Samstag den 11. JuU.
Nr. 102
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Eirglischen von Clara Rheinau.
(Schluß.)
Die Botschaft, ivelche so geringe Aussicht gehabt hatte, je in Aimees Hände zu gelangen, lautete:
„12. August.
Eine Freundin in England, ivelcher vieles aus Fräulein Forests Leben bekannt ist, was diese vielleicht selbst nicht werß, wünscht Sie hiermit zu benachrichtigen, daß ein bedeutendes Besitztum in einer der östlichen Grafschaften Englands ihr rechtmäßiges Eigentum ist. Frau Graham vermachte dasselbe in ihrer Todesstunde ihrer „Enkelin und Namensgefährtin Ellrnor", welche Enkelin und Namensgefährtin Fräulein Elliuor Forest ohne Zweifel ist. Infolge eines Mißverständnisses ergriff eine andere Person von dem Vermächtnis Besitz. Aber wenn Fräulein Forest bei Herrn Norris, Rechtsanwalt in St. Giles Norwich, ihre Identität beweist, wird sie zweifellos imstande sein, ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen und vermutlich mit den einzigen überlebenden Verwandten ihrer Mutter zusammentreffen. Sollten noch ausführlichere Beweise nötig sein, um Fräulein Forest's Stellung zu sichern, so sind dieselben zu erlangen, wenn man sich durch die „Times" in Verbindung setzt mit C. B."
„O die doppelte, dreifache Verräterin!" rief Ellinor, als sie zu Ende gelesen, und Zoruesröte übergoß ihre Wangen. „Sie mag freilich Eile haben, von hier wegzu- kommen. Dies hat niemand anders geschrieben, als Fräulein Bassett."
„Und wer mag diese durchtriebene Person fein?" fragte Herr Henderson.
„Diese Person, Sir", antwortete der Doktor, in dessen treuherzigen Zügen sich ein grenzenloses Staunen malte> „ist eine Dance, die zurzeit noch in Westfields zurückgehalten wird durch die Folgen eines schweren Unfalles, der ihr und meinem — ah — hin — ihrem Wagenlenker vor einigen Wochen zustieß. Aber sie ist nun h mreichend wieder hergestellt, um uns Rede zu stehen. Ich schlage deshalb vor, daß Herr Norrrs als der Anwalt der Familie, Sie, Herr Henderson, als Fräulein Forests und ich selbst als Fräulein Grahams Berater sich unverzüglich zu ihr begeben, um eine volle Erklärung zu fordern. Sie, Fräulein Forest", wandte er sich in liebevollem Tone an Aimee, „bedürfen dringend der Ruhe. Wir wollen Sie deshalb ein Stündchen allein lassen."
Aimee gab sich alle Mühe, ruhig zu antworten, allein das Eigentümliche ihrer Lage überwältigte sie fast. Der Anblick des letzten Schreibens ihrer früh verlorenen Mutter hatte ihr den letzten Rest von Fassung geraubt.
„Ich kann nicht bleiben, Herr Wilson", sagte sie mit
leiser, gebrochener Stimme. „Herr Norris wird alles Nötige für mich ordnen, aber ich muü — muß gehen. Ich wäre nie hierher gekommen —" sie blickte zu ihm auf nut Augen, die zu fragen schienen: „Wissen Sie, warum?" „Aber bcs wir hierher vorfuhren, hatte ich keine Ahnung, wohin man mich brachte."
„Sie war von der Reist ermüdet", schaltete Herr Henderson ein. „Und so Uetz ick sie bei meinen Frauenzimmern im Hotel zurück, während ich mich aufmachte und mit Herrn Norris ihre Angelegenheiten verhandelte. Bei unserer Fahrt hierher konnten wir nicht viel Unterhaltung führen, und Fräulein Forest schien ganz erschrocken, als sie hörte, wem dies Haus gehöre und 'wer darin wohne. Junge Leute mit zarten Nerven haben oft so ihre eigenen Ideen, wie Sie wissen."
„O bitte, denken Sie doch noch nicht daran, hier wegzugehen, Kousine", sagte Ellinor. „Mein Vater trifft heute hier ein und er muß sie doch sehen. Es ist auch noch so vieles unaufgeklärt, worüber wir mit einander sprechen müssen. Und wenn ich — wenn ich alles verlasse, was nicht mein ist, so muß ich Ihnen zuerst noch von meinen Arbeiten in Westfields und von Herrn Morgan —"
„Herr Wilson", unterbrach sie Aimee totenbleich und wie Espenlaub zitternd, — ich — ich — muß jetzt gehen. O darf ich gehen?"
„Es ist nicht notwendig, daß Fräulein Forest diese Erklärungen erhält", sagte der Doktor, über Aimees Kopf weg aus dem Fenster blickend und in sehr zerstreutem Tone sprechend. „Er wird ihr ganz bald alles selbst sagen können. Mein Schwager", fuhr er zu Herrn Henderson gewendet fort, Aimee ganz ungalant den Rücken kehrend, „war nämlich in einer sehr schwierigen Angelegenheit abwesend. Er suchte eine Freundin, die er nicht finden konnte. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und war ganz reiseunfähig. Ein vernünftiger Wundarzt in Paris beorderte ihn nach Hause. Er kommt heute zurück — sogleich — ich glaube wirklich, da ist er schon."
Und in größter Aufregung eilte der Doktor in die Halle hinaus, gerade als seiu eigener Wagen, der den Reisenden am Bahnhof abgeholt hatte, vorsuhr und Frau MUson, von ihrer Besucherin endlich befreit, hereinstürmte, um den Bruder zu begrüßen.
„Nun, lieber Junge, nimm meinen Arm", sagte der Doktor. „Allmächtiger Gott, wie geisterhaft Du aussiehst! Wre geht's, Jarris? Bitte, bringen Sie den Wagen au die andere Tür. Und jetzt — mit seiner Frau und Richard eintretend — verhaltet Euch beide so ruhig als möglich, nicht wahr? Aber ich muß sogleich mit der Sprache heraus. „Dort" — auf die halbgeöffnete Tür deutend — „ist Fräulein Forest mit ihren Begleitern."
„Aber Robert!" rief Frau Wilson in vorwurfsvollem Tone. Doch Richard entwand sich dem festen Griffe des Doktors, der ihn zurückhalten wollte, und hatte mit wenigen


