beim Abgehen auf dem Korridor deklamierte:

Denn wer den Besten seiner Zeit genug Getail, der hat gelebt für alle Zeiten.

Der Redakteur hielt sich sämtliche Ohren zu. Als der Satz verhallt war, sah er sia> fein Manuskript wieder an:

. . . einzelnen Wählers liegt cs, sein Schicksal für lange

S Jahre zu bestimmen. Nachdem die auf alleir Ge­rn des öffentlichen Lebens gleich lastende

Mn Maurerlehrling reißt ohne weiteres die Tür aus.

Herr Doktor, sie schicken mich zu Sie. Vom Neubau wat zu bestellen: Maurer Ernst August Unverzagt aus Ka- ludwrgkeiten bei Pilkallen in Ostpreußen gebürtig, ist heute vormittag 93/4 Uhr vom Neubau an der Moltkestraßc, dem Bäuunternehmer Anselm Jeremias Habedank gehörig, ab­gestürzt. Doppelter Schenkelbruch. In Klinik. Verheiratet, Vater von sieben ehelichen Kindern."

Damit wollte der Junge schleunigst verschwinden.

Heeee!" schrie der Redakteur hinter ihm dretn,wulst, Du zurückkommen. Glaubst Du,). kann mir Dem Ge­stammel merken? Deklamier's noch einmal her."

Der Junge schnitt eine verzweifelte Grimasse.

Kllrrrr, schrillte da von neuem das Telephon. Dr. Winkler begrüßte, während er das Hörrohr aufnahm, den Anrufer mit einem fröhlichen:Daß Dich der Teufel fti- kassieren möge" und dann:Hier Redaktion!"

Hier Frankfurt a. M. Fruchtmarkt. Hafer neuer, eine Mark höher, alter zwei niedriger. Weizen beide No­tierungen eine Mark niedriger. Gerste neue, zwei, alte eine Mark niedriger. Roggen unverändert. Tendenz schwach. Schluß."

Aber hören Sie doch mal. Sie da, heee, so ivarten Sie doch am Apparat. Ich habe noch etwas Ihnen zu sagen", tobte der Redakteilrwas, Sie sind schon fort? Ta soll doch gleich ein Himmelkreuz-Douner . . ."

Mein Herr", eine Damen stimmeSie sprechen jetzt mit dem Amt. Solche Ausdrücke muß ich mir wirklich t) erbitten "

Entschuldigen Sie, Fräulein", Dr. Winkler dänlpste seine Stimme zu einem Flüstern herabich glaubte, es wäre noch der Anschluß von vorhin". Dabei drehte er wütend die Kurbel, als ob er Kaffeebohnen für ein Damen­kränzchen zu mahlen habe. ,

Der Maurerlehrling stand noch immer aus Posten.

Nun sagte er nochmals sein Gebet her und verschwand. Der Kerl ist ja noch verrückter tote unser Polier", knurrte er draußen. c , r .

... für seinen Teil abzumachen, tndem er nach setner freien Ueberzegung abgibt einen Stimmzettel für den

Dr. Winkler erhielt einen Nervenchoc, als er schon wieder gestört wurde: ,

Ter Briefträger brachtewas" nut Zupellungsurumde, ein Schutzmann übergab den Polizeibericht, cut Bote kassierte den Beitrag für den Verein zur Hebung und Förderung des Theaters ein, ein Abonnent wünschte Aus­kunft, wer nach dem Tode Leos XIII. Papst werden würde. Tie Aufforderung, den ersten offenbar tausendseitigen Ro­man einer jungen Dame int Manuskript zu prüfen, ein