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schwankenden Schritten das Gemach erreicht, in welchem alles vor seinen Augen verschwand bis auf das eine geliebte Gesicht, das er so verzweifelt gesucht hatte.
„Mein Liebling!" rief er außer sich vor Freude, und Aimee sank ohnmächtig in seine Arme.
„Ich glaube, es wird mir gut tun, ein wenig frische Luft zu schöpfen", bemerkte Herr Henderson und war gleich darauf im Garten zu sehen, in verdächtig sentimentaler Weise ein großes blaues Taschentuch benutzend. Denn der Amerikaner hatte ein gefühlvolles Herz, und ein bischen Romantik rüttelte ihn bis ins Innerste auf, !vie er selbst zu sagen pflegte.
Als Aimee sich hinreichend erholt hatte, um die beglückende Wahrheit zu fassen, daß Richard ihr nie die Treue gebrochen, und daß all ihrem Unglück nur ein Mißverständnis zu Grunde gelegen hatte, ivaren auch die Umrisse zur Geschichte ihrer Mutter vollständig ausgefüllt.
Mit ihrem eigenen Briese und der Vollmacht aller Parteien bewaffnet, begab sich Herr Norris zu Fräulein Bassett, um ein sehr nachdrückliches Verhör mit ihr anzustellen. Nach vielen verschmitzten Um- und Auswegen, die ihre boshafte Selbstsucht entschuldigen sollten, fühlte sie sich endlich bewogen, einen genauen Bericht über Beatrices Heirat zu geben.
Herrn Forest, der nür ein Künstler, aber sehr talentvoll und von guter Familie gewesen, hatte Fräulem Bassett gekannt, ehe sie Frau Grahams Gesellschafterin wurde. Durch ihre Bemühungen wurde er als einer von Beatrtcens zahlreichen Lehrern nach Westfields berufen. „Es unterliegt keinem Zweifel", bemerkte Herr Norris, „daß sie selbst Absichten aus ihn hatte und es Fräulein Graham nie vergeben konnte, daß diese ihre Heiratspläne durchkreuzte.^
Aber unglücklicherweise fühlten sich Lehrer und Schülerin zu einander hingezogen. Frau Graham, eingehüllt in ihren Stotz, beit selbst des Sohnes Verhalten nicht hatte erschüttern können, bemerkte nichts von allem, was vorging. Die Liebenden wußten sehr wohl, daß sie der Mutter Einwilligung zu ihrer Verbindung niemals erhalten würden; so beschhosseu sie denn in einer unseligen Stunde sich heimlich trauen zu lassen. Die Tochter kehrte von, einem kurzen Besuche in einem entfernten Teil der Grafschaft als Paul Forests Gattin zurück und gestand leider zuerst der Gesellschafterin, was sie getan, dann zog sie ihre Mutter ins Vertrauen. Innerhalb einer Woche fourde sie unter dem Borg wen, ein ausländisches Institut besuchen zu sollen, ftir immer von Westfields verbannt.
Frau Graham wußte in ihrer stolzen Selbstbeherrschung alles so zu machen, daß nicht das Geringste von der Geschichte in die Oeffentlichkeit drang. Spätere peinliche Fragen, die ja unausbleiblich gewesen wären, vereitelt« Beatrice Forests frühzeitiger Tod. Die unversöhnliche Mutter nahm nur insoweit von der Bitte ihrer sterbenden Tochter Notiz, als sie sich erbot, das Mud, ihre Namensgefährtin, in einer entfernten Gegend Englands erziehen zu lassen, unter der Bedingung, daß Herr Forest allen Ansprüchen aus seine Tochter für immer entsage und keinerlei Beziehungen zu derselben unterhalt«. Diese Zumutung wies er entrüstet zurück, und damit war jeder weitere Verkehr zwischen ihm und Frau Graham für immer abgebrochen.
, r < »Von jener Zeit an, Sie dürfen sich darauf verlassen", schloß Herr Norris, „hegte Fräulein Bassett die feste Hoff- niwcj/ beit -ßdtoencniteil Don cnxi§ 93enttÖcteit
HU sichern. Aber jene Hoffnung wurde zerstört durch das Testament, das die Dame, endlich einer natürlichen Reauna folgend, auf dem Sterbebett machte."
„Aber wie können wir sicher sein", fragte Dr. Wilson, stimmtw?"Fr"ulein Forest jst, die sie zu ihrer Erbin be-
„Aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nicht wußte, daß noch eine andere Enkelin ihren Namen trug", ant- wortete der Anwalt. „Meiner Namensgefährtin Ellinor, Mneb sie und so lasen Sie. Es war die Stimme ihrer Geiellschafterin, welche „Graham" beifügte, wie sie mir eben selbst sagte. Und allem nach zu urteilen, scheint mir, daß Fraulein Bassett damit eine zweifache Rache ausübte: an der toten To Mer und der sterbenden Mutter, welche ihr Streben nach Liebe und Vermögen durchkreuzt hatten."
Doktor Wilson erinnerte sich sehr wohl des letzten klaren Blickes, den die Sterbende aus ihre Gesellschafterin ge
heftet und ihrer seltsamen, fast zornigen Angst und Erregung, die ihm damals unverständlich gewesen, die er aber jetzt vollkommen begreifen konnte.
„Und bitte, woher wußte die liebenswürdige Dame, wo Fräulein Forest zu finden sei?" fragte Herr Henderson gespannt.
„Das kam so", versetzte Herr Norris: „Fräulein Bassett hat eine Schwester, die in einem großen Geschäft in Brüssel eine Stelle belleidet. Diese Dame ist bekannt mit einer Frau Werlö, deren Mutter Pförtnerin des Hauses war, in dem Herr Forest jahrelang wohnte. Durch diese Beziehungen war es Fräulein Bassett möglich Fräulein Forest im Auge zu behalten."
„Also", sagte ein bärtiger Herr, der mit einem sehr gebräunten, aber fast knabenhaft, aussehenden Jüngling bei dieser Erklärung im Speisezimmer von Westfields anwesend war, „also muß ich annehmen, daß die Existenz meiner Tochter Ellinor ihrer Großmutter ganz unbekannt ivar?"
„Dies, Herr Graham, wird Fräulein Bassett auf Ihren Wunsch mit dem Eide bekräftigen", war die Erwiderung des Anwalts.
Aber niemand trug Verlangen nach Fräulein Bassetts Eid. Alle wünschten dringend deren schleunigste Entfernung von Westfields und waren einstimmig der Ansicht, daß die Schmerzen und Verunstaltttngen, die ihr Unfall nach sich gezogen hatte, eine hinreichende Strafe für ihre boshaften Machenschaften seien.
Märe eine der Minors oder eine deren Vertreter streitsüchtig gestimmt gewesen, so hätte sich Aimees Besitzergreifung von Westfield nicht so glatt vollziehen können. Herr Graham aber erllärte sich sofort bereit, alle Ansprüche an die Tochter seiner Schwester abzutreten und diese wollte sich nicht zusiieden geben, ehe man ihr erlaube, mit ihrer Kousine zu teilen. So mußte denn Herr Norris amtlich und fteundschaftlich sich der Sache annehmen. Westfields blieb Ellinor Forest und deren Erben gesichert, während die Hälfte des übrigen Einkommens für die nächsten zwanzig Jahre zu Ellinor Grahams Verfügung stehen mußte.
In Begleitung ihres Vaters stattete diese letztere Ellinor noch einen Besuch in Frau Stirlings ärmlicher Hütte abl. Die arme Frau war so schwach geworden, daß sie zu ihrem größten Kummer sich nicht erheben konnte, um dem vornehmen Schwiegersohn ihre „Reverenz" zu machen. Ihr runzeliges Gesicht strahlte vor Freude, als ihr dieser von seiner Frau erzählte, „der besten, die es je gegeben", und sie verzieh „dem Gentleman" gern den Stolz, der ihr so viele schwere Stunden bereitet.
Wenige Tage später war die gute Alte zur ewigen Ruhe eingegangen, ohne daß jemand, außer den wenigen Eingeweihten, eine Ahnung erhielt von den Beziehungen, di« sie mit der Familie Graham verbänden.
So vergingen zwei Monate, während welcher Zeit die Leiden Kousinen eine warme, innige Freundschaft miteins ander schlossen. Und an einem klaren Novemberinorgen, als Gluck und Liebe wieder Rosen auf Aimees Wangen gezaubert, erklangen die Kirchenglocken von Bridgeham zu einer doppelten Hochzeitsfeier. Wenige Tage darauf schiffte sich Ellinor Boyd mit dem jungen Schottländer, den sie zum Lebensgefährten erwählt, nach der alten Heimat ein, nach der sie sich stets im Geheimen gesehnt hatte, während ein Monat später Ellinor Morgan nach Westfields zurückkehrte, gerade rechtzeitig, um mit ihren liebsten Freunden, Fräulein Osborne und den Hendersons, ihr erstes englisches Weihnachtsfest zu feiern.
„Meine kleine Gnädige", nennt sie Doktor Wilson stets, stolz auf die allgemeine Beliebtheit, deren seine junge Schwägerin sich erfreute.
„Meine Schwester, Frau Morgan von Westfields", sagte Frau Wilson noch immer, in einer gewissen Scheu vor Aimee, die so hochherzig Verzeihung gewährt hatte für das unbefugte Einmischen, das doch ihrem Glücke beinahe verhängnisvoll geworden wäre.
Aber für Richard Morgan — von der Firma Barker und Morgan — ist sie „meine Aimee" und wird es, bleiben bis zum Ende der Zeiten, obschpn das schöne Heim, das sie dem Gatten zugebracht hat kraft ihres anderen Namens Ellinor ihr Eigentum wurde.


