Ausgabe 
7.9.1903
 
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leine, der einzige Ausgang war nach dem Balkonzimmer, in dem der Oberst beim Glase Burgunder saß. Was aber das schlimmste ivar es gab auch kein Fenster er befand si-ch in einem bloßen Alkoven, der als Rumpelkammer benutzt wurde.

Und durch das Balkonzimmer konnte er sich nicht wagen, der Oberst drehte der Tür seines Aufenthalts gerade das Gesicht zu.

Was nun anfangen? Fort mußte er brach der Oberst vor ihm auf, so war er verloreu ersterer konnte die bequeme Hauptstraße reiten, auf welcher er das Quar­tier in der Hälfte der Zeit erreichte, wie sein Untergebener.

Weißt Du keinen Rat, mein Lieb?" wandte er sich mit Angstschweiß auf der Stirn an Olga, die nach ihm Umschau zu halten kam.

Ich zerbreche mir umsonst den Kopf, Kurt, ich will hinunter und einmal mit dem alten Christian reden. Der ist aller Ränke und Schwänke voll."

Thu' das aber es ist Gefahr im Verzüge, mein Herz wenn ich nur vor allen Dingen hier heraus wäre solch ein Pech, gerade in eine solche Sackgasse, in ein Gefängnis zu geraten!"

Wenn ich Dir nun Kleider von Hermann schickte? Er ist doch fast von Deiner Figur^ rief Olga nach kurzer Ueberlegung.

Wozu das?"

Du ziehst sie an, bindest noch ein Tuch um den Kopf, als hättest Du Zahnschmerzen und gehst keck an dem alten Haudegen vorüber"

Und wenn er mich trotzdem erkennt?"

Wir stellen Dich als Deinen Bruder vor, der gerade zu Besuch ist Ihr seid nur ein Jahr auseinander und Euch sehr ähnlich. Den Eltern gebe ich schon einen Wink. Deine Uniforin packen wir in dasselbe Paket, in welchem ich Dir meines Bruders Zivilkleider sende der Bote trägt sie vorher unbemerkt hinaus."

Kurt dachte einige Sekunden nach. Es blieb ihm nichts anders übrig.

Olga ging; zehn Minuten später erschien ein Knecht mit einer Kiste im Gemach, worin sich der in Aussicht gestellte Zivilanzug befand. Kürt schlüpfte rasch aus seiner Uni­form in die gebrachten Kleider, der Knecht warf die Uni­formstücke in die Kiste, klappte den Deckel zu und bewerk­stelligte durch das Balkonzimmer seine Rückkehr. Auch das weißseidene Tuch war nicht vergessen, das sich der junge Mann um die Wange wand, er zog es so dicht vor Nase und Augen, als die Wahrscheinlichkeit der Maskerade nur immer gestattete.

Nun nahte der entscheidende, inhaltschwere Moment! Eine möglichst klägliche Miene anuehmend, öffnete Kürt entschlossen die Tür, schritt kühn durch das Zimmer und wollte mit einer flüchtigen Verbeugung an dem Oberst vorbeischlüpfen, als dieser, dessen Adlerauge trotz der Ver­hüllung eine Aehnlichkeit herausgefunden haben mochte, ihn mit den Worten zurückhielt:

Na, was fehlt Jhuen denn aber das ist doch nicht Hermann, lieber Baron?"

Was blieb nun Kurt übrig, als stehen zu bleiben und der Vorstellung stand zu halten?

Zum Glück war der Baron von seiner Tochter schon herausgewinkt und instruiert worden.

Nein, es ist nicht Hermann", erwiderte er nachlässig, sondern der Sohn eines alten Freundes er ist seit gestern bei uns zu Besuch und wurde leider heute morgen von heftigen Zahnschmerzen befallen, die absolut nicht wieder weichen wollen. Als Besuch kam, genierte er sich und zog sich zurück Sie wollen wohl Ihr Lager auf- suchen, fieber Möllhof?"

Ja", antwortete Kürt mit möglichst veränderter Stimme.

Herr Guido Möllhof", stellte der Baron bor.Herr Oberst von Bardelstein Du kennst ja die Familie wohl auch, lieber Bardelstein? Der Bruder steht in Deinem * Regiment als Einjähriger."

Es kam dem Baron hart an, diese Notlüge vom Stapel zu lassen, eiuerseits konnte er aber den jungen Manu nicht in der Not im Stiche lassen, anderseits lief seiner Meiuung nach die Sache auch mehr auf einen lustigen Soldatenstreich hinaus. (Schluß folgt.)

Ltterarsfchss.

Die neueste Nuiümer (35) derF r eist a t t" (Kritische Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst) dürfte dies­mal ganz besonderes Interesse erregen. Gleich der schneidige Leitartikel von Dr. I. Johannsen, der sich in Süddeutsch­land als Vorkämpfer der jungliberalen Bewegung einen Namen gemacht hat, ist sowoohl in Bezug auf Gedanken­gehalt wie Form gleich vortrefflich. Er ist betiteltEin! inneres Sedan" und weist auf neue Ziele und Wege des Liberalismus hin. Dr. Max Prager schildert in einem AufsatzPräsident Roosevelt und die ameri­kanischen Frauen" Roosevelts Stellung zur Frauen­frage. Eine entzückende und doch 'wieder tief ergreifende NovelleDas Modell" steuert der in Hessen allgemein bekannte Darmstädter Dichter Wi l h e l m H o l z a m e r bei. Weiter enthält die Nummer Gedichte von R. Schaukal und Andreas Königsbauer. Ludwig Thomas (Peter Schle- mihls) 'künstlerische Persönlichkeit erfährt eine eingehende Würdigung durch Wilhelm Michel, nüd Otto Grautoff befaßt sich in einem längeren Essay mit der diesjährigen Kunst­ausstellung im Münchener Glaspalast. Ein reichhaltiger kleiner Teil vervollständigt den wertvollen Inhalt dieser Nummer, die von dem kräftigen Aufschwung der jungen mutigen Zeitschrift wieder beredtes Zeugnis ablegt.

Attttst imfe Wissenschaft.

DeutscheSchillerstistung. Nach dem soeben ans- gegebenen 48. Jahresbericht über Stand und Wirksamkeit der deutschen SchiNerstistnng sind im verflossenen Jahre von dieser Stistuna im ganzen 53 587 Mk. ausaegeben worden, darunter an lebenslänglichen Pensionen 17 020 Mk. Letztere erhielten u. et. die Witwe v. Roderich Benedix in Leipzig, Fr. v. Bodenstedts Wirme in Wiesbaden (f 1902), Jrsr. Maria v. Eichendorff in Wischoivitz, Gutzkows Witwe in Franksnrt a. M., Jul. Hammers Witwe in Pillnitz, Bürgers Enkelin Frau Emilie Auguste vertv. Köhler in Leipzig, Dr. Hermann v.Lingg in München, Otto Ludwigs Witwe in Dresden, E. Mörikes Witive in Neu-Ulm, Dr. Wilhelm Raabe in Braunschweig, Fräulein Antoinette Roquette in D a r m st a d t, Rückerts Tochter Fräulein 9)1. Rückert in Nerffetz, Ferd. v. Saar in Wien, Dr. Robert Schtveichel in Berlin. An vorübergehenden, auf ein oder nrehrere Jahre bewilligten Pensionen wurden 28 550 Mk. ausgegeben, darunter an Justmns Kerners Enkelin Fran Helene Fischer geb. Niethammer in Pittsburgh, Frau Hosrat Dr. Julius Grosse in Berlin, Frau Marte Herrig m Braun­schweig, Frau Ennna Herwegh in Paris, Proseffor Kinkels Hinter­bliebene in Berlin, Detlev Freiherr von Liliencron m Berlin, E. Palleskes Enkel in Thal als Erziehungsbeitrag, Frau Hulda Edle v. Sacher-M n s o ch in L i n d h e i m (O b e rh es s en), Frau Herinine Telman geb. Freiin v. Preuschen m Rom. Einmalige Verrvilligungen witrden im Betrage von 6917 Mk. gewahrt, da­runter an Dr. Julius Lohmeyer in Charlottenbura. Aus der v. Holteislistung erhielt 500 Mk. Hermann Frey gen. Martin Greis m München. Die ditrch den Tod Jultus Grosses erledigte Stelle des Generalsekretärs der Stistmig ist dem Novellisten Dr. Hans Hoff­mann übertragen worden. An sürstlichen Zuwendungen erhielt die Stistung im vergangenen Jahre ivicder 1000 Mk. vom deutschen Kaiser, 500 . Gulden vom Kaiser von Oesterreich, 7d0 Mk. vom Großherzog von Sachsen-Weimar und eine Gabe vom Groff« Herzog von Hessen.

Bilderrätsel.

(Nachbildung verboten.)

«Auflösung in nächster Nummer.)

Aitflösung der Kreuzcharade in vor. Nr.:

Alma, Degen, Algen, Made, Magen. De gen

Redaktion: August Göst. Rowtionsdruck und Berlaa der Briil l'schen Unirerstlvts-Bn»- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.