408
soeben an Ort und Stelle in einer Verlagsbuchhandlung erschienenes großes Werk über die Psyche der Hottentotten „noch heute oder morgen" länger zu besprechen, sofort zu einer hochwichtigen Kriegsgerichtssitzung selber zu erscheinen und ferner noch ein Hochzeitskarmen zu schmieden, lehnte Dr. Winkler schlankweg ab.
Schließlich untersuchte er tastend seine Stirn, um sich zu vergewissern, daß er seine Sinne immer noch- zusammen habe. Als er das konstatiert hatte, ließ er sich in seinen kurulischen Sessel fallen, griff zur Feder und . . .
„Manuskript, §erc Doktor", heischte da ein Lehrling. „Der Metteur schickt mich. Es ist keine Zeile Satz mehr oben, die Leute stehen still und machen Krawall —“
„Ach so, Manuskript", dehnte Dr. Winkler, „ja, dazu bin ich wirklich noch nicht gekommen."
„Aber Herr Doktor", meinte vorwurfsvoll der Junge.
Dr. Winkler sah erstaunt zu dem Bürschchen hin. „Scher' Dich jetzt, schließe die Tür zu und sage oben und unten, ich sei gestorben und begraben."
Als der Schlüssel in der Tür knirschte, nahm Dr. Winkler sein Manuskript nochmals vor:
. . . einen Stimmzettel für den Kandidaten jener Partei, die allein einzutreten gewillt ist, sowohl für alle Rechte des Volkes, als auch für die Größe, für den Wohlstand unseres Vaterlandes. Wenn in diesem Sinne —"
Als nach einer Stunde Dr. Winkler die Feder niederlegte, meinte er: „Nun wollen wir mal sehen, was der Wahltag sagt."
VsrmrtzchLes«
* Das Geheimnis von Lhassa. Lhassa, die Stadt des Dalai Lama in Tibet, war bisher den Fremden unzulänglich gewesen und deshalb als geheimnisvoll betrachtet worden. Professor Zybikow von der Petersburger Universität, der ein buddhistischer Burjat ist und die tibetanische Sprache beherrscht, hat durch einen Besuch der Stadt dieses Dmikel gelichtet. Lhassa liegt malerisch auf dem Südabhang eines Berges. Eine schöne breite Straste, die zu religiösen Umzügen nnd Bußübungen dient, umgibt die Stadt. Inmitten der Stadt, die höchstens 10 000 Bewohner hat, liegt der Buddhatempel, der drei Stockwerk hoch ist, mit drei vergoldeten chinesischen Dächern. In ihm steht eine Riesenbronzestatue Buddhas mit einem Kopfputz ans getriebenem Gold mit Juwelen. Das Gebäude enthält Räume für den Dalai Lama nnd seinen Rat. Die ebenso wie die Stadt im siebenten Jahrhundert gebaute Residenz des Dalai Lama liegt etwa eine Meile von Lhassa auf dem Berg B-odala. Dicht daebi liegt das alte Schloß Hodson-Bodala, ein nennstöckiges Gebäude von 1400 Fuß Länge, in dem das Schatzamt, die Münze, die Schulen der Theologie und Medizin, Wohnnngen und ein Gefängnis uutergebracht sind. Fast 6000 Personen, Knaben, junge Leute und selbst graubärtige Patriarchen studieren Theologie. Seit dem 15. Jahrhundert liegt alle tveltliche und geistliche Macht in den Händen des Dalai Lama. Um bei seiner Wahl Streit zu vermeiden, legt das Wahlkonzil drei Papierstreifen mit dem Namen dreier Knaben in eine Urne, und der Resident entfernt mit einem Stäbchen einen Streifen. Der darauf bezeichnete Knabe wird der neue Dalai Lama. Der jetzige Dalai Lama ist 27 Jahre alt. Er ist feit 1806 der fünfte. Der Rat der Dalai Lama umfaßt vier sogenannte „Galons", die vom Kaiser von China ernannt sind. Die Verwaltung des Landes liegt in den Händen einer geschlossenen Aristokratie; Bestechung und Korruption sind fast allgemein. Ertränken, Tortur, Aus- peitscheii, Verbannung nnd Geldstrafen gehören zu den gewöhnlichen Strafen. Das Räuberunwesen blüht. Die Bevölkerung, die früher anf 33 000 000 geschätzt wurde, nimmt durch Krankheiten, besonders durch Pocken, und da cs so viele im Cölibat lebende Priester gibt, ab. Fast das ganze Land Zentraltibets gehört dem Dalai Lama. Die gewöhnlichen Leute tragen weiße Gewänder aus selbstgesponnenem Stoff, die Reichen rote, die Beamten gelbe und Soldaten blaue. Die Frauen tragen viele Juwelen, Die Bewohner Zentraltibets halten streng fest an ihren fast rein förmlichen religiösen Bräuchen. Medizin ist wenig beliebt. Die Moral ist primitiv; die ehelichen Bande sind nur sehr lose. Es ist sowohl Vielweiberei wie Vielmännerei üblich. Die Arbeit ist
billig, die Männer bekommen 8 oder 12 Pfennig für den Tag, die Franen dienen gewöhnlich für ihren Unterhalt. Schaffelle, Rindvieh, Statuen, Bücher, gelbe Lamakappen und Iakschwänze, die als Roßschweife für türkische Paschas gebraucht werden, sind die Hauptausfuhrartikel.
* Aus der Gesellschaft. Erste Dame: „Sie durften also den Raubmörder in seiner Zelle besuchen?" —> Zweite Dame: „Und wurde ihm sogar vorgestellt!"
* Kompetent. „Damen ertragen Schmerzen im allgemeinen weit besser, als Männer." — „Welcher Arzt hat Ihnen das gesagt?" — „Kein Arzt, ein Schuhmacher/«
LiieraVischeA.
Sexuelle Pädagogik in Haus und Schule, Von Adelheid von Bennigsen. Verlag von Edwin Runge in Groß-Lichterfelde-Bertin. Preis: 50 Pfennig. — Diese Schrift gehört in die Hand jedes Vaters, jeder Mutter, jedes Geistlichen und Lehrers, jeder Lehrerin. Sie werden an der Hand derselben die ihnen anvertrauten Kinderseelen rein erhalten und vor Verirrungen bewahren^ die schon allzu oft den moralischen Tod ungezählter Kinderseelen verursachten. Die kleine Schrift kann deshalb! nicht eindringlich genug allen, die es angeht, empfohlen werden.
Gern rühmen ivir das so hoch entwickelte neuzeitliche: Verkehrswesen, ohne daran zu denken, daß sein ganzer,^ auf höchste Schnelligkeit und Zeitersparnis gerichteter Zuschnitt auch an die Körperkräfte wie an die Leistungsfähigkeit einzelner Organe bei allen Beteiligten stark erhöhte Anforderungen stellt und dadurch schädigend wirkt. Diese Schattenseite des Betriebes mit Dampf und Elektrizität^ mit Motor und Fahrrad beleuchtet ein lehrreicher Aufsatz „Moderne Berkehrskrankheiten" von Dr. med. P. Schütte in dem neuesten (20.) Heft von „Neber Land und M e e r". Hübsch illustrierte Artikel schildern Burg Gltz an der Mosel, interessante Hundetypen, die neuen Rathaus- bäuten in Frankfurt a. M., Jsmid, die „Stadt Diokletians" in Kleinasien, nnd die Kunst der Spinnangelei. Neben Pariser Damenrestaurants („Ponr Dames Seules") plaudert Käthe Schirmacher in ebenso sachkundiger wie anziehender Weise. Von belletristischen Beiträgen bringt das rerch- haltige Heft den Anfang einer im Renßtale spielenden neuen, durch dramatische Spannung und packende Seelen- schildernng gleich ausgezeichneten Erzählung des beliebten Schweizer Autors Ernst Zahn, dessen Roman „Erni Beharm" und Novellensammlungen „Menschen" und „Herrgottsfäden" sich hohen Ansehens in der deutschen Leserwelt erfreuen, während uns die feinsinnige Novelle „Ein Frauenhaar'« von M. Kossak in die sibirische Steppe versetzt. Außerdem findet man reich illustrierte Nvtizblätter, Gedichte, Rätsel usw. Von den größeren Illustrationen feien besonders her vor gehoben der prächtige Farbendruck „Geflügelmarkt in Rumänien", nach einem Aquarell von Hugo Klingemann, und „Verendet", nach dem Gemälde von Robert Ruß. Der Abonnementspreis von „Neber Land und Meer" beträgt für 13 Nummern vierteljährlich nur 3 Mark 50 Pfg-, für jedes 14 tägige Heft 60 Pfg.
Auflösung des Preisrätsels in Nr. 90 der Familienblätter r
E R
RAA
LAST
IRENE
NATHAN
Die Gewinner sind: 1. Amalie Leszinsky, Gießen, Löberslr. 17 — Preis: „Weltgift", Roman von Peter Rosegger; 2. M. Muller, Gießen, Grünbergerstr. 7 — Preis: Plastiken und Kartons von Arnold Rechberg.
Di-Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. ___________
Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.r LEIM
ELSA
ISAR
mark
Redaktion: A ngust Götz. — Rotationsdruck und P erlog der P r ii bl'scheu UniversitätS-Dnch- nnd Etcindruckerei. R. Lange, Gießen.


